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14.01.2009
 

Web und Jugendschutz

Fachleute halten Risiken für überschätzt

Von Frank Patalong

Das Internet soll ein für Kinder gefährlicher Sündenpfuhl sein: An allen virtuellen Ecken lauern angeblich die Verführer. Ein Problem, sagt nun eine hochkarätige US-Studie zum Thema, sei das zwar durchaus - aber nur ein relativ kleines. Schlimm sei dagegen, was die Kids sich gegenseitig antun.

Folgt man dem Presse-Echo auf die Veröffentlichung einer aktuellen, von hochkarätigen Experten unter Führung des Berkman Centers der Harvard Universität verfassten Studie, kommt man zu dem Eindruck, dass hier eine Art von Produktenttäuschung vorliegt: "Enhancing Child Safety and Online Technologies" ist eine Expertise, die unter anderem mit viel Aufwand die wahre Größe des Problems sexueller Belästigung und Gefährdung von Minderjährigen im Web zu eruieren versucht. In Auftrag gegeben wurde sie von 50 Justizministern und Generalstaatsanwälten von US-Staaten, die außerdem wissen wollten, was sich technisch denn dagegen so alles unternehmen ließe.

Die Task-Force-Studie: Komplexe Antworten auf komplizierte Fragen

Die Task-Force-Studie: Komplexe Antworten auf komplizierte Fragen

Die Antworten der Studie schmecken weder manchen der Auftraggeber, noch dem nach Sensationen lüsternden Teil der Presse: In Wahrheit, konstatiert das 278-Seiten-Papier, sei das Problem gar nicht so groß wie immer wieder behauptet wird. Es werde auch in den Medien aufgeblasen. Und die Möglichkeiten, mit technischen Mitteln - womit neben Altersverifikationssystemen und Filtern auch Regeln und Verbote gemeint sind - gegen das vorzugehen, was man tatsächlich finde, seien sehr begrenzt. Einige der Auftraggeber sind nun unzufrieden und erklärten bereits, sie seien mit den Ergebnissen der Studie nicht einverstanden.

Kritisiert wird nun unter anderem die Methodik: Der im Laufe eines Jahres entstandenen Studie liegt zugegebenermaßen keine aktuelle, aktive Forschung zugrunde. Sie ist vielmehr eine Metastudie, die die Ergebnisse einer ganzen Anzahl von akademischen Arbeiten, von Statistiken der Justiz und andere Erkenntnisse zusammenführt. Das ist durchaus nicht unüblich: Die vergleichende Schau von Daten aus verschiedenen Quellen ergibt mitunter mehr als nur die Summe der einzelnen Teile. Metastudien gehören zum anerkannten Instrumentarium akademischer Forschung.

Beteiligt an der Erarbeitung durch die nur zu diesem Zweck gegründete "Internet Safety Technical Task Force" waren neben Thinktanks, Akademischen Instituten und Industrievertretern auch Jugendschutzorganisationen wie das National Center for Missing & Exploited Children. Den Branchenvertretern (u.a. von MySpace und Facebook) war die Teilnahme regelrecht verordnet worden. Gerade diese so breite und bunte Zusammensetzung der Arbeitsgruppe unter Leitung von der Harvard Law School hatte der Task Force im Vorfeld Glaubwürdigkeit gegeben.

Die Frage: wie groß ist das Problem wirklich?

In einer ersten Phase hatte man versucht, die tatsächliche Größe des Problems abzustecken. War es wirklich so, dass Kinder online und vor allem in Social Networks wie Facebook oder MySpace ständig sexuell kontaktiert und belästigt wurden? Führte das wirklich zu einer akuten Gefährdung? War es wirklich so, dass Kinder und Jugendliche ständig mit Sex und Pornografie konfrontiert wurden, selbst wenn sie das nicht wollten?

Belastbare Antworten gab es nicht auf alle diese Fragen. Bisher vorliegende kriminalistische Daten über sexuelle Belästigung und online angebahnten Missbrauch etwa, sagt die Studie ganz offen, stammen aus der Zeit vor Facebook und Co. Was die Situation in Social Networks angeht, ist bisher alles anekdotisch. Sprich: Es sind die Schlagzeilen, die die Wahrnehmung bestimmen.

Bisherige Erkenntnisse über solche Online-Missbrauche zeigten jedoch, dass vor allem ältere Jugendliche zu Opfern würden, die sich meist durchaus darüber im Klaren gewesen seien, sich auf sexuelle Beziehungen mit Erwachsenen einzulassen. Die Studie verweist hier auf häufig anzutreffende soziale Prädispositionen und auch auf problematische familiäre Umfelder.

Der wahre Feind ist kleiner

Erheblich häufiger als sexuelle Belästigung durch Erwachsene sei die durch Altersgenossen. Die täten sich auch im Bereich des "Bullying" hervor, das die Autoren der Studie als wichtigstes Problem für Jugendliche im Web benennen: Beschimpfungen und Diffamierungen, Psychokrieg und psychische wie körperliche Misshandlungen seien "die häufigste Bedrohung" für Heranwachsende, "sowohl offline wie online". Und Social Networks seien gerade nicht der virtuelle Ort, an dem es zu sexuellen Belästigungen oder Pornografie-Kontakten komme, sondern vielmehr zu teils fiesen Hackereien innerhalb der Peer-Group - eine virtuelle Erweiterung des Schulhofes.

Das Internet im Allgemeinen erleichtere zwar den Zugang zu potentiell "schädlichen, problematischen oder illegalen Inhalten". Das führe aber "nicht immer" dazu, dass Jugendliche auch wirklich häufiger damit konfrontiert würden. Wörtlich heißt es dazu: "Ungewollte Begegnungen mit Pornografie kommen online vor, aber diejenigen, die so etwas am wahrscheinlichsten zu sehen bekommen, sind die, die danach suchen, so wie zum Beispiel ältere männliche Jugendliche."

Besonders gefährdete Jugendliche hätten auch "in anderen Bereichen ihres Lebens Probleme", wie bei "riskanten Verhaltensweisen". Die psychosoziale Konstitution eines Jugendlichen und seine familiären Verhältnisse seien weit zuverlässigere Risiko-Indikatoren für sexuellen Missbrauch als der "Gebrauch bestimmter Medien oder Technologien".

Bildung statt Blockaden

Auf die Palme bringt die Studie die konservativeren, auf gesetzliche Maßnahmen zur Kontrolle des Webs drängenden Justizminister der Bundesstaaten, weil sie explizit empfiehlt, genau solche Maßnahmen nicht zu ergreifen: Es habe keinen Zweck, sich hier auf isolierte technische Lösungen wie Altersverifikationssysteme oder zensierende Filter zu stützen.

Gefragt sei vielmehr ein Ansatz mit vielen Facetten: Das reiche auch von technischen Lösungen, wo diese angezeigt sind, über konsequente Anwendung rechtlicher Möglichkeiten bis hin zu Qualifizierungsmaßnahmen für Eltern und Jugendliche - Stichwort Medienkompetenz. Die Task Force empfiehlt ausdrücklich eine bessere Ausstattung von "Schulen und Büchereien".

So etwas hören Sicherheitspolitiker nicht gern, weil Politik so nicht funktioniert. Um Maßnahmen durchzusetzen, brauchen sie ein kontrastreiches Bild, in dem Schwarz und Weiß klar abgesetzt sind. Sie brauchen die krasse Überzeichnung, wenn sie die Dinge in ihrem Sinne bewegen wollen. Wenn es um sexuelle Belästigung geht, wollen sie die Täter aussperren und zur Strecke bringen - und nicht die Kinder fit machen, die Typen selbst vor die virtuelle Tür zu setzen.

Die Förderung von Medienkompetenz steht selten auf der Agenda, wenn es um Fragen des Jugendschutzes geht. Das ist auch in Deutschland nicht anders, immer wieder: Auch hier steht uns 2009 eine von Seiten der Politik forcierte Debatte über die Zensur des Internets ins Haus. Man braucht kein Prophet zu sein, um das Kommen zusehen: Es ist ein Trend in weiten Teilen der westlichen Welt - und ein Thema, das sich prächtig für den Wahlkampf eignet, so lange man es oberflächlich thematisiert. Denn das, konstatiert die "Washington Post" mit Bezug auf die Task-Force-Studie, sei ja wohl die Erkenntnis des Ganzen: Einfache Antworten gibt es nicht.

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insgesamt 16 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
15.01.2009 von cobobka: Unangenehme Wahrheiten

Die Studie spiegelt genau jene Realität weiter, die jeder kennt, der sein Wissen über das Internet aus der Praxis und nicht von den Schlagzeilen der Presse her kennt. Schon klar, dass sie jenen sauer aufstößt, die sie in [...] mehr...

15.01.2009 von snickerman: Studie? Einfach ignorieren...

Und so weitermachen wie bisher: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,601179,00.html Diese Fachleute und die Frau von der Laien werden doch wohl besser wissen, was für die Jugend gut ist als so ein paar [...] mehr...

15.01.2009 von Stefan Albrecht: Endlich mal eine Studie...

...die zwar den ganzen Internet Sperrern nicht gefällt aber den Nagel voll auf den Kopf trifft. Das Problem ist nicht der fehlende, blockierende Internet Filter, sondern der Wille des Kindes, Internet zu missbrauchen weil es [...] mehr...

15.01.2009 von A_Friend: Und was machen wir in Deutschland?

Kann mal bitte jemand diese Studie unserer zensurgeilen Familienministerin um die Ohren hauen? Irgendwelche "Access Blocker" (wie die von der Leyen das so todschick betitelt) nützen gar nichts und sind pottsimpel zu [...] mehr...

15.01.2009 von raess2007: Internet unplugged

Man sollte zumindest bedenken, dass das Internet alles sehr viel einfacher gemacht hat. Ist aber eigentlich kein Problem. Den Waffenschrank, den schließt man ab, aber das Verhalten der Kids am heimischen Computer zu überwachen, [...] mehr...

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