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16.03.2009
 

Experiment in San Francisco

Bürger sollen den Zeitungstod stoppen

Von Stefan Schultz, San Francisco

San Francisco droht zur ersten US-Großstadt ohne seriöse Tageszeitung zu werden. Mit "The Public Press" rüstet sich eine unabhängige Redaktion für das mögliche Demokratiedesaster - und will mit einem neuen Geschäftsmodell die freie Presse retten.

Es geht um eine informierte Öffentlichkeit an diesem diesigen Vormittag in San Francisco. "Es sind skandalöse Zustände", beginnt Chefredakteur Michael Stoll die Sitzung, und eine Gruppe Redakteure guckt ihn mit ernster Miene an. "Wir sollten schnell handeln." Ein Reporter mit schwarzer Hornbrille und weißem Haar nickt zustimmend. Er sagt: "Wir sollten mit der Story schnell online gehen."

Die Krisensitzung dreht sich ausnahmsweise nicht um den Zerfall des amerikanischen Journalismus. Die Redaktion von " The Public Press", einem nicht profitorientierten Online-Portal, für das Lokaljournalisten auf freiwilliger Basis Artikel schreiben, befasst sich mit einem anderen Problem, das die Stadt chronisch beschäftigt, seit sie am 18. April 1906 davon heimgesucht wurde.

"Erdbeben", sagt Stoll und blickt ernst in die Runde. Viele Menschen, die in der Stadt wohnen, hätten keine Ahnung, wie einsturzgefährdet ihre Häuser seien. Makler und Stadt verschwiegen dieses empfindliche Detail. Um zu zeigen, wer sicher wohnt und wer nicht, hat Stolls Team in Archiven Daten über die Bauarchitektur ganzer Viertel gesammelt - und will diese nun als Flash-Karte online stellen.

Michael Stoll, 36, ist schlank, hemdsärmelig, seine Bewegungen sind bisweilen schlaksig. Er doziert an der San Jose State University über journalistische Qualität, schrieb unter anderem für die "New York Times" und den "Philadelphia Inquirer". Jetzt ist er Chefredakteur von "The Public Press". Sollte der " San Francisco Chronicle", wie es derzeit viele fürchten, sterben, wäre sein Portal neben dem dürftigen Gratisblatt "The Examiner" die einzige Tagespublikation in San Francisco.

Endzeitstimmung im Newsroom

Der "Chronicle", Auflage 339.000, ist die größte Zeitung der acht Millionen Einwohner umfassenden Metropolregion. Er ist nach der "L.A. Times" die zweitgrößte Tageszeitung an der Westküste und die zwölftgrößte Amerikas. 2008 hat der "Chronicle" jeden Monat mehr als eine Million Dollar verloren. Der Hearst-Verlag, dem die Zeitung gehört, erklärte, falls es keinen Ausweg aus dem Kostenstrudel gebe, "werden wir keine andere Wahl haben, als schnell einen Käufer für den 'Chronicle' zu finden oder ihn ganz einzustellen".

Am vergangenen Samstag erst hat sich die größte in der "Chronicle"-Belegschaft vertretene Gewerkschaft zu drastischen Einschnitten bereiterklärt. Wie Reuters berichtet, stimmte die California Media Workers Guild einer Änderung der Tarifverträge zu, die es dem "Chronicle" erlauben würde, mindestens 150 Stellen sowie bestimmte Rechte und Privilegien zu streichen.

In der Redaktion des "Chronicle" herrscht Endzeitstimmung. "Wir arbeiten in einem Klima der Angst", sagt ein Reporter. Ein schwedischer Praktikant wurde mit den Worten begrüßt: "Schön, dass du da bist, leider wissen wir nicht, ob du die volle Zeit bleiben kannst. Weil wir nicht wissen, ob es uns in ein paar Wochen noch gibt." Ein wirkliches Rezept gegen die Krise scheint der Hearst-Verlag nicht zu haben. "Es läuft alles auf einen Verkauf hinaus", sagt der Reporter. "Oder auf den Tod."

San Francisco ist nur eine von vielen US-Städten, die vom aktuellen Zeitungsbeben erschüttert werden. Seit Jahren siecht die Print-Presse dahin, durch die Weltwirtschaftskrise haben sich die Schockwellen noch sichtbar verstärkt. Wie drastisch die Lage ist, dokumentierte die "New York Times" erst am Donnerstag auf einer Landkarte der Print-Pleiten. Ganz Amerika ist von roten Todesflecken übersät, in Städten wie Denver (Pleite der "Rocky Mountain News") oder Chicago (Pleite des zweitgrößten US-Verlags Tribune), wo gewichtige Printhäuser schließen, sind die Male des Niedergangs bedrohlich groß.

Bislang fürchteten US-Großstädte vor allem darum, dass ihnen Meinungsvielfalt abhandenkommt, weil sich die Zahl großer Zeitungen von zwei auf eins reduziert. Doch es könnte noch schlimmer werden. "Bis 2009 oder 2010 werden manche Ein-Zeitungs-Märkte Null-Zeitungs-Märkte sein", prognostiziert Mike Simonton, Analyst für den Printsektor bei der Ratingagentur Fitch.

Ausgerechnet San Francisco, Sinnbild für Pluralismus und Multikulturalität, droht schon jetzt, der erste Null-Zeitungs-Markt zu werden, das neue Epizentrum des Pressebebens.

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