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04.02.2009
 

Verhunzte Pop-Klassiker

Microsoft vs. Musik

Von Frank Patalong

Mit der Musik-Software Songsmith wollte Microsoft die Kreativität seiner Kunden wecken - das ist auch gelungen, nur ganz anders als geplant. Die Nutzer produzieren keine eigenen Dudel-Liedchen, sondern verhunzen bei "YouTube" Pop-Klassiker - das ist unerträglich grausam und unerträglich lustig.

Wer zurzeit bei YouTube nach "Songsmith" sucht, findet auf Anhieb über 400 Videos. Wer keines davon anklickt, könnte anerkennend nicken und Microsoft einen absolut außergewöhnlichen Publicity-Erfolg bescheinigen. Die Songsmith-Software wurde schließlich erst Ende der ersten Januarwoche öffentlich gemacht.

Ihre Grundidee: Eine Art Karaoke, nur umgekehrt. Statt einen Soundtrack anzubieten, auf den man singt, kann man Songsmith etwas vorsingen - und das Programm "komponiert" eine Instrumentierung dazu. Absolut jeder, suggerierten Microsofts Werbespots, könne damit zum Komponisten werden. Eigentlich genial.

Doch die Sache hatte zwei Schönheitsfehler: Zum einen klingen die Tonteppiche, die Songsmith verlegt, als habe Dieter Bohlen sie auf einem Taschen-Synthesizer aus dem Jahr 1984 eingespielt. Zum anderen kommen die Werbevideos von Microsoft dermaßen dämlich daher, dass sie sofort Kultstatus erlangten.

Danach dauerte es nicht mehr lang, bis sich die Internet-Nutzerschaft sich der kostenlosen Testversion von Songsmith bediente - und mit geradezu entfesselter Kreativität ans Werk ging, das Potential des Programms auszutesten.

Allerdings nicht, um eigene Liedchen in die Welt zu setzen. Stattdessen kam jemand auf die Idee, die Gesangsspur aus einem Pop-Klassiker zu extrahieren und durch Songsmith zu schicken. Das Ergebnis traf auf so viel Begeisterung, dass fast stündlich neue Versündigungen am musikalischen Erbe bei YouTube erscheinen.

Jetzt schreit Sting sein "Rooooxanne!" zu synthetischen Calypso-Klängen, Oasis "Wonderwall" ist nach Analyse durch die Software zum Techno mutiert und AC/DC gröhlen "Thunder!" zu einer Lautuntermalung, die auf keiner diamantenen Hochzeit negativ auffallen würde. Selbst Barack Obama kommt nicht ungeschoren davon: Auch in einer seiner Wahlkampfreden findet Songsmith eine hochgradig Aufzug- und Hotellobby-kompatible Melodie.

Immer mehr der Remixe firmieren dabei unter dem Stichwort "versus" nach dem Muster "The Clash vs. Songsmith", denn natürlich leistet Songsmith hier eine zum Teil kakophonische Dekunstruktion. Wenn Kurt Cobain (Nirvana) sein "In Bloom" in strandbarkompatibler Version krächzt, "Hotel California" klingt, als wäre es ein verlangsamter Dumpf-Dance-Elektrohit aus dem Après-Ski-Zelt und wenn Queen "We Will Rock You" zu elektronischen Bläsern intonieren (siehe unten), dann bleibt von den Originalen meist wenig übrig. Macht nichts: In diesem Fall ist das lustig, außer für Microsoft.

Die Programmierer des Software-Riesen haben der Web-Gemeinde unabsichtlich eine Steilvorlage geliefert, nach Herzenslust abzulästern. Vielleicht ist das aber noch nicht einmal negativ: Für Songsmith mag es Käufergruppen jenseits des Schulalters erschließen - denn trotz der erwachsenen Werbefiguren in den Videos dürfte Songsmith, wenn man es als Kompositionssoftware ernst nimmt, vor allem für Kinder attraktiv sein.

Wie attraktiv es als Spaß-Software für uns Ältere ist, haben wir auf den folgenden Seiten zusammengetragen - mit einigen der unerträglichsten YouTube-Videos powered by Songsmith. Warnung: Das ist wahrlich nichts für musikalische Gemüter.

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