Von Thorsten Dörting
Alles deutet darauf hin, dass der Spuk an diesem Montag vorbei sein wird. "Jetzt geht es nur noch um die formaljuristischen Aspekte. Lutz Heilmann hat die Auseinandersetzung für beendet erklärt", sagt Sebastian Moleski. "Jetzt müssen seine Anwälte genau das auch bei Gericht tun."
Linke-Politiker Heilmann: Zeigt Reue
Seit Samstag ist wikipedia.de faktisch tot. Zu sehen gibt es dort nur eine juristische Begründung - die über jene einstweilige Verfügung unterrichtet, die Heilmann beim Landgericht Lübeck erwirkt hat.
Laut Wikimedia-Anwalt Thorsten Feldmann ging es um vier Passagen in dem Wikipedia-Eintrag zu Heilmann, die im Wesentlichen Details zum beruflichen und politischen Werdegang des Bundestagsabgeordneten betrafen. Der 42-jährige Heilmann stammt aus dem sächsischen Zittau, ist Jurist und wurde 1986 Mitglied der SED - verließ dann aber 1992 deren Nachfolgepartei PDS, um im Jahr 2000 erneut einzutreten. Im September 2005 zog er für die schleswig-holsteinischen Linken in den Deutschen Bundestag ein. Bereits kurz darauf deckte der SPIEGEL seine Stasi-Vergangenheit als Personenschützer auf.
Mittlerweile hat Heilmann ein Einsehen, was Wikipedia angeht. Er hat am Sonntag den Kampf für beendet erklärt - nur gut einen Tag, nachdem die von ihm ausgelöste Sperre in Kraft trat. Er wolle keine weiteren juristischen Schritte unternehmen. Die Weiterleitung von wikipedia.de auf die Wikipedia-Inhalte, die in den USA liegen, soll wieder geschaltet werden können. Wenn Heilmanns Anwälte also vollziehen, was er selbst am Sonntag verkündet hat, dürfte der Zugriff auf die Lexikoninhalte über wikipedia.de sehr bald wieder funktionieren.
Die Begründung des Politikers: Die "falschen, ehrabschneidenden und deshalb mein Persönlichkeitsrecht verletzenden Inhalte" seien weitgehend aus dem entsprechenden Wikipedia-Artikel entfernt worden. Das hätte er allerdings auch einfacher haben können, sagt Wikimedia-Vertreter Moleski. Heilmann hätte sich doch zunächst an die Administratoren des Lexikons wenden sollen, statt sofort mit einer einstweiligen Verfügung zu kommen.
Screenshot der gesperrten Seite wikipedia.de
Der Linke-Abgeordnete bereut inzwischen sogar. Er bedauere, dass durch die einstweilige Verfügung die Wikipedia.de-Nutzer keinen "direkten Zugriff mehr auf die Wikipedia-Inhalte" gehabt hätten. Ihm sei es nicht "um Zensur, sondern schlicht um eine wahre Tatsachendarstellung" gegangen. Und dann das Eingeständnis, überreagiert zu haben: Der juristische Weg habe sich "insoweit als problematisch erwiesen, als durch die Struktur von Wikipedia die anderen Userinnen und User in Mitleidenschaft gezogen werden".
Tatsächlich dürfte die Aktion aus seiner Sicht eher kontraproduktiv gewesen sein. Denn von der gesperrten Seite wikipedia.de wird nur auf die deutschen Einträge des Internet-Lexikons auf dem US-Server de.wikipedia.org weitergeleitet. Diese waren das ganze Wochenende vollständig abrufbar, Heilmanns Eintrag inklusive.
16.000 Euro statt 3500 Euro Spenden am Tag
Wikimedia profitierte von dem Streit mit dem Politiker sogar - selbst wenn sich die ehrenamtlichen Macher wegen all der Arbeit, die sie deswegen hatten, nicht recht freuen können. Das Spendenaufkommen für das Online-Lexikon belief sich laut Moleski am Samstag, dem ersten Tag der Sperre, auf stolze 16.000 Euro - im Vergleich zum durchschnittlichen Spendenaufkommen von täglich rund 3000 bis 3500 Euro in der Woche zuvor. Laut Moleski gaben viele Spender explizit den Streit mit Heilmann als Grund für ihre Zuwendung an. Außerdem formierte sich schon kurz nach der Sperre Widerstand im Netz - zum Beispiel über eine eigens eingerichtete Protestseite gegen die Aktion des Linke-Politikers.
Wikimedia-Mann Molseki mutmaßt, dass Heilmanns Partei "ihm wohl gut zugeredet" hat - tatsächlich hat der Politiker durch die Aktion viel Negativ-PR bekommen. Moleski: "Am Freitag kannte fast niemand Lutz Heilmann. Spätestens am Montag kennt ihn ganz Deutschland."
mit Material von ddp
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