Von Stefanie Söhnchen
"Drei, zwei, eins" - Jessica Albas volle Lippen zählen langsam den Countdown zum Start eines Kampfes herunter. Ungeschminkt, im weißen Kapuzenpulli hat sie gerade eine Revanche gefordert. Sie reißt ihre haselnussbraunen Augen ganz weit auf - und schließt sie dann für eine Minute und fünf Sekunden nicht mehr: Platz eins beim Anstarr-Wettbewerb.
Jessica Alba ist Promi-Mitglied der Community der Internet-Wettkampfseite Ibeatyou.com, die den Kampfgeist aus jedermann herauskitzeln will. Denn hier soll ein Spruch wie "Ich bin besser als du" nicht bloß eine hohle Angeber-Phrase sein, sondern gleich von einem "Und ich werd's dir zeigen" gefolgt werden.
Für diesen Beweis müssen die User zunächst eine "Competition", also einen Wettkampf anstoßen, ihr angebliches Talent als Foto, Video oder Text dokumentiert hochladen und dann auf Nachahmer warten. Die Bewertung der Community kann dann das Selbstbewusstsein des Herausforderers vergrößern oder seine Behauptung in der Luft zerreißen.
"Am Ende kann nur einer gewinnen, aber trotzdem gibt es auch für den 500. Platz noch aufmunternde Kommentare", sagt Abdul Khan und bescheinigt den Usern damit eine Dabei-Sein-Ist-Alles-Mentalität. Er ist Mitglied des Ibeatyou-Firmen-Teams und hat auch das Bewertungssystem der Seite mitentwickelt.
Denn hierin besteht im Grunde das Ziel des Spiels: Es geht um Ruhm. Nur wenige User haben sich bisher durch die rund 30 erreichbaren Level bis zum Top-Titel "Icon" (dt.: "Ikone") durchkämpfen können. Dabei bekommt man eigentlich für jede Kleinigkeit Punkte: Quizze einstellen und beantworten, Freunde einladen, Beiträge bewerten und natürlich dafür, dass man an Wettkämpfen teilnimmt und diese idealerweise gewinnt.
Abdul Khan behauptet allerdings, dass es noch um viel mehr gehe: "Neben dem Spaßeffekt lernen die User auch Dinge über andere Menschen und andere Kulturen." Die entstandenen Freundschaften führten zu günstigen Schlafplätzen und Feiermöglichkeiten überall auf der Welt, weiß er aus Erfahrung: Gerade hat ihn ein User aus San Diego zu einer Party eingeladen - und er wird hingehen.
Film-PR mit Marshmallows
Die Mitarbeiter halten engen Kontakt zu den Mitgliedern. Fast rund um die Uhr ist einer von ihnen im Live-Chat zu erreichen. Außerdem fordern sie als Team auch öfter mal die User zum Kampf heraus. Abdul Khan nennt das "engaging": Es ist Anheize und Kundenbindung zugleich. Denn eine enge Bindung an die Seite soll Reichweite schaffen.
Noch ist die Web-Seite ein Zwerg im Vergleich zu wirklich bekannten Angeboten, die ihre Logs in dreistelligen Millionenzahlen ausweisen, oder Erfolgsseiten, die hier oft nur noch auf Milliarden Seitenaufrufe im Monat verweisen. Khan: "Im Monat Februar hat Ibeatyou.com 1,7 Millionen Klicks verzeichnet." Das ist vergleichbar mit dem Logvolumen, das in Deutschland die Web-Seite einer kleinen Regionalzeitung in der Provinz generiert - obwohl originell, sind die Wettseiten noch kein Trend, kein Publikumsmagnet.
Ungewöhnlich ist das Refinanzierungskonzept der Seite: Ibeatyou setzt hier nicht auf klassische Werbung, sondern auf bezahlte PR-Aktionen: "Wir entwerfen spezielle Beiträge beispielsweise zu Kinofilmen, in denen die Schauspieler die User zum Kräftemessen fordern." So hat es unter anderem zu den Filmen "Twilight" oder "Vorbilder" Sonderwettkämpfe gegeben.
Zum Film "House Bunny" konnte man beispielsweise Anna Faris dabei beobachten, wie sie sich unter Würgen Marshmallows in den Mund schiebt und zwischendurch "House Bunny" nuschelt - allerdings übertraf eine Userin ihre fünf untergebrachten Marshmallows mit 14 reingestopften Zuckerpuffern. Diese Art der "spaßigen" Verbindung zu dem Film soll Lust auf den Kinobesuch machen.
"Ich drücke Äpfel"
Auch deutsche User nutzen die Website, um ihre Talente zu beweisen. "Die Deutschen sind zwar sozial und freundlich, aber auch sehr kämpferisch", findet Abdul Khan.
Das sieht auch die deutsche Website wannachallenge.de durch den jahrelangen Erfolg von "Wetten, dass…?" bestätigt. Deshalb hat sich Christoph Gottschalk, der Bruder von Thomas Gottschalk, mit dem Bauer Verlag zusammengetan und diese Plattform gegründet. Zuerst lautete das erklärte Ziel der Seite, europäische Wett-Kandidaten für das chinesische "Wetten, dass…?" zu rekrutieren. "Wir haben dieses Sendeformat ins Ausland exportiert. Das bringt auch die Verpflichtung für Nachschub mit sich", erklärt Christian Lueg, Contentmanager von wannachallenge.de. Daher auch der Name der Seite: "Wetten, dass…?" heißt in China "Xiang tiaozhan ma?", was mit "Wannachallenge" (dt.: "Ich will eine Herausforderung" oder auch "Herausforderung gefällig?") übersetzt wurde.
Einige Ähnlichkeit mit der amerikanischen Seite Ibeatyou ist nicht zu übersehen: Es gibt Punkte und Level, Herausforderungen und sogenannte "Channels", also Themenkanäle. Allerdings können bei wannachallenge nur Videos eingestellt werden.
In einem davon sitzt Aydin Demir vor der Kamera inmitten von Wandteppichen, Notizzetteln und Plastikblumen. Den roten Kragen geöffnet, eine Goldkette prangt auf dem Brusthaar. Seine Kampfansage: "Ich drücke Äpfel. Wenn's da noch bessere gibt - jederzeit." Dann greift er sich einen Apfel, lässt den Arm von sich schnellen und mit einem "Knacks" zerschnipst er ihn in zwei Teile. Die Stücke landen unter der Samtcouch. "Das soll jemand nachmachen. Und dann: Okay", sagt Demir und sieht mit Gangsterblick in die Kamera. Über ihm blinkt ein Werbebanner für eine Risikolebensversicherung. Wannachallenge hat Aydin Demir nach China geschickt.
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