Ein beängstigender Auftakt. Mein Rechner startet erst im zweiten Anlauf, obwohl ich noch nie Ärger mit ihm hatte. Noch zwei Stunden bis Kiribati.
Freitag, 31. Dezember 1999, 12 Uhr. Die Nachrichten fluten ein! Alle Welt schaut in die Südsee, oder wo auch immer das ist. Endlich bemerkt die mal einer. Alles läuft reibungslos. Auch die Fernsehübertragung, aber deren Kameras sind ja auch auf europäische oder amerikanische Zeit geeicht. Die versagen dann erst in 12 bis 18 Stunden. Wäre interessant zu wissen, ob das Südsee-Fernsehen noch läuft. Muss ich unbedingt nachsehen: Gibt es Kiribati-TV auf Astra oder Eutelsat?
Freitag, 31. Dezember 1999, 14 Uhr Alles ruhig, ich kriege langsam Hunger. Aber die Dosen lasse ich noch. Weiß der Fuchs, ob ich die nicht noch brauche.
Freitag, 31. Dezember 1999, 19 Uhr Himmel, ich bin eingeschlafen! Die letzten Nächte waren aber auch rau. Zu viel im Kopf, zu viele letzte Erledigungen. Schnell nachsehen, was so alles passiert ist! Ich knacke - gegen meinen ursprünglichen Vorsatz - einen selbsterwärmenden Espresso aus dem Survival-Shop. Gar nicht schlecht, wird ziemlich warm. Neuseeland feiert gedankenlos vor sich hin, flippen richtig aus, die Kiwis. Als ob es das letzte Mal wäre.
Freitag, 31. Dezember 1999, 21 Uhr Die ersten Gäste sind wohl eingelaufen bei Maiers oben. Schön, dass es noch Menschen gibt, denen all das hier nichts bedeutet. Ich beneide das ein wenig, diesen Mangel an Tiefgang.
Freitag, 31. Dezember 1999, 21.45 Uhr Noch 15 Minuten, dann erwischt es Moskau. Die Chinesen lassen ja keine Nachrichten raus, kennt man ja. Alles normal, sagen die. Haben die damals ja auch gesagt, bei den Studentenprotesten. Ich spüre, wie ich langsam nervös werde. Ich weiß nicht warum, aber in den letzten Minuten muss ich oft daran denken, wie das früher alles so war, als Kind. Und später, mit 15. Und mit Gitti. Verdammt! Das wird immer lauter dort oben!
Feitag, 31. Dezember 1999, 21.52 Uhr Nette Leute, die Maiers, nur so oberflächlich. Als ich Hans-Georg bitte, die Musik etwas herunterzudrehen, weil ich die Nachrichten nicht verstehen kann, guckt er total verständnislos. "Wills'e vielleicht 'n Bier?" fragt er dann. Wie gesagt: nett, aber ignorant. Ich nehme das Bier.
Freitag, 31. Dezember 1999, 23.34 Uhr Der Countdown läuft, mein Test auch. Ich gehe alles noch mal durch. Wenn die Systeme versagen, will ich das als erster wissen. Also: Die Waschmaschine läuft, der Geschirrspüler, die Kaffeemaschine, der Staubsauger. Mein Rasierer brummt, das Radio plärrt, das Telefon hupt ein Freizeichen (ich habe es laut gestellt). Die Küchenmaschine rührt noch, das Bügeleisen glüht, der Umluftherd läuft hörbar. Draußen läuft der Motor meines Wagens, das Fenster lasse ich offen, damit ich jeden Motor-Huster hören kann. Hat mein Computerbildschirm gerade gewackelt? War das ein erster Aussetzer?
Freitag, 31. Dezember 1999, 23.42 Uhr Der Toaster! Ich habe den Toaster vergessen! Hat nicht irgendwo jemand was über Toaster geschrieben? Ich muss in die Küche!
Freitag, 31. Dezember 1999, 23.49 Uhr Das Licht ist aus! Die Maschinen auch! Alles ist aus! Oh Gott, es ist so weit!
Freitag, 31. Dezember 1999, 23.52 Uhr Hans-Georg hilft mir, die Sicherungen auszutauschen. Ich nehme noch ein Bier. Fünf, sechs von der Party sind auch da. Roswitha mag meinen Katalytgasofen. Echt gemütlich hier, meint sie, man sollte das Licht auslassen. Sie mag auch meine Petroleumlampe. Nette Leute. Ich glaube, ich gehe noch rauf auf 'ne Stunde.
Samstag, 1. Januar 1900, 0.46 Uhr Um das Auto kümmere ich mich morgen, das Telefon ist ständig besetzt. Aber Hans-Georg sagt, er hat die Typen gesehen, als sie wegfuhren.
Frank Patalong
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Web | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH