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08.04.2009
 

Blogs im Wahlkampf

Privilegien per Preisausschreiben

Von Marvin Oppong und Frank Patalong

Blogger als bezahlte Berichterstatter im Wahlkampf? In den USA gehören Stipendien für Blogger seit langem zum Repertoire der Strategen in Parteien und Konzernen. Nun haben auch die europäischen Grünen das "Bloggershopping" für sich entdeckt.

"Willst Du live vom europäischen Wahlkongress aus dem Herzen von Brüssel bloggen, im Europäischen Parlament? Blicke hinter die Kulissen werfen?"

Ausschreibung: Gelegenheit zur politischen Berichterstattung als Gewinn im Preisausschreiben
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Ausschreibung: Gelegenheit zur politischen Berichterstattung als Gewinn im Preisausschreiben

So lockte die Europäische Grüne Partei Blogger, die sie Mitte März kostenlos zu ihrem Wahlkongress in Brüssel einlud. Die Partei übernahm "die Reise- und Unterkunftskosten für die drei ausgewählten Blogger" und stellte ihnen einen "Ausweis für das Pressecenter" aus. Zusätzlich durften die Blogger Interviews mit grünen Spitzenpolitikern führen und bekamen eine persönliche Betreuung. Einzige Voraussetzung für die Teilnahme: Es wird gebloggt.

Hobbyschreiber mit erhöhten Ambitionen, die diese Gelegenheit verpasst haben, brauchen sich allerdings nicht grämen, denn das Prinzip Blogroll auf Payroll scheint im hochkochenden Wahlkampf zum Teil des politischen Kommunikationsinstrumentariums zu werden - zuerst bei den Grünen. Die nächste Gelegenheit gibt es auf dem Grünen-Parteitag vom 8. bis zum 10. Mai 2009 in Berlin.

Und wieder dürfen sich die Berichterstatter aus Blogginghausen als Gewinner fühlen: Die Tickets inklusive "An- und Abreisekosten per Bahn, Übernachtungskosten, Internetzugang während der Veranstaltung und den Zugang zum Pressezentrum sowie der Eröffnungspressekonferenz" sowie "Hintergrundgespräche mit Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitikern" und "inhaltliche Betreuung (...) durch das Bundesvorstandsmitglied Malte Spitz" kann man in einer Art Preisausschreiben gewinnen. Klar, dass sich die lieben Blogger dann noch nicht einmal mehr nur mit ihrer kümmerlichen Leserschaft begnügen müssen, sondern einmal so richtig Öffentlichkeit bekommen: "Zusätzlich werden die Blogbeiträge während der Bundesdelegiertenkonferenz (BDK) auf www.gruene.de veröffentlicht."

Ein Deal zum allseitigen Vorteil, so klingt das. Der Andrang (dann nicht mehr ganz so) unabhängiger Berichterstatter aus der Blogosphäre hält sich trotzdem noch in engen Grenzen.

Blogger statt Journalisten: Besser, weil abhängiger?

In den USA ist es kein neues Phänomen, dass Parteien versuchen, die Blogosphäre als Wahlkampfmedium zu benutzen. Auch US-amerikanische Unternehmen laden gerne Blogger und Journalisten ein, vor allem im Bereich der Reise- und Technikberichterstattung. Ohne die Finanzkraft eines Medien-Unternehmens im Rücken sind Blogger oft von solchen Sponsorings abhängig, wenn sie originäre Vor-Ort-Berichterstattung leisten wollen, statt nur Metakommunikation via Web. Parteien und Unternehmen erhoffen sich eine entsprechend dankbare Berichterstattung.

Und so bekommt der Titel des Grünen-Europakongresses, "The Green New Deal for Europe", eine ganz eigene Bedeutung.

Auf dem Brüsseler Wahlkongress wurden die Kandidaten für die Europawahl aller europäischen grünen Parteien vorgestellt, das Wahlprogramm angenommen und der Auftakt zur Wahlkampagne gestartet. Ein bisschen Aufmerksamkeit für die eigenen politischen Inhalte im Web 2.0 war daher eine willkommene Sache für die Grünen.

Die von den Bloggern verfassten Berichte wurden an prominenter Stelle auf der Parteitagshomepage eingebunden, in der Hoffnung, dass klassische Medien die Inhalte übernehmen - Intermedia Agenda Setting nennen das PR-Experten.

Die Strategie ist klar

Für grüne Bloggerstipendien konnte und kann sich jeder bewerben, "der Interesse an der EU und grüner Politik hat", respektive "alle politisch Interessierten mit eigenem Web-Blog" (so die Ausschreibung für Berlin). Jeder bekommt eine Chance, wie der aktuellen Ausschreibung zu entnehmen ist: "Bekanntheitsgrad und politische Couleur spielen keine Rolle."

Ansonsten hat sich bei den Grünen bereits ein richtig formalisiertes Prozedere ausgeprägt: Weil, wie es bei der europäischen Ausschreibung hieß, lediglich die "interessantesten und begeisterndsten Bewerber" ausgewählt werden sollten, ist ein "kurzes Motivationsschreiben", in dem die Bewerbung begründet werden soll, natürlich Pflicht. Wer in Berlin dabei sein will, kann seiner Begeisterung für die grüne Sache völlig unabhängig von seiner politischen Couleur noch bis zum 9. April Ausdruck geben. Zunächst per "Motivationsschreiben" in der Bewerbung.

Journalisten haben es da leichter: Sie akkreditieren sich einfach. Die Zulassung von Bloggern zu Partei-Events schafft darum nur die Illusion einer Gleichbehandlung, eines Ernstnehmens als Berichterstatter. Enttäuschend für die Polit-Strategen: Die meisten Blogger durchschauen das.

... aber sie geht bisher durchaus nicht auf

Den letzten Versuch, Blogger vor den grünen Karren zu spannen, verbucht die Partei trotzdem schon einmal prinzipiell als Erfolg - auch, wenn Blogginghausen dann doch schwerer zu erobern scheint, als sich die Strategen das so vorgestellt haben.

"Wir haben rund elf Bewerbungen erhalten und drei Blogger aus Deutschland, Frankreich und Spanien ausgewählt", so Szilvia Csanyi, "Campaign Manager" der europäischen Grünen. "Die Hauptmotivation für uns war, Informationen in die breite Öffentlichkeit zu tragen und Blogger und Leute, die am Bloggen interessiert sind, zu erreichen."

Die drei ausgewählten Blogger waren allerdings alle Mitglied bei den Grünen. Die Deutsche Silke Gebel, die in ihrem Blog "Klopapiersprüche" vom Wahlkongress berichtete, war sogar Delegierte der deutschen Grünen.

Wie bei allen anderen Parteien erscheint also auch die Web-Aktivität der Grünen vor allem als Simulation von Web-2.0 und Community-Aktivität. Man schmort im eigenen Saft und simuliert die Verbindung zur Web-Öffentlichkeit. Selbst das parteieigene Blog der Federation of Young European Greens, der grünen Europa-Jugendorganisation, schafft es nicht, ein lebendiges Blog zu pflegen: Der letzte Eintrag ist vom 7. November, davor wurde zuletzt am 25.9.2008 gebloggt. So was nennt man im Web nicht Blog, sondern tot.

Der Obama-Effekt, als sich Tausende junge Leute im Web für den damaligen Underdog unter den Präsidentschaftskandidaten engagierten, ist das offensichtlich noch nicht: Die Basis im Web, die viel beschworenen "Grasroots", haben auch die grünen Basisdemokraten noch nicht erreicht. Offenbar warten die parteifernen Blogger, die man eigentlich erreichen will, gar nicht so sehnlich auf Sponsoren, sind sich der Problematik einer so abhängigen Berichterstattung durchaus bewusst. Trotzdem: Das Sponsoring von Bloggern soll fortgeführt werden.

"Blogs sind für uns ein spannendes Medium, dass wir unterstützen wollen. Deutsche Blogs sind aber längst nicht so ausgeprägt wie in den USA", so Malte Spitz, Mitglied im Bundesvorstand der Grünen. Seine Partei bot bereits bei zwei Parteitagen im vergangenen November in Erfurt und im Januar in Dortmund sowie bei einer Delegiertenkonferenz in Hagen im Frühjahr ihre sogenannten "Bloggertickets" an. Während die Sache für die Grünen in Erfurt und Dortmund ein voller Erfolg war, gab es in Hagen bereits weniger Interesse seitens der Bloggerschaft.

Echte Berichterstattung braucht Unabhängigkeit

"Es gab einen kritischen Diskurs in der Blogosphäre von wegen Bloggerkauf", erklärt Justus Koch, Wahlkampfkoordinator der Grünen Nordrhein-Westfalen, den Grund dafür. So meldete sich auf die Ausschreibung für den Hagener Parteitag kein einziger Blogger. Am Ende bloggten wieder zwei, so Koch, "Grünen-nahe" Blogger von der Parteiveranstaltung. Beim Parteitag in Dortmund, wo zwei der fünf eingeladenen Blogger den Grünen angehörten, entschied sich der eingeladene Blogger Achim Meißner später dafür, die Reise- und Hotelkosten selber zu tragen.

Meißner, der den Blog "Die Welt ist scheiße" betreibt, meint: "Ich sehe das schon kritisch, das ist eine Unabhängigkeitsschiene. Das ist der Grund warum ich gesagt habe, ich zahle das selbst, auch damit ich, wenn ich kein Interesse mehr habe, auf dem Parteitag zu bleiben, einfach nach Hause fahren kann."

Anders sieht das Teresa Bücker, die den Online-Auftritt der Wochenzeitung " Der Freitag" mitbetreut. Bücker, die in ihrem Blog "flanel apparel" und auf freitag.de von der BDK in Erfurt bloggte, bekam Fahrtkosten und Hotelübernachtung von den Grünen gezahlt. "Wenn ich da Kommentare lese, dass da Blogger eingekauft wurden, glaube ich denen nicht. Die Bezahlung von Anfahrt und Übernachtung ist wirklich lapidar. Es sind junge Leute, die die Freizeit geopfert haben aus politischem Interesse", so Bücker.

"Ich weiß nicht, was die Grünen dazu treibt, Blogger zu fördern oder sich politisch daran zu binden oder sich zu empfehlen. Bei den Bloggern handelt es sich aber sicher um eine Grasroot-Bewegung, die den Grünen ansteht", so Professor Rüdiger Funiok, Sprecher des Netzwerks Medienethik und Direktor des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Erwachsenenpädagogik an der Hochschule für Philosophie München.

Professor Claus Eurich vom Institut für Journalistik der Universität Dortmund meint, "dass jede Art der Vorteilsnahme im Zusammenhang mit journalistischer Aktivität nicht zu billigen ist". Mit Qualitätsjournalismus hätten die Bloggerstipendien der Grünen aber ohnehin "wohl wenig zu tun". "Es ist eine Form der politischen PR", so Eurich. Das sei in Ordnung, "man sollte es dann nur auch entsprechend benennen".

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insgesamt 3 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
09.04.2009 von Amathalia: Bezahlt?

In wieweit wurden da eigentlich Blogger bezahlt? Es wurden doch lediglich ihre Kosten übernommen. Ist es jetzt im Profijournalismus schon so weit gekommen, daß eine notwendige Hotelübernachtung und die Erstattung der [...] mehr...

08.04.2009 von FrauDausMG: Keine Grünen-Marionette

Beim Eintritt in eine Partei gibt man doch nicht automatisch seine eigene Meinung und Urteilsfähigkeit auf. Ich habe vorrangig als ich selbst und nicht als Grüne von der LDK in Hagen gebloggt und niemand hat mir auch nur [...] mehr...

08.04.2009 von ulrich rose: Kleine Ohrfeigen für alles, was nicht SPIEGEL ist

Die "richtigen" Journalisten haben den anderen hier mal richtig gezeigt, was eine Harke ist: In einer Postille, die nicht gerade für ausgewogene Berichterstattung berühmt ist, sondern eher für die Selbstverliebtheit [...] mehr...

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