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31.10.2008
 

Web-Wahlkampf

Palin, Prinzessin des Pixel-Pop

Von Tobias Moorstedt

Sarah Palin ist ein Glücksfall für die komischen Seiten des Internets. Ansichten, Sprache, Ausrutscher, Äußeres - alles wird im Netz zum Rohmaterial für Satire, Agitation und Comedy. Die Lehre: Wer sein Bild ins Netz stellt, gibt die Kontrolle auf. SPIEGEL ONLINE zeigt, wohin das führen kann.

Tobias Moorstedt kennt die Web-Wahlkämpfer der USA persönlich - monatelang reiste er durchs Land und traf Macher und Strategen. Im Vorfeld der Wahl berichtet er für SPIEGEL ONLINE aus den politischen Untiefen des Netzes.

"Palin as President": Fremde, verrückte Welt

"Palin as President": Fremde, verrückte Welt

Die Zukunft hat nicht nur begonnen – sie existiert zeitgleich mit Gegenwart und Vergangenheit im zeitlosen Informationsstrudel des Internets. DSL-Leitung und WifI-Anschluss bilden ein glühendes Portal in eine Paralleldimension: Wir schreiben das Jahr 2009, 2010 oder 2011, Barack Obama hat offenbar die Wahl verloren, und auch Präsident John McCain scheint nicht mehr verfügbar zu sein, Sarah Palin regiert im Oval Office.

Die Webseite " Palin As President" liefert dank Flash-Technologie eine interaktive Fotografie aus dieser seltsamen Zukunft: Palin sitzt im Weißen Haus hinter dem Schreibtisch, lächelt und blinzelt in die Welt hinaus.

Die Programmierer haben einen lebendigen Traum-Raum geschaffen, fügen bis zur Wahl am 4. November täglich interaktive Items und Nachrichtenreferenzen hinzu. Da steckt das Urteil des Obersten Gerichtshofs über die Legalität von Abtreibung (Roe vs. Wade) im Schredder, da bohren im Vorgarten Ölpumpen in die Tiefe (Drill, baby, drill!), und an der US-Fahne hängt die Krone der ehemaligen Schönheitskönigin. Mit der Maus kann der Besucher in dieser fremden, verrückten Welt den Globus drehen, ein Bild von der Wand reißen, ein bisschen randalieren.

Sarah Palin, Hockey Mom, Pitbull mit Lippenstift, Jane Sixpack, die Frau, die am äußersten Rande von Amerika die fremde Macht Russland im Blick behält. Sarah Palin also ist eine Collage aus amerikanischen Archetypen, Talking Points und Pop-Pixeln, eine Medienfigur, die in der Hyperrealität des Webs den perfekten Nährboden gefunden hat. Die Gouverneurin von Alaska wurde als Co-Kandidatin im Internet erfunden - und hat sich dort vervielfältigt und weiterentwickelt.

Am Beispiel von Sarah Palin können Politiker eine wichtige Lektion über den Wahlkampf im Zeitalter ihrer eigenen technischen Reproduzierbarkeit lernen: Wer sein Bild ins Netz stellt, gibt die Kontrolle darüber auf, muss in Kauf nehmen, dass es verzerrt und verzehrt wird. Die Menschen machen sich mit Photoshop und anderer Mediensoftware ein eigenes Bild von den Kandidaten. Voter Generated Content, nennt man das in Amerika - und kein Politiker hat 2008 die Menschen mehr inspiriert als Sarah Palin.

Da findet sich zum Beispiel eine Facebook-Seite von Sarah Palin. Auf den ersten Blick wirkt alles ganz normal. Name, Beruf, Status (verheiratet mit einem Snowmobil-Kerl), im Feld politische Ansichten steht jedoch: "Ich bin nicht besonders politisch." Ein Comedy-Blog benutzt die bekannte Facebook-Oberfläche, die Gruppen, Tagebuch-Einträge und Galerie der Freunde, um eine kleine Geschichte des Wahlkampfs zu erzählen. Palin hat sich gerade der Gruppe "Never been out of North America" angeschlossen, die schwangere Teenager-Tochter meldet sich, Bill Clinton, John McCain hinterlassen Nachrichten im Gästebuch.

Das politische Narrativ der Gouverneurin (traditionelle Werte, Outdoor-Sports) lädt zur Satire ein: Tina Fey hatte als Palin-Klon großen Erfolg auf "Saturday Night Life", spielte sie mit leicht übersteigerter Mimik, Alaska Drawl (Dialekt) und dem verschwurbelten Originaltext. Die YouTube-Community konkurriert mit den Profis um die beste Palin-Parodie. Zeigen sie etwa als politische Femme Fatale oder als schwer bewaffnetes Pinup-Girl.

Sarah Palin spricht oft von "straight talk", ehrlichen Worten und harten Fakten. Dabei hat sie, mehr noch als George W. Bush, ein Problem mit kohärenter Satzbildung und der englischen Grammatik, und so die politische Desinformation durch semantische Destruktion auf ein ganz neues Niveau gehoben.

Sinneskreisel, Bandwurmsätze und die Angewohnheit, einen halben Satz auszusprechen, und dann einen neuen zu beginnen, "dieses seltsame, geisterhafte Schweben durch neblige Ausdrücke", wie der " New Yorker" beinahe mitleidig bemerkte, "als ob sie dazu verdammt wäre, auf immer nach ihrer linguistischen Heimat zu suchen".

Im Internet finden sich also nicht nur Anwendungen, mit denen man ihr Image bearbeiten kann, sondern auch ihren Sound. Die Web-Seite "Interview Palin" etwa generiert mit einem Algorithmus und einem politischen Wörter-Pool automatisch fiktive Antworten von Palin auf Interviewfragen - "die nach dem Zufallsprinzip erstellten Antworten machen auch nicht weniger Sinn als ihre Originalaussagen", meinen die Schöpfer der Seite zufrieden. Und auf "Remix Sarah Palin" liefern sich User einen Wettbewerb darin, wer mit einer Mix-Software die Aussagen der Kandidatin so bearbeiten kann, dass sie einen Sinn ergeben – Mashup-Madness.

Der Voter Generated Content zu Palin kommt zu überwiegenden Teilen aus dem demokratischen Lager – aber man muss kein politischer Gegner von Palin sein, um die psychotropen Qualitäten ihrer Kandidatur zu schätzen. Palins Zukunft scheint Vergangenheit zu sein – wenn man die Kreativität und Energie sieht, die sie im Netz freigesetzt hat, kann man eigentlich nur sagen: Wir werden sie vermissen.

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