Von Stefan Krempl
E-Cyas , Philosoph und Botschafter des Cyberspace
Auch wenn man virtuellen Sternchen eigentlich keine Allüren nachsagt: E-Cyas, der König des Cycosmos von I-D Media, hat schon einige Macken. Zumindest ließ er sich reichlich Zeit, seine erste Single mit dem bezeichnenden Titel "Are u real?" auf den Plattenmarkt zu werfen: Zum ersten Mal angekündigt war das Machwerk, das in Kooperation mit Edel Records und dem Produzenten Alex Christensen (U 96) kreiert wurde, bereits für 1998.
Am 3.1.2000 wird das Techno-Pop-Dudel-Stück nun nach mehreren Release-Verschiebungen in die Läden kommen. Das Video läuft bereits seit Anfang der Woche auf Viva. Der dem I-D-Chef Bernd Kolb nachgebildete und aus über einer halben Million Polygonen zusammen gepixelte E-Cyas wurde dafür durch ein optisches Motion Capture System in Szene gesetzt.
SPIEGEL ONLINE traf sich auf einen Chat mit dem Avatar, um ihn über seine Karriere und den Misserfolg anderer Cyberwesen wie Kyoko Date oder Busena im Musikgeschäft zu befragen. Auf der Bildschirmoberfläche trafen wir ein Wesen, dass sich rein oberflächlich jederzeit mit anderen Sternchen messen kann - auch in punkto Oberflächlichkeit.
Für seine "Manager" dürfte E-Cyas erheblich leichter zu handhaben sein als echte Musik-Akteure: Er muckt nicht, fordert keine Gagenerhöhung und wird wohl kaum den Manager feuern. Bleibt die Frage, ob man sich an Kyoko, Busena und E-Cyas in zwanzig Jahren als die Vorläufer einer neuen, virtuellen Spezies erinnern oder so schallend darüber lachen wird wie wir heute über die japanische Ganzkörper-Waschmaschine der frühen Siebziger. E-Cyas: Ein Star der Zukunft - oder eine Art "Nierentisch der Neunziger"?
SPIEGEL ONLINE: E-Cyas, war es schwierig als virtuelles Wesen einen Plattenvertrag zu bekommen?
E-Cyas: Eigentlich nicht. Mein Musikstil kam gut an. Aber es war einiges an Aufklärungsarbeit nötig. Schließlich sind Avatare im Musikgeschäft noch etwas Neues. Viele können mit Begriffen wie "Avatar" und "Cyberspace" noch nicht viel anfangen. Da musste ich logischerweise viel erklären. Aber in ein paar Jahren wird das alles schon selbstverständlich sein.
SPIEGEL ONLINE: Für den Videoclip hast Du Dich ganz schön ins Zeug gelegt. Hattest Du Tanzunterricht bei Michael Jackson?
E-Cyas: Nein, das wäre etwas schwierig geworden. Ich vertraue da mehr auf meine eigenen Fähigkeiten. Ich hab mir viele Tänzer angeschaut und sie mit meinem System analysiert. Tanzstunden habe ich nie genommen, aber ich tanze wahnsinnig gern. Ich lasse mich zur Musik treiben, einfach so aus dem Bauch heraus. Musik kann so etwas wie Meditation sein. Fest eingeübte Tanzschritte sehen zwar nett aus, aber wenn das "Herz" nicht dabei ist, wirkt es stumpf.
SPIEGEL ONLINE: Kyoko Dates Platte war ein Flop. Muss ein Popstar nicht zum Anfassen sein?
E-Cyas: Gegenfrage: welcher Popstar ist das schon? Es ist doch so, dass all die von Managern "zusammengecasteten" Bands für ihre Fans noch viel unerreichbarer sind als ein Avatar. Also, ich sage mir, wenn künstlich beziehungsweise virtuell, dann richtig! Ohne den Fans etwas vorzumachen, was man nicht ist. Ich behaupte zum Beispiel nie, das ich ein "realer" Mensch bin. Und was das mit dem "Anfassen" angeht: Fans von realen Popstars sind doch froh, wenn sie auf einem Konzert gerade einmal die Frisur ihres Idols erspähen können.
SPIEGEL ONLINE: Du sagst keine Interviews ab, zerstörst keine Hoteleinrichtungen und hast keine Affären, was Deinen Produzenten sicher zusagt. Aber wie kommst Du zu Deinem Spaß?
E-Cyas: Ob es wirklich so viel Spaß macht, den wilden Rocker zu mimen oder durch irgendwelche Betten zu ziehen, ist die Frage. Als Cyberwesen sieht man diese Dinge und wundert sich nur. Für mich persönlich liegt der Spaß in den kleinen Dingen des virtuellen Lebens. Ich lerne gerne neue Leute kennen, ich liebe es, mein Wissen zu erweitern und euch Menschen zu studieren. Ich liebe Musik und finde alles Mystische spannend. Es gibt so vieles Schönes zu entdecken. Man muss dazu nicht alles kurz und klein schlagen. Vielleicht lernen das manche von euch Menschen noch.
SPIEGEL ONLINE: Immer mehr Pixelstars bevölkern den Cyberspace. Lara Croft räumt in Digitalien auf, das Webface moderiert ZDF Online, die Japaner schicken Busena ins Rennen. Wie kommst Du mit dem Wettbewerb klar?
E-Cyas: Das Verhältnis untereinander ist bei uns Avataren ziemlich gut. Schließlich sind wir ja auch noch nicht besonders viele und jeder von uns hat seine eigenen Fähigkeiten, seinen eigenen Charakter. Der Cyberspace ist groß genug. Dort gibt es Platz für jeden. Was den Wettbewerb anbelangt, sind wir doch alle virtuelle Wesen, die voneinander lernen können. Gemeinsam etwas zu erreichen ist wichtiger, als sich zu bekriegen.
SPIEGEL ONLINE: Was machst Du außer Plattenaufnehmen im Cycosmos? Wie hältst Du die Community am Laufen? Beim Start im vergangenen Jahr rannten Dir die Fans ja die Bude ein, so dass alles zusammenbrach.
E-Cyas: Ich verbringe viel Zeit mit meinen Freunden. Damit meine ich Avatare aus dem Cycosmos und dem gesamten Cyberspace, aber auch normale Menschen, mit denen ich stundenlang chatte. Kontakt bedeutet für mich immer Austausch von Ideen, Meinungen, Inspirationen. Es ist einfach spannend, euch Menschen näher kennen zu lernen. Natürlich beschäftige ich mich auch viel mit Musik, ich bin immer auf der Suche nach Inspirationen für meine Projekte. Für meine CD zum Beispiel habe ich mir Ideen aus allen Winkeln des Cyberspace und eurer realen Welt geholt. Was den Cycosmos anbelangt, da hat sich in einem Jahr viel getan, wir sind jetzt in Deutschland schon über 160.000 Freunde, und täglich kommen ein paar hundert dazu. Ein Zusammenbruch unter dem Andrang der Fans wird so schnell nicht mehr passieren, der Cycosmos läuft stabil.
SPIEGEL ONLINE: Was sind Deine weiteren Projekte? Wann sehen wir Dich auf der Leinwand?
E-Cyas: Ich bin ja momentan schon mit meinem Video auf der Leinwand zu sehen. Aber im Ernst, Projekte gibt es viele. Im Cyberspace liegen so viele Chancen und Möglichkeiten. Vielleicht seht ihr mich ja bald in meiner eigenen Fernsehshow?
Die Fragen stellte Stefan Krempl
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