Von Felix Knoke
Kitsch, Quatsch und Wutgefühle verhalfen dem Genre Dokumentarfilm in den vergangenen Jahren zu erstaunlichen Kino- und DVD-Erfolgen. Die Filmemacher schickten erfolgreich Pinguine auf Passionsreise, gingen als angeblich kasachischer Rüpelreporter auf Entblößungstour oder rechneten in der Rolle des engagierten Enthüllungsreporters mit dem Gesundheitswesen der USA ab.
Filmemachern, die zarter als Borat und Michael Moore arbeiten, hilft der Doku-Trubel allerdings nur wenig. Ihre Werke verstauben in den Videoregalen kleiner Filmagenturen oder verdunsten auf Spartensendeplätzen von Nischen-Fernsehsendern. Selbst der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der eigentlich einen Auftrag auch zum Anspruch hat, versendet solche Werke gern erst dann, wenn er sich sicher ist, dass man damit die arbeitende, vor der Glotze Erholung suchende Bevölkerung nicht mehr stört.
Auch das Web, angeblich das Idealmedium zur Vermarktung des viel beschworenen Long Tail von selten gekauften Waren weit hinter dem Mainstream und der Massenware, bot da bisher keine Alternative. Die Dokumentarfilme einfach bei YouTube hochzuladen, kommt den meisten Filmern nicht in den Sinn, Geld verdient man damit ja eh nicht. Mehr noch: Wer seine Filme freigibt, verspielt jede Chance auf eine bezahlte Ausstrahlung im Fernsehen. Ist also auch das Web untauglich als Vertriebskanal für den anspruchsvolleren Doku-Film?
Yaniv Wolf zum Beispiel weiß es besser
Yaniv Wolf, 28, ist Projektmanager von Minimovies.org, einem Internetprojekt der niederländischen Produktionsfirma Submarine. Minimovies.org produziert "Dokumentarfilme fürs digitale Zeitalter": Locker zusammenhängende Mini-Episoden mit kurzen Spannungsbögen.
Im Gegensatz zu seinen Kollegen scheut er nicht davor zurück, die Episoden-Dokus kostenlos ins Internet zu stellen. Neue Dokumentationen landen sowieso irgendwann im Netz, meist auf illegalen Streaming-Plattformen. Dem will Wolf zuvorkommen: "Wir wollen keine neuen Leute auf unsere Website locken. Wir wollen einfach nur so viele Zuschauer für unsere Dokus, wie möglich. Egal wo." Dass man von Aufmerksamkeit auch Leben kann, beweist Molotov Alva.
Alva ist eine Virtual-Reality-Figur, die der US-amerikanische Dokumentarfilmer Douglas Gayeton als Protagonist seines Minimovies "Molotov Alva and His Search for the Creator" entwarf. Die zehn Doku-Episoden wurden ein Internethit. Geld brachte das aber nicht - bis sich der TV-Konzern HBO im Jahr 2007 die Ausstrahlungsrechte für eine sechsstellige Dollar-Summe sicherte. Wolfs Produktionsfirma Submarine, die auch Gayetons Filmserie veröffentlicht hatte, nutzte die gewaltigen Online-Zuschauerzahlen der Doku als Hebel in den Verhandlungen.
Erst Publikum gewinnen, dann kassieren
Noch steht Minimovies finanziell nicht auf eigenen Füßen. Das Projekt wird aber durch den niederländischen TV-Sender VPRO gefördert. Das ist auch nötig: Die Werbeeinnahmen bei YouTube belaufen sich im Monat auf angeblich gerade einmal 20 Euro, bei anderen Videoportalen sieht es nicht besser aus. Bezahlmodelle scheiterten am Unwillen der Zuschauer, für Videos Geld zu zahlen. Dies war ein Problem, gibt Wolf unumwunden zu: "Wir haben ein Geschäftsmodell, aber es funktioniert nicht." Dass Wolfs Team sich aber trotzdem auf dem richtigen Weg wähnt, dafür steht Molotov Alva. Wie könnten andere Filmproduzenten diesen Erfolg wiederholen? Indem sie umdenken, glaubt Wolf.
"Das 50-Minuten-Format für Dokus funktioniert im Internet nicht," behauptet Wolf. Deshalb sind die Minimovies in acht bis zehn Episoden aufgeteilt, jeweils drei bis sieben Minuten lang. Die Kürze ist kein Stilmittel, sondern eine wichtige Waffe im Kampf um die zappenden Zuschauer. Aus Sicht von Videoproduzenten besteht das Internet aus lauter Wegschalt-Knöpfen. "Die Aufmerksamkeitsspanne der Web-Zuschauer ist viel kürzer." Das erfordert ganz neue Herangehensweisen: "Wir haben keine Stunde Zeit, eine Geschichte zu erzählen - die muss schon in den ersten Minuten klar sein." Nur zwei Minuten gebe der durchschnittliche Zuschauer einem neuen Video. Wenn er bis dahin nicht überzeugt sei, klicke er weg.
Bleibt er dran, schaut er sich wahrscheinlich auch die nächste Episode an. Zusammen ergeben die zwar eine eigene Geschichte, funktionieren aber auch für sich allein. Ideal, um sie für unterwegs auf den iPod, aufs Smartphone zu laden. Für maximale Aufmerksamkeit kopiert die Produktionsfirma all ihre Filme auf die namhaften Videoportale. Zuschauer können sie dann in ihre Blogs einbetten, per Twitter und Instant Messenger verschicken und so für noch mehr Zuschauer sorgen. Minimovies verbreiten sich viral, finden fast von selbst ihr Publikum.
Rückwirkungen auf den Stil
Weil Minimovies schnell und billig produziert werden können, sind sie auch für die Produzenten interessant. "Die Filme werden mit einem kleinen Budget gedreht," erklärt Wolf, "aber das Filmteam kann praktisch sofort loslegen, wenn es eine gute Idee hat." Der typische Minimovie ist innerhalb weniger Wochen sendefertig - und erreicht im Netz garantiert ein Publikum, potentiell größer als bei jeder Ausstrahlung im Spartenkanal. Zumal einige Sujets und Erzählweisen im Fernsehen keine Chance hätten, aber als Webisodes gut funktionieren. Aber es gilt, Onlineregeln zu lernen.
Eine davon: Zeitlose Themen mit internationalem Appeal helfen der Verbreitung: "Dokumentarfilme haben kein Publikums-, sondern ein Vertriebsproblem." Für Wolf ein Grund mehr, Dokus ins Netz zu stellen. Man muss ihnen nur Zeit und Raum geben, dann finden sie schon genug Zuschauer - zuerst im Internet.
Flugsicherheit, Vergnügungsparkbesucher im Irak und das wunderschöne Scheitern eines Dokumentarfilmers: SPIEGEL ONLINE legt Ihnen ein paar Minimovies ans Herz.
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