ThemaUmbruch der MedienweltRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
02.12.2008
 

Journalismus-Debatte

Auf in neue Tiefen

Von Christian Stöcker

Es geht dem deutschen Journalismus nicht gut zurzeit. Etats werden gekürzt, Stellen gestrichen, Magazine eingestellt. Und wieder einmal soll das Internet an allem schuld sein. An SPIEGEL ONLINE könne man den Niedergang sehen, behauptet ein Autor der "Frankfurter Rundschau". Eine Replik.

Daland Segler, 58, hat Germanistik und Anglistik studiert, bis zum zweiten Staatsexamen. Seit nunmehr 22 Jahren arbeitet er bei der "Frankfurter Rundschau". Und jetzt reicht es ihm.

Netznutzer: "Ideal vom Jäger, Fischer & Sammler"?
Zur Großansicht
Corbis

Netznutzer: "Ideal vom Jäger, Fischer & Sammler"?

Am Internet, findet Segler, geht der Journalismus zugrunde. Wegen der üblichen Verdächtigen: Blogger (Dilettantismus!), Bürgerjournalisten (Leserreporter!), Zeitdruck (Fehler!). Und Geldmangel natürlich. Man müsse sich nur mal die "Menge der Fehler" ansehen, die es auf einer Web-Seite gebe, "die als Vorbild für ein journalistisches Web-Portal gilt: Spiegel Online". "Natürlich" sei das "nicht bloß auf schlecht ausgebildete Schreiber zurückzuführen, sondern hat auch mit dem Zeitdruck des Mediums zu tun".

Segler hat recht: Es gibt in Online-Medien immer noch viel zu viele Tippfehler, und manchmal auch inhaltliche. Auch bei SPIEGEL ONLINE. Das Gute am Internet ist: Man kann sie korrigieren. Gute Online-Journalisten machen das auch. In deutschen Zeitungen dagegen sind solche Korrekturen immer noch die Ausnahme. Die "Frankfurter Rundschau" gehört zu den Ausnahmen - sie hat eine Rubrik namens "Sorry" (auf der Leserbriefseite, gleich hinter dem Sport, links unten).

Tatsächlich ist der Zeitdruck oft groß, unter dem in Online-Medien gearbeitet wird. Deshalb wird von guten Online-Journalisten enorme Leistungsfähigkeit verlangt, großes Talent - und eine hervorragende Ausbildung. In der Regel mehr als ein Studium.

Es ist in der Tat traurig, was in der deutschen Medienlandschaft derzeit passiert: Redakteure werden entlassen, Magazine eingestellt, Redaktionen zusammengelegt. Und es ist in der Tat ein Problem, dass für Werbung im Web verglichen mit Werbung auf bedrucktem Papier vielfach immer noch viel zu wenig bezahlt wird. Das muss sich ändern. Ob aber ausgerechnet Kollegenschelte und Publikumsbeschimpfung den Weg aus der Krise weisen?

Dass man auch ohne Zeitdruck Fehler machen und Stilblüten niederschreiben kann, zeigt der Printjournalist Segler selbst sehr anschaulich: In seinem Text erfindet er einen Superlativ des nicht steigerbaren Adjektivs "öffentlich", in einem einzigen Absatz macht er zwei Kommafehler. Er geißelt die "Faktenhuberei" des Internets mit dem Satz: "Wer zum Beispiel von den Gräueln im Kongo nur Zahlen, Daten und Namen zur Kenntnis nimmt, der weiß gar nichts, weil er etwa die Geschichte des Völkermords zwischen den Stämmen der Hutu und Tutsi in Uganda vor Jahrzehnten fehlen." Und er kritisiert Internet-Nutzer, die tatsächlich auch selbst veröffentlichen wollen, mit den Worten: "So hätte sich Karl Marx sein Ideal vom sich als Jäger, Fischer & Sammler selbst verwirklichenden Menschen kaum träumen lassen."

Der klügste Satz in dem langen Text mit der nicht ironisch gemeinten Überschrift "Auf zu neuen Höhen" ist ein Zitat von Rupert Murdoch, das für Journalisten aus allen Medien, ob digital oder analog, gilt: "Unser wirkliches Geschäft ist nicht das Bedrucken toter Bäume, sondern großartiger Journalismus und großartige Urteilskraft."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 29 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
31.12.2008 von andy abel: Auf zu neuen Tiefen

Da habe ich doch wohl einen interessanten Artikel in meinem Hausblatt Frankfurter Rundschau verpasst. Muss ich mir mal besorgen, denn was Herr Segler da reut SPIEGEL online schreibt befremdet mich ein wenig. Es tut als alter FR [...] mehr...

05.12.2008 von Ernst Robert: Mehr Gedankenfreiheit!

Ich bin mit SPIEGEL ONLINE eigentlich ganz zufrieden, bis auf die Arbeit mancher Administratoren im Forum, die pointierte, etwas witzig gemeinte oder zu kritische Beiträge zensieren. Das ist oft zu arbiträr und schadet der [...] mehr...

04.12.2008 von Björn Borg: Gewaltenteilung

Mit allem haben Sie recht. Was mir aber fehlt, ist eine Offensive zu diesem Thema: DER SPIEGEL - und auch SPON - sollte das sinkende Niveau selbst beobachten, kritisch hinterfragen und darüber berichten, statt eben auf die FR [...] mehr...

04.12.2008 von lis: qualität

Der "Spiegel" hat schon vor 30 Jahren - also lange vor Aust - Informationen durch Beschreibungen und Wertungen ausgebaut/ergänzt. Aber das wusste man als Leser/Leserin und konnte es einordnen. Ich weiss doch auch, wo [...] mehr...

03.12.2008 von Peter Hilnich: qualitativeBlog

Oh ich denke, Herr Segler hat vollkommen recht mit seiner Kritik. Natürlich hat Bloggen sofern nichts mit qualitativen Journalismus zu tun. Doch was nicht berücksichtigt wurde, sowohl von Herrn Segler als auch im Forum, ist, dass [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
alles aus der Rubrik Web
alles zum Thema Umbruch der Medienwelt

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Mehr auf SPIEGEL ONLINE







TOP



TOP