Von Frank Patalong
Dem Nutzer wird in dem Ausklappmenü ein Mix aus Bookmarks, zuvor besuchten Seiten, Suchmöglichkeiten und Google-Ergebnissen angeboten. Irgendwann sollen dann auch die angebotenen Google-Ergebnisse abgestimmt sein auf die Surfgewohnheiten des Nutzers - wenn der nicht vorher seine privaten Daten löscht, denn derart detailliert beobachten lässt sich nicht jeder gern. Zum Glück ist auch das mit einem Mausklick erledigt. Und wer will, kann auch anonymisiert surfen.
Trotzdem: Die Sache hat ihren Wert. Künftig lässt sich direkt in Warenbeständen oder Archiven suchen. Man muss dem Browser nur mitteilen, wo man suchen will, und er geht gezielt vor. Wenn man sich einmal in der SPIEGEL-WISSEN-Datenbank umgetan hat, reicht schon die Eingabe von "Spiegel - Tabulatortaste - Merkel" in der Adresszeile, um das Archiv von SPIEGEL ONLINE nach Artikeln über die Kanzlerin zu durchsuchen.
"Amazon - Tabulatortaste - David Mitchell" sucht direkt nach Büchern des Autors. Das hat was.
Tabs werden einfach zu Fenstern - oder umgekehrt
Effizient ist auch der Umgang von Chrome mit mehreren Fenstern und Reitern innerhalb eines Fensters (Tabs). Neue Tabs werden immer direkt rechts neben jenem Tab eingereiht, aus dem heraus sie aufgerufen wurden. So behält man besser die Übersicht. Wer will, kann einen Tab per Mausklick von den anderen lösen und als eigenes Fenster auf den Desktop ziehen. Oder umgekehrt. Auch das eröffnet neue Möglichkeiten der Ordnung.
Mit wenigen Klicks kann jeder Nutzer außerdem Internet-Fenster als Verknüpfungen auf den Desktop, ins Startmenü oder in die Anwendungsleiste legen. Wer seine Webmail-Site auf diese Weise auf seinen Schreibtisch packt, kann sie letztlich kaum noch von herkömmlicher, fest installierter E-Mail-Software unterscheiden. Die Grenze zwischen Netzanwendung und klassischen Programmen verwischt so weiter - was in Googles Interesse ist, bietet der Konzern doch Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Mail- und Präsentationssoftware auf Internet-Basis an. Chrome hat außerdem Googles Gear-Plattform integriert, die den Betrieb von Internet-Anwendungen auch dann erlaubt, wenn der Nutzer gerade nicht im Netz ist.
Eine Schwäche ist dagegen die Lesezeichen-Verwaltung. Der Nutzer merkt sich eine Seite per Klick auf ein Sternchen neben der Adresszeile. Um sie wiederzufinden, muss er sie in der Lesezeichenleiste sinnvoll plazieren oder in der Adresszeile ein passendes Stichwort eingeben, dann wird sie in dem Ausklappmenü angezeigt. Das Öffnen aller Seiten eines Lesezeichen-Ordners und andere praktische Funktionen, wie man sie aus anderen Browsern kennt, sind dagegen arg versteckt. Die Verwaltung der Lesezeichen ist kaum präsent - weil man sie wohl nicht wirklich für nötig hält. Google wirft schon immer gern alles in einen großen Bottich, indexiert das Ganze und findet das Gewünschte dann auf Stichwort-Zuruf. So läuft das auch bei Chrome. Es funktioniert, es ist schnell - es ist aber auch ungewohnt.
Kleinere Bugs und einige Traditionsbrüche
Nicht nur hier bricht Google mit inzwischen tradierten Gewohnheiten der Surfer. Ob die es beispielsweise wirklich so toll finden, nach dem Start oder beim Öffnen eines neuen Tabs immer Miniaturen der von ihnen am häufigsten angesurften Seiten angezeigt zu bekommen, bleibt abzuwarten. Es ist toll, statt einer einfachen Startseite eine ganze Auswahl zum schnellen Klick angeboten zu bekommen. Es ist aber doof, wenn man im Büro gern mal private Mails checkt - und ein kurzer Blick auf den Desktop dann dem Kollegen oder Chef die Surfgewohnheiten des Chrome-Nutzers offenbart.
Chrome ist noch nicht frei von Fehlern. In der ersten Version konnte man auf mehreren Testcomputern nicht mit dem Mausrad aufwärts scrollen; offenbar liegt dies an einer Einstellungsinkompatibilität. Solche Pannen sind typisch für Betaversionen. Auch der Import von Lesezeichen aus Firefox fällt darunter, hier gab es auf mehreren Rechnern Probleme.
Unter dem Strich jedoch bietet Chrome - wie US-Marketingfachleute gern tönen - ein außergewöhnliches Surferlebnis. Es ist rasend schnell, intuitiv zu bedienen und bietet wirklich neue Services und Ideen. Interessant wird zu beobachten sein, was die Veröffentlichung nun auf dem Browser-Markt bewirkt.
Für Microsoft kommt sie jedenfalls zur Unzeit. Das Unternehmen bereitet gerade den Internet Explorer 8 zur Veröffentlichung vor. Vergleicht man dessen zweite Betaversion mit der ersten von Google Chrome, sieht es für Microsoft nicht gut aus. Es ist wie Familienkutsche gegen Sportwagen - und zugleich wie Benzinschleuder gegen Drei-Liter-Auto. Nicht zu vergessen: Erstmals tritt hier ein Konkurrent gegen Microsoft an, der auf den Desktops der Welt mindestens ebenso präsent ist. Google kennt jeder Internet-Nutzer.
Es wird gefährlich.
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