Von Marc Baumann, Los Angeles
Morgens im Café Swork in Eagle Rock, einem nördlich gelegenen Stadtteil von Los Angeles. Die üblichen Stammgäste schlürfen an ihrem Mocca Latte, blättern noch verschlafen durch die "Los Angeles Times" oder starren auf den über der Theke angebrachten Fernseher, der die morgendlichen Lokalnews ausstrahlt.
Plötzlich wird das Programm unterbrochen, ein Standbild taucht auf und eine etwas dramatisch klingende Stimme verkündet: "Dies ist ein Erdbebendrill. Bitte begeben Sie sich unverzüglich auf den Boden, suchen Sie Schutz und verharren Sie dort.”
Die Stammgäste schauen zuerst verdutzt um sich, kriechen jedoch nach insistierenden Worten der Café-Crew unter die kleinen Tische. Aus dem TV-Gerät dröhnt das überlaute Grollen eines herannahenden Erdbebens. Der Fernseher dröhnt, die Wände zittern, eine Tasse fällt zu Boden, während einige der Gäste erschreckt zusammenzucken.
Nach zwei Minuten ist der Spuk vorbei. Ein junger Mann, der ein T-Shirt der Rockband Nirvana trägt, hat alles gefilmt. Er verweist auf seine spezielle Erdbeben-Website und sagt: "Das hat Spaß gemacht. Nächste Woche um die gleiche Zeit?”
"Cooler Spaß" - mit diesem Motto lässt sich die einwöchige Aufklärungskampagne "The Great Southern California Shakeout” zusammenfassen, die am Sonntag zu Ende geht. Gouverneur Schwarzenegger persönlich trat vor die Mikrofone, um die Bedeutung der gigantischen Erdbebenübung deutlich zu machen.
Nach jahrelangen vergeblichen Bemühungen, die Bewohner des Westküstenstaates für das am meisten vermiedene Party-Gesprächsthema zwischen San Diego und San Francisco zu interessieren, haben die kalifornischen Behörden in die Trickkiste Hollywoods und des Webs gegriffen. Mit Hilfe von gewieften Kommunikationsstrategien, Künstlern und anderen kreativen Fachleuten verwandelten sie eine Erdbeben-Alarmbereitschaftsübung in ein unterhaltsames Multimedia-Spektakel, welches jeden europäischen Zivilschützer vor Neid erblassen lassen würde.
Ein Special-Effects-Studio aus Hollywood wurde eigens angeheuert, um den während des Erdbeben-Drrills über lokale Radio- und TV-Sender ausgestrahlten "Soundtrack” so authentisch wie möglich klingen zu lassen - auch wenn das Resultat trotz erschreckender Echtheit nicht mit Orson Wells’ 1938 produzierten Horror-Hörspiel "Krieg der Welten" zu vergleichen war.
Dennoch wird der "Shakeout” mit über 5,3 Millionen Teilnehmern und 4000 eingebundenen Mitgliedern der Rettungsdienste als größtes Event zur Katastrophenvorbereitung in der Geschichte der Vereinigten Staaten gefeiert. Amerikaner lieben Superlative.
Das Mitmach-Web macht"s möglich
Die Organisatoren setzten bei ihrer breit angelegten Werbekampagne voll und ganz aufs Internet. Vor allem mit Hilfe des Mitmach-Web hofften sie, mit den Kaliforniern einen Dialog herzustellen und Communitys aufbauen zu können, die lange über den Drill hinaus bestehen werden.
So ist "Shakeout” nicht nur auf sozialen Online-Netzwerken wie Facebook und MySpace, sondern auch auf Microblogging-Sites wie Twitter präsent. Mit allerdings lediglich sechs veröffentlichten Tweets und elf Anhängern scheint man dort mit der digitalen Beben-Gemeinschaftsbildung noch ganz am Anfang zu stehen.
Bedeutend populärer ist die offizielle Shakeout-Website. Dort kann man eine persönliche Drillteilnehmer-Homepage erstellen, Feedback einsenden und per E-Mail Freunde und Bekannte zum Mitmachen anregen. Wer den Erdbeben-Ernstfall erneut zu Hause üben will, findet unter der Web-Adresse DropCoverHoldOn.org hilfreiche Anweisungen. Bedingung dafür ist allerdings, dass man auf die nicht ganz unumstrittene "Ducken-und-Decken-Methode" vertraut.
Sämtliche Werbespots und Informationsmaterialien der Erdbebenaufklärungskampagne sind auf einem eigenen Kanal von YouTube veröffentlicht. Dank der Zusammenarbeit mit Künstlern sind Aufklärungsvideos wie der "Shakeout”-Event-Hinweis (siehe Video unten), der "Preparedness-Now”-Kurzfilm und auch die graphischen Erdbebensimulationen äußerst originell ausgefallen und erfreuen sich großer Beliebtheit.
Mit viel Spannung erwartet wird der Beginn des Online-Spiels "After Shock". Im drei Wochen dauernden Multiplayer-Game müssen die Spieler verschiedene Missionen in einem Erdbebengebiet erfüllen. Zahlreiche Werkzeuge wie Videos, Blogs, Wikis und Twitter helfen, mit anderen Spielern zu kommunizieren und Rat einzuholen. Dabei laden sie auch Texte und Bilder von persönlichen Erdbebenerfahrungen hoch.
"After Shock” wird am Freitagabend auf der " Get Ready Party" in Downtown Los Angeles vorgestellt und ist ab Samstagmorgen um ein Uhr in der Früh deutscher Zeit für die Öffentlichkeit freigeschaltet. Das Event soll den "Spaß-Faktor" der Monsterbeben-Veranstaltung unterstreichen. Neben Reden von Lokalpolitikern gibt es Erdbeben-Lernspiele, Multimedia-Shows, Live-Konzerte und andere künstlerische Darbietungen.
"Wir wollen nicht Weltuntergangsstimmung verbreiten, sondern mit diesem Event Einwohner zusammenbringen und ihnen eine unterhaltsame Zeit bieten", sagt Ines Pearce, Medienkoordinatorin der für den Event mitverantwortlichen Earthquake Country Alliance.
Ganz nach dem Motto: Feiern, solange es noch geht. Experten zufolge liegt die Wahrscheinlichkeit, dass "The Big One" innerhalb der nächsten 30 Jahre Südkalifornien erschüttert, bei 99 Prozent.
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