Netzkritiker Andrew Keen
"Bei Twitter entsteht eine neue Elite"
Er verglich Blogger mit Affen und ernannte sich selbst zum "Antichrist des Web 2.0": Der Internet-Kritiker Andrew Keen, Autor von "Die Stunde der Stümper", zeigt sich plötzlich geläutert - und spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über Talent-Marketing im Web 3.0 und die Vorzüge des Microbloggings.
SPIEGEL ONLINE: Kürzlich schrieben Sie auf Twitter: "Kennen Sie die größte Erfindung der Geschichte für Autoren? Heftklammern. Ohne sie ist das Leben einfach traurig."
Getty Images
Twitter-Nutzer (im Westminster Abbey): "Die alte Hierarchie der Experten wird gestützt"
Keen: Das ist doch trockener Humor. Ich verwende das Internet auf eine ironische Art.
SPIEGEL ONLINE: Sie warnten im Zusammenhang mit dem Internet vor einer Diktatur der Affen. Ist das auch Ihr trockener, britischer Humor?
Keen: Ich bin ein Polemiker. Der bildliche Vergleich mit den Affen in meinem Buch war doch offensichtlich ein Witz. Aber einige Blogger nahmen meine Sprache sehr wortwörtlich. Und meinen Humor haben sie auch nicht verstanden.
SPIEGEL ONLINE: Verständlich, schließlich schrieben Sie: "Millionen und Abermillionen übermütiger Internet-Nutzer, von denen viele nicht mehr Talent haben als unsere äffischen Verwandten, produzieren einen endlosen digitalen Dschungel der Mittelmäßigkeit."
Keen: Wissen Sie, mein Buch war eine leidenschaftliche Kritik an der überbordenden Begeisterung für das Web 2.0. Hätte ich ein akademisches Buch geschrieben, wäre es kaum beachtet worden. Man muss zuerst Granaten werfen, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu bekommen. Aber ich bin kein Maschinenstürmer, denn ich möchte sicherlich nicht das Internet abstellen. Und auch nicht die freie Meinungsäußerung unterdrücken.
ZUR PERSON
Andrew Keen ist Journalist und Web-
Unternehmer. Sein Buch "The Cult of the Amateur", ein "scharfsinnig dargelegtes Klagelied" ("New York Times") über den Verfall von Standards und Werten durch Schwarmintelligenz und Web 2.0, wurde zum internationalen Bestseller. Dabei hat Keen selbst Web-
Stallgeruch: In den Neunzigern gründete er mit Audiocafe.com einen der ersten Online-
Musikläden. Der 49-
jährige Brite studierte Geschichte an der London University und an der University of California in Berkeley. Keen lebt heute mit seiner Familie in Birmingham, Alabama.
SPIEGEL ONLINE: Klar, denn mittlerweile profitieren Sie als gefragter Redner, Berater und Publizist ganz schön vom Internet.
Keen: Dies wird mir immer wieder vorgeworfen. In meinem ersten Buch konzentrierte ich mich auf das unendliche Geltungsbedürfnis der Internet-Nutzer. Jetzt geht es um die neuen Facts of Life. Viele Leute wollen nicht bei Web 2.0 mitmachen, weil es sie nervt. Aber sie haben keine andere Wahl. Idealismus wird durch Selbstmarketing ersetzt. Künstler, Journalisten, Musiker und Autoren der alten Schule haben keine Chance mehr. Wer überleben will, muss permanent an seinem Internet-Image feilen, seine eigene Ich-Tag aufbauen. Das Microblogging Twitter ist ein gutes Beispiel dafür. Hier ist eine neue Elite im Begriff zu entstehen. Die Hierarchie zwischen Talent und Publikum beginnt das Amateurhafte wieder zu verdrängen.
SPIEGEL ONLINE: Deshalb bloggen und twittern Sie selbst fleißig?
Keen: Damit habe ich kein Problem. Ich bin talentiert und ein guter Verkäufer. Das Web ist für mich ein wichtiges Marketingmittel. Aber ich verkaufe wenigstens das Internet nicht als die große Demokratisierung.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Kreide gefressen? Ihr Buch war eine einzige Anklageschrift gegen die allgegenwärtige Blödheit.
Keen: Die Hauptkritik meines Buches konzentrierte sich auf die angebliche Kommerzialisierung des Internets. Mit dem Internet lässt sich aber nur in wenigen Ausnahmefällen Geld verdienen. Gratiskultur ist kein Geschäftsmodell, außer Ihnen gehört Google. Larry Page und Sergej Brin verdienen Milliarden, weil sie wissen, wie man mit freien Inhalten anderer Leute Werbeeinnahmen generiert. Google selbst produziert keine Inhalte.
SPIEGEL ONLINE: Es scheint, dass die gleichen Leute, die erfolgreich in der Medienbranche sind, nun auch erfolgreich twittern, sprich viele Follower haben.
Keen: Richtig. Die bisherigen Medienstars haben ebenfalls die größte Twitter-Anhängerschaft. Der britische Komödiant Stephen Fry ist ein gutes Beispiel dafür. Er hat 350.000 Twitter-Abonnenten. Er entblößt sich zunehmend: Er erzählt uns, wann er aufsteht, wann er zu Bett geht. Solche Sachen halt. Damit ist er vollständig zu einer öffentlichen Person geworden.
SPIEGEL ONLINE: Dann stellt das Microblogging Twitter eine Trendwende im Internet dar?
Keen: Seit dem Erscheinen meines Buches hat die Blogosphäre an Bedeutung verloren, während neue Dienste wie Twitter die alte Hierarchie der Experten stützen. Dieses Phänomen könnte man Web 3.0 nennen. Jedenfalls bin ich zuversichtlicher gestimmt als vor zwei Jahren.
WEB 2.0: MITMACH-PLATTFORMEN UND SOZIALE NETZWERKE
Facebook, Myspace und Co - die bekanntesten sozialen Netzwerke und Mitmach-Plattformen im Überblick.
Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach
eigenen Angaben hat Facebook derzeit 175 Millionen aktiver Mitglieder weltweit.
(Mehr zu Facebook bei SPIEGEL WISSEN)
Wer-kennt-wen wurde von den beiden Studenten Fabian Jager und Patrick Ohler gegründet. Das Netzwerk hat laut Betreiber knapp 5,8 Millionen Nutzer.
(Mehr zu wer- kennt- wen bei SPIEGEL WISSEN)
Xing (früher OpenBC) wurde 2003 von Lars Hinrichs gegründet. Ende 2008 hatte Xing 6,5 Millionen Mitglieder, etwa eine halbe Millionen Nutzer haben einen kostenpflichtigen Premium Account. Bei Xing geht es vor allem um berufliche Kontaktaufnahme.
(Mehr zu Xing bei SPIEGEL WISSEN)
Ehssan Dariani hat die Studenten-Community StudiVZ 2005 gegründet. Zuerst investierten Lukasz Gadowski und Matthias Spiess, später finanzierten StudiVZ vor allem die Gebrüder Samwer - bekannt für die Klingeltonfirma Jamba - und der Venture-Capital-Arm des Holtzbrinck-Verlags ("Die Zeit", "Handelsblatt"). Im Januar 2007
übernahm Holtzbrinck StudiVZ. Derzeit haben Plattformen studiVZ.net, schuelerVZ.net und meinVZ.net
nach eigenen Angaben mehr als zwölf Millionen Nutzer.
(Mehr zu StudiVZ bei SPIEGEL WISSEN)
MySpace.com ist die populärste unter den Community-Plattformen, mit über hundert Millionen registrierten Nutzern. Wie auch
Facebook.com,
Xanga.com oder
Friendster.com bietet MySpace den Nutzern die Möglichkeit, Profilseiten anzulegen und mit Bildern und Videos zu dekorieren, Musik und Text auf die Seite zu stellen und ihre persönliche Profilseite mit der von Freunden und Bekannten zu verknüpfen. MySpace ist sehr beliebt bei Nachwuchsmusikern und verhalf auch den britischen Arctic Monkeys zu ungeahntem Erfolg. In die Kritik geriet das Angebot, weil es von Pädophilen benutzt wurde, um Kontakt zu Minderjährigen aufzunehmen.
StudiVZ ist eine deutsche Studenten-Community, die Facebook ähnelt.
(Mehr zu MySpace bei SPIEGEL WISSEN)
Flickr.com ist eine Foto-Community. Nutzer können Bilder einstellen, mit Schlagworten ("Tags") versehen und Pools für bestimmte Themen einrichten. Im Zusammenhang mit Ereignissen wie den Terroranschlägen in der Londoner U-Bahn oder dem Hurrikan "Katrina" wurde Flickr auch zu einem Paradebeispiel für den sogenannten citizen journalism: Schnell entstanden Bildersammlungen von Privatleuten, die das Geschehen dokumentierten. Als deutsches Flickr-Pendant versucht sich zum Beispiel
Photocase.
(Mehr zu Flickr bei SPIEGEL WISSEN)
YouTube.com lässt Nutzer Videos online stellen. Wie bei
Flickr und ähnlichen Angeboten können andere Eingestelltes kommentieren und bewerten. Mit einem speziellen Werkzeug kann man YouTube-Videos auch auf seiner eigenen Webseite einbinden. Vergleichbare Dienste gibt es inzwischen zuhauf, Beispiele sind
Metacafe.com,
Vimeo.com und
ClipShack.com. Auch
Googles Videodienst funktioniert nach dem gleichen Prinzip.
Putfile.com ist ein genereller Upload-Service für Videos, Audio- und Bilddateien. Weiter gehen Angebote wie
Eyespot.com und
Jumpcut.com - dort können die Nutzer eingestellte Videos auch bearbeiten, zusammenschneiden und nachvertonen. Deutschsprachige Varianten von Youtube sind etwa
MyVideo und
FMarket. Eine Kombination aus Flickr und YouTube bietet
Sevenload.
(Mehr zu YouTube bei SPIEGEL WISSEN)
Eine Art Online-Bookmark-Sammlung mit Community-Eigenschaften. Bei
Del.icio.us kann jeder angemeldete Nutzer Web-Adressen speichern, sie mit Schlagworten ("Tags") versehen und so anderen Benutzern zugänglich machen. Verwandte Sites lassen sich so gruppieren, User mit ähnlichen Interessen können einander auf Interessantes hinweisen. Für Firefox-Benutzer gibt es sogar ein Browser-Plugin, das den Zugriff auf die Online-Linksammlung in die Navigationsleiste integriert.
Mr Wong ist eine deutsche del.icio.us-Variante.
Ursprünglich auf Technologie-Nachrichten spezialisiert war
digg.com. Die Selbstbeschreibung des Angebotes spricht von "nicht-hierarchischer redaktioneller Kontrolle": Indem Nutzer eingestellte Nachrichten bewerten, entscheiden sie mit über die Platzierung einer bei digg.com verlinkten Meldung auf der Seite. Eine deutsche Variante von Digg heißt
Yigg.
(Mehr zu Del.icio.us bei SPIEGEL WISSEN)
Im Mai 2005 gegründet, hat das Netzwerk Lokalisten eigenen Angaben inzwischen etwa 3,4 Millionen Nutzer.
(Mehr zu Lokalisten bei SPIEGEL WISSEN)
Technorati.com ist die Mutter aller Blog-Suchmaschinen. Sie katalogisiert Weblogs, Blogeinträge können wiederum mit Tags versehen und so zusammengefasst oder effektiver durchsucht werden. Technorati beurteilt Blogs auch nach Bedeutsamkeit und Glaubwürdigkeit - Suchergebnisse können entweder danach oder nach dem Erscheinungsdatum sortiert werden. Durch die Hitliste der häufigsten Suchbegriffe ist Technorati auch zu einer Art Seismograph für die heiß debattierten Themen der Blogosphäre geworden. Eine Blog-Suche bietet auch Google an (
Google Blog Search) - mit weniger aufwendiger Funktionalität, aber teilweise anderen Ergebnissen.
(Mehr zu Technorati bei SPIEGEL WISSEN)
Mashups sind Multimedia-Collagen wie Video-Zusammenschnitte - oder aber Internetseiten, die durch das vermischen, verknüpfen oder neu konfigurieren vorhandener Inhalte entstehen. Häufig werden beispielsweise
Ortsinformationen aus Google Maps mit anderen Inhalten, etwa Lexikon- oder Branchenbucheinträgen verknüpft. Auch
Flickr und
del.icio.us sind beliebte MashUp-Zutaten. Viele Web-Unternehmen stellen Hobbyentwicklern für solche Projekte sogar ihre
"application programming interfaces" (APIs) zur Verfügung.
(Mehr zu Mashups bei SPIEGEL WISSEN)
Blogs oder Weblogs sind oft von Privatleuten geführte Internet-Publikationen. Sie basieren auf einer Software, die es erlaubt, Texte mit wenig Aufwand online zu stellen und Leser Artikel kommentieren zu lassen. Weblogs sind teilweise schlicht private Aufzeichnungen für den Freundeskreis, zum Teil aber durchaus ambitionierte Publikationsprojekte, die von den Betreibern als alternative journalistische oder literarische Form verstanden werden. Besonders themenspezifische Blogs können durch eingeblendete Werbung durchaus lukrativ sein. Es gibt auch organisierte Blogger-Verbände, die Zulieferer-Verträge mit Zeitungen und Nachrichtenagenturen haben.
(Mehr zu Blogs bei SPIEGEL WISSEN)
SPIEGEL ONLINE: Das sind doch gute Nachrichten für Kulturpessimisten wie Sie!
Keen: Nicht ganz. Während wir als Teil der Medienelite verstehen, wie das Internet tickt, sind die meisten Menschen dem Web 2.0 schutzlos ausgeliefert. Ihnen fehlt die gesunde Portion an Misstrauen. Denn Blogs zerstören zunehmend die professionelle Informationsvermittlung. Da niemand redaktionell eingreift und Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt prüft, verbreiten sich Fehler und Lügen im Web wie Bakterien. Wir wissen, dass auf Wikipedia vieles nicht stimmt, unseren Kindern ist das aber nicht bewusst.
SPIEGEL ONLINE: Verklären Sie nicht die alten Medien? In einem Vergleich von Wikipedia mit der Encyclopædia Britannica im Jahr 2007 gab es nur geringe Qualitätsunterschiede. Der Online-Brockhaus schnitt im gleichen Jahr sogar schlechter ab als die Wikipedia.
Keen: Ja, ich kenne diese Untersuchungen. Die fehlende redaktionelle Gewichtung macht es aber aus. Warum ist ein Eintrag über Star Wars länger als viele historische Ereignisse? Es reflektiert das Interesse der Nutzer, das darf man aber nicht mit Relevanz gleichsetzen.
SPIEGEL ONLINE: Einzelne Blogs können qualitativ mit Massenmedien mithalten oder sind gar besser. Zum Beispiel TechCrunch.
Keen: Im Zusammenhang mit TechCrunch möchte ich nicht von einem Blog reden. Es ist ein professionell gemachtes Online-Magazin, das täglich über Technik und Internet berichtet. Nur noch die Kommentarfunktion erinnert an das frühere Blog.
SPIEGEL ONLINE: Sie relativieren Ihre harte Position immer mehr, Stück für Stück ...
Keen: Ich wollte die Leute aufwecken, deshalb habe ich übertrieben. Aber 80 bis 90 Prozent meiner Prognosen sind eingetroffen. Trotzdem: Mein nächstes Buch über die sozialen Netzwerke soll keine Attacke mehr aufs Internet sein. Es wird differenzierter sein.
Das Gespräch führte Michael Soukup