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27.01.2009
 

Open-Source-Studium

Israeli will kostenlose Online-Uni gründen

Von Christian Stöcker

Die Welt verbessern mit Bildung: Das ist die Vision des israelischen Unternehmers Shai Reshef. Er will eine Online-Universität aufbauen, an der Studenten aus Entwicklungsländern einen Abschluss in Wirtschaft oder Informatik machen können - kostenlos.

Shai Reshef ist ein kleiner, fast komplett kahlgeschorener Mann mit wachen Augen hinter einer randlosen Brille. Er hat ziemlich viel Geld verdient, als er vor ein paar Jahren ein Unternehmen verkaufte, das er selbst seit 1989 geleitet hatte: Kidum, ein Anbieter von Vorbereitungskursen für Eingangs- und Sprachtests für die Universität. Mit einem Bildungsunternehmen ist Reshef reich geworden - nun will er mit einem Bildungsunternehmen die Welt verbessern. "Wenn man aus Israel kommt", sagt er, "ist Hoffnung doch alles, was man hat".

Werbebild: Vision einer globalen Lerngemeinschaft. Aber klappt das auch virtuell?
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Reshefs Vision ist: Wer sich gesellschaftlich und ökonomisch weiterentwickeln kann, wer eine Perspektive hat, der wird keine Verzweiflungstaten begehen. Wird beispielsweise nicht mit einem Sprengstoffgürtel um den Körper in einen Linienbus steigen.

Um die Hoffnung auf eine friedlichere Welt zu nähren, will Reshef eine globale Online-Uni gründen, an der Studenten vor allem aus Entwicklungsländern studieren und einen Abschluss erwerben können. Erwerben in doppelter Hinsicht: Reshef will zwar kostenlose Lehre anbieten, für Examina aber sollen die Studenten zahlen. Wieviel, soll vom Wohlstand ihres Landes abhängig gemacht werden - afrikanische Studenten sollen weniger zahlen müssen als Bewerber aus Industrienationen. Voraussetzungen fürs Studium: zwölf Jahre Schulbildung, Englischkenntnisse und ein Internet-Zugang. Ab April 2009 werden die ersten Bewerbungen entgegengenommen, im September sollen die ersten Kurse beginnen.

In der dritten Welt, sagt Reshef SPIEGEL ONLINE, "beenden viele Leute die Highschool - und dann bleiben sie hängen. Ich bin für sie die einzige Alternative".

Gründer sucht Sponsoren

Für seine Idee geht er gern auch tingeln: Derzeit ist Reshef bei Burda Medias jährlicher Konferenz von Unternehmern, Gestaltern und Philanthropen namens DLD auf der Suche nach Sponsoren für seine Idee - er schätzt, dass eine Anschubfinanzierung von fünf Millionen Dollar reichen sollte.

"Eine Million gebe ich selbst dazu", sagt Reshef. Verdienen will er mit der Sache nichts - er wolle "etwas zurückgeben". Er betreibt heute auch das - durchaus profitorientierte - Lern-Community-Portal Cramster.

Anfangs will Reshef 300 Studenten annehmen. Ab einer Gesamtzahl von 10.000 Studenten könnte sich das Projekt seinen Berechnungen zufolge selbst tragen. Studieren können soll man in der "University of the People" zunächst nur Informatik und Betriebswirtschaft - weitere Studiengänge könnten folgen, wenn die Sache läuft. Ein Studium, schätzt der Gründer, wird vier bis fünf Jahre dauern, schließlich würden die meisten der Studenten vermutlich nebenher ihren Lebensunterhalt verdienen müssen.

Erweiterung einer Idee

Online-Universitäten gibt es schon einige. Man kann im Netz große Mengen von Lernmaterialen etwa von der US-Eliteuniversität MIT abrufen, man kann an der britischen Open University Online-Kurse belegen, als Nicht-Europäer allerdings nur in Ausnahmefällen. Diverse Seiten bieten Linksammlungen an, die wiederum zu den kostenlosen Kursangeboten verschiedener, meist in den USA ansässigen Universitäten führen. Doch Reshef will etwas anderes: Erstens sollen seine Internet-Studenten einen echten Abschluss bekommen, vergleichbar dem an einer US-Universität - und zweitens soll das gesamte System "Open Source" sein: Öffentliche Lernmaterialien und kollaboratives Lehren und Lernen. Die MIT-Materialien will auch Reshef für seine Online-Kurse verwenden.

Seine Lehrkräfte, hofft er, werden aktive oder pensionierte Professoren aus verschiedenen Ländern der Welt sein, die ihre Aufgabe als eine Art Zeit-Spende für die gute Sache betrachten. In einem Wiki-artigen System sollen die Studenten Vorlesungen mehr lesen als hören, Aufgaben bearbeiten und Rückmeldung über ihre Arbeit bekommen. Über ein angeschlossenes Social Network sollen sich Studenten zu Arbeitsgruppen oder Lern-Teams zusammenschließen. Fortgeschrittene Studenten von westlichen Universitäten könnten als Mentoren mit einspringen und einzelne Kursteilnehmer beim Studieren unterstützen. "Ich hoffe, dass die Community die Arbeit erledigen wird", sagt Reshef.

Offene Fragen

Mit Nicolas Negroponte, dem Schöpfer des "One Laptop per Child"-Projects hat Reshef noch nicht gesprochen - obwohl doch die Frage im Raum steht, wo all die hoffnungsvollen Studenten in der dritten Welt die Rechner herbekommen sollen, von denen aus sie an seinem Programm teilnehmen sollen. Reshef hofft auf spendenwillige Kooperationspartner und auf Unterstützung aus den Reihen von Hilforganisationen. "Die haben Leute vor Ort", sagt er. Wenn man die einbinden könnte, würde das sowohl das Rekrutieren von Studenten erleichtern als auch Vor-Ort-Information verfügbar machen, die seinem System sonst fehlt: "Sagen wir, in Land X brechen 50 Prozent der Nutzer ihr Studium ab - warum ist das so? Das können nur Leute vor Ort beantworten."

Vor Ort sollen auch die kostenpflichtigen Examina ablaufen - in einer echten Examenssituation, um dem Vorwurf vorzubeugen, hier würden Abschlüsse ermogelt. Er führe derzeit Gespräche mit internationalen Test-Organisationen, um entsprechende Vereinbarungen zu treffen. Sprachtests wie beispielsweise der TOEFL-Test, den jeder absolvieren muss, der an einer US-Universität studieren möchte, werden überall auf der Welt in regelmäßigen Abständen veranstaltet. Derartige Strukturen will Reshef nun für seine Sache einspannen - was, das weiß er, Geld kosten wird.

Ein Marketingbudget habe er nicht, er hoffe, dass Sponsoren wie potentielle Studenten die "University of the People" selbst finden werden. Tatsächlich ist der Mann mit den wachen Augen der beste Botschafter in eigener Sache - sogar in die "New York Times" hat Reshef es mit seiner Idee schon geschafft.

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