Dem Wort "Fehlkauf" wohnt ja eine ganz eigene Melancholie inne. Der Begriff ist nicht nur ein perfektes Krisenwort und passt damit gleich doppelt in die Zeit (Weihnachten, Finanzkrise), sondern markiert, rein semantisch, gleich noch eine Leerstelle: Das Falsche wurde gekauft. Nun fehlt das Richtige.
Mindestens fehlen ein paar Pfunde, damit aus dem Falschen doch noch das Richtige würde - aber dazu gleich.
Im Online-Auktionshaus Ebay, dem Sammelbecken des Abgelegten, Ungeliebten und Überflüssigen, ist "Fehlkauf" in diesen Tagen ein sehr ergiebiger Suchbegriff. Ein vielfaches, schwaches Echo von Christbaum-Krächen beschwört er herauf.
Mit der präzisierten Variante "Weihnachtsfehlkauf" findet man nur ein einzelnes, dafür aber besonders symptomatisch weihnachtsmelancholisches Stück: "Super Sexy Nachtwäsche". Größe 40/42, "im Brustbereich leicht gepolstert". Leider "zu groß" für die Beschenkte.
"Leider passe ich nicht hinein"
Nun hat das Weiterreichen von zu Weihnachten verschenkter Reizwäsche gleich in mehrfacher Hinsicht einen, sagen wir mal, zimtig-zitronig-ranzigen Beigeschmack: Da wollte sich ein Herr womöglich erstens selbst beschenken, denkt der vorbeispazierende Netz-Flaneur, hat sich dann aber, Fauxpas Nummer zwei, in der Größe vergriffen und das auch noch, Fauxpas Nummer drei, nach oben. Zwangsläufig scheinen da Gespräche, in denen Formulierungen wie "du findest mich also ..." und "aber nein, ich dachte nur ..." vorkommen. Mit Tränen und Türenknallen etwa?
Eine Gabentisch-Wäschetragödie mit umgekehrtem Vorzeichen deutet die Verkäuferin eines "wahrlich SÜNDHAFT tollen Teils" in Schwarz, mit Rosenblüten und Strumpfhaltern an: "Leider passe ich nicht hinein". Es handele sich, schreibt die Verkäuferin, um "einen weiteren Fehlkauf meines Lebensgefährten!" Er habe die Beschenkte "wohl dünner in Erinnerung, als ich es wirklich bin". Da schwingt mehr als ein bisschen Festtagswut mit, gerade im Wörtchen "weiteren".
Merke: Sich in der Größe zu vergreifen, kann in beiden Richtungen nach hinten losgehen. Und eine Bescherungsszene machen, das geht auch im Internet.
Konjunkturpaket des Familienfriedens
"Dann verkauf ich's halt bei Ebay" ist als finale Auspack-Eskalationsstufe in deutschen Wohnzimmern noch ein relativer Neuzugang, aber vermutlich einer mit kräftigen Wachstumsraten. Irgendjemand profitiert eben von jeder Krise.
In manchen Fällen kann das Versteigern aber auch schlicht die Peinlichkeit umgehen helfen, dem Schenkenden seinen Fehlgriff vor Augen zu führen. Versteigerung als sensibles Krisenmanagement gewissermaßen, als Konjunkturpaket des Familienfriedens.
So stellt eine liebende Mutter das Wohl ihres Kindes an erste Stelle und daher einen Pyjama ins Netz: "Ich weiß nicht, ob es herzlos ist, aber ich möchte meinem Sohn keine Mädchensachen anziehen - auch keine Schlafanzüge in Pink." Das ist verständlich. Und die Wahrscheinlichkeit, dass die in Sachen Farbwahl irregeleitete Uroma auf Ebay versehentlich über das verschmähte Stück stolpert, ist auch eher gering.
Bleibt, dem Sohnemann zu wünschen, dass es im Austausch nicht wieder einen Schlafanzug gibt.
Mitarbeit: Konrad Lischka
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