Von Frank Patalong
Noch sind Social Networks vor allem Geldgräber, doch das könnte und müsste sich ändern, glaubt das Marktforschungsunternehmen Nielsen. Denn der Boom der Social Networks hält nicht nur an, er beschleunigt sich sogar: Keine Applikation des Internet wächst schneller.
Inzwischen stehen die Netzwerke nach der Nutzung von Suchmaschinen, von Inhalte-Portalen und den Serviceseiten von Softwarefirmen an Platz Vier der meistgenutzten Dienste. Während der Zuwachs in der Nutzung der erstgenannten Internet-Anwendungen im Bereich von 1,4 bis 1,9 Prozent pro Jahr zulege, wüchsen die Netzwerke weltweit jährlich um 5,7 Prozent.
Das klingt nach wenig, steht aber für eine tiefgreifende Umwälzung in der Nutzung des Internets: Die Nutzungsdauer von Network-Angeboten stieg im letzten Jahr global um 38 Prozent, sagt Nielsen.
Die Nielsen-Studie " Global Faces and Networked Places" versucht, Erkenntnisse über die Veränderung von Größe und Zusammensetzung der globalen Nutzerschaft sowie über die angestiegene Nutzungsdauer von Social Networks zu erfassen. Analysiert wurden globale Mitlieder- und Nutzungszahlen sowie Kennzahlen aus neun wichtigen regionalen Märkten inklusive Deutschland.
Deutschland kommt spät, aber gewaltig
Das galt in Sachen Social Networks bisher als Entwicklungsland: Nirgendwo kam der Boom der Networks später an als in den deutschsprachigen Ländern, nirgendwo in der westlichen Welt ist die Nutzung geringer. Was sich allerdings nun schnell ändern könnte, denn 2008 war offensichtlich nicht nur in den Schlagzeilen der hiesigen Medien das Jahr der Networks: Nielsen verzeichnet in der Nutzung von Social Networks und Blogs (von den Marktforschern zusammenfassend als "membership services" bezeichnet) hierzulande einen Zuwachs von 39 Prozent von 2007 auf 2008. Inzwischen, behauptet Nielsen, seien 51 Prozent der deutschen Internetnutzer in Social Networks oder Blogs engagiert (weltweit sollen es 67 Prozent sein).
Viel gravierender aus Sicht der Kunden von Nielsen, die darauf spezialisiert sind, der Medien- und Werbewirtschaft Marktdaten zu liefern, sind jedoch zwei andere Beobachtungen: Da ist zuvorderst die sich verändernde Altersstruktur der Netzwerk-Nutzer. Natürlich sind die Netzwerke nach wie vor jugendliche Zonen, aber das beginnt sich rapide zu ändern. Die Altersgruppe, in der das weltgrößte Network Facebook die höchsten Zuwächse verzeichnet, ist demnach die der 35-49-Jährigen. Sogar bei den 50-64-Jährigen wächst Facebook doppelt so schnell wie in der Altersgruppe bis 17 Jahre.
Was natürlich daran liegt, dass die meisten Jungen eh schon "drin" sind und Facebook zudem aus dem universitär geprägten Nutzer-Umfeld erwuchs - analog etwa zu StudiVZ in Deutschland.
Die Netz-Zeitbudgets verändern sich erdrutschartig
Aber auch hier zeigt sich der Effekt dieser Altersverschiebung: StudiVZ ist in der Zählung von Nielsen längst durch das von älteren Zielgruppen geprägte Wer-kennt-wen? auf die Plätze verwiesen. Die Online-Reichweitenmessung der ivw bestätigt dieses Bild seit Monaten.
Die zweite, potentiell markterschütternde Zahl betrifft die Nutzungsdauer von Social-Network-Angeboten in Deutschland. Die stieg, sagt Nielsen, im letzten Jahr um 140 Prozent. Zu gut Deutsch: Was sich da gerade massiv verändert ist, was die Web-Nutzer mit dem Internet anstellen, wie sie dort ihre Zeit verbringen.
Im Vergleich mit dem Rest der Welt hinken Deutschland und die Schweiz immer noch kräftig hinterher. Gerade einmal 7,5 Prozent seiner im Internet verbrachten Zeit verbringt der deutsche Surfer in Social Networks (Schweiz: 9,3 Prozent; Zuwachs von 2007 auf 2008: 207 Prozent). Im globalen Vergleich ist das noch wenig: Brasilianer investieren hier 23,1 Prozent ihrer Online-Zeit, Briten 17,4 Prozent, Italiener 15,4 Prozent. Es ist allerdings schon mehr als in den USA (6,4 Prozent), dem angeblichen Mutterland der Networks.
Wer auf all das noch gar nicht wirklich reagiert hat, ist die Werbewirtschaft. Kein Wunder, das Phänomen ist für Werber schwer zu fassen: Network-Nutzer sind äußerst flatterhaft, beschäftigen sich nur extrem kurz mit aufgerufenen Seiten. Sie sind keine Leser, denen man im redaktionellen Umfeld Werbung zeigen könnte, sondern Zapper, die bei jedem Besuch eines Networks eine Unzahl von Seiten aufrufen.
Wer-kennt-wen? oder StudiVZ weisen auch hierzulande in ihren Log-Statistiken Milliardenzahlen aus. Während der Durchschnittsleser von SPIEGEL ONLINE circa 5,5 Seiten aufruft, klickt der Durchschnittsbesucher von StudiVZ auf 24 Seiten. Noch extremer sieht das bei den ganz Jungen aus (SchülerVZ: 35 Seitenaufrufe pro Besuch), aber auch bei den Älteren: Die Klickwütigen bei Wer-kennt-wen? bringen es auf satte 32 Seitenaufrufe pro Besuch.
Zu Recht fragt sich da die Werbewirtschaft, wie man da die Kosten einer Anzeigenschaltung bezahlen soll: Der eilige, viel zu beiläufige Seitenaufruf ist ihr dort nichts wert. Naheliegend wäre nur eine Zahlung, die sich an der (noch nicht erfassten) Verweildauer orientiert.
Auf anderen Social Networks posten:
wahr gesprochen mehr...
Das Schöne an den Ergebnissen der Studie ist doch, daß der Kapitalismus derzeit an allen Fronten durch seine eigenen Mittel versagt. Wer sagt denn z.B. daß es ein Naturgesetz ist, daß man mit sozialen Netzwerken Geld verdienen [...] mehr...
Ich meinte Yasni, nicht yopi. Selber schuld, wenn man sich so trendige Kunstnamen gibt. mehr...
Ach, verdammt, ich dachte immer, dass die meisten User von wkw Kanzler werden wollen. Du wirst Dich wohl damit abfinden müssen, dass es in D rund 82 Mio. "Verlierer" gibt. Auf der anderen Seite ist das doch eine [...] mehr...
Ich glaube nicht, dass der Höhenflug der Social Networks nur vorübergehend sein wird. Eher wird es tatsächlich so sein, dass man einen Account bei xing, oder was für ihn am wichtigsten ist, haben wird. Es wird schon so viel online [...] mehr...
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