Von Timo Kotowski
Wer zwitschert, schafft Ereignisse. Wem aber die - wahren oder erfundenen - Ereignisse fehlen, der hat womöglich nichts zu erzählen. Das Schlimmste, was einem Nutzer des Mikroblogging-Dienstes Twitter passieren könnte, ist, dass ihm die Themen ausgehen.
Nun erlebt nicht jeder Unglücke so unmittelbar wie der New Yorker, der mit einer Fähre den Hudson River kreuzte, als in Sichtweite ein Passagierflugzeug zur Notlandung auf dem Wasser ansetzte. Der Mann veröffentlichte das erste Foto des Ereignisses - via Twitter. Anderen Nutzern kommt der Zufall weniger zu Hilfe, wenn sie nicht bloß über den wiederholten Gang zur Wurstbude, die erneute Zugverspätung oder den ebenfalls nicht erstmaligen PC-Absturz schreiben wollen.
Menschen, die wenig erleben (oder die sich wenige Ereignisse ausmalen), sind arm dran im Twitter-Universum. Getrieben vom Drang zum Mikroexhibitionismus füllen sie ihren eilig eingerichteten Account mit Belanglosem - oder lassen ihre Zwitscherstimme bald verstummen. 60 Prozent der neu angemeldeten Twitterer kehren dem Angebot bereits einen Monat nach dem ersten Tweet den Rücken, haben die Marktforscher von Nielsen herausgefunden.
Unermüdlicher Fütterdienst
So weit muss es nicht kommen. Wem die Inhalte ausgehen, der kann seinen Twitter-Account mit Fremdmaterial anfüttern lassen. Dienste wie " Feed My Twitter" schreiben jedem, der es wünscht, die Seite voll. Bislang nur auf Englisch, dafür aber mit unermüdlicher Ausdauer.
Fremd-Fütterung: Dienste wie "Feed My Twitter" übernehmen das Schreiben von Mikronachrichten
Doch Vorsicht: der vermeintliche Business-Experte amüsiert sich auch über "allwissende Börsenhändler" oder "glückliche Tage" von "genudelten Kartenkontrolleuren". Wer sich gesundheitsbewusst gibt, bekommt ins Profil geschrieben, er bestelle das "hochtrabende Medizin-Magazin" ab, teste zufällige Grüne-Tee-Sorten oder sei "entsetzt über derbe Drogen". Und ein bestellter Tweet zum Thema Unterhaltung fabuliert auch mal über die "Dogmen frivoler Internet-Videos".
Schein-Aktivität: "Feed My Tweet" füllt Twitter-Profile zuweilen mit sinnentleerten Botschaften.
Zudem wird irgendwann offensichtlich, dass alle seine Tweets aus Wortbausteinreihen gebildet sind. Fast immer ist man "erfreut/erschrocken/überrascht" "von/durch/über" irgendetwas, das ausdrucksstark mit einem Adjektiv versehen ist. Noch dazu leistet der virtuelle Ersatzschreiber Akkordarbeit und twittert wenig realitätsgetreu nach der Stechuhr, die Einträge erscheinen auf die Sekunde genau in den vorgegebenen Abständen.
Heute schreiben, was morgen bei Twitter läuft
Nicht nur der Twitter-Eremit sollte darüber nachdenken, wie lange er sich mit derartigen Beiträgen im Netz präsentieren will. Anderen Nutzern, die von einer Flut realer Ereignisse derart überschwemmt werden, dass ihnen keine Zeit zum Live-Twittern bleibt, seien Dienste wie " Tweetlater" oder " Twuffer" empfohlen. Diese Angebote veröffentlichen vom Nutzer vorgeschriebene Sätze zum gewünschten Zeitpunkt - werden verschiedene Versionen angeboten, genügt dafür immer die kostenlose.
Praktisch: Wer Freunden und Kollegen schon gestern vom wichtigen Meeting heute erzählt hat, nun aber lieber im Straßencafé sitzt, kann dennoch vortäuschen, er zwitschere Fetzen der Unterredung nach draußen. Es lässt sich auf die Minute genau festlegen, wann eine Botschaft online gehen soll. "Tweetlater" übernimmt auch den Job, auf neue Bewunderer zu reagieren. Trägt sich ein Nutzer als Follower des Twitter-Accounts ein, schreibt das Programm den abwesenden Twitterer als Follower des Lesers ein.
Eine Anwendung - geeignet, um andere im Netz mit vermeintlich unermüdlichem Elan zu beeindrucken oder um der Ehefrau netzöffentlich - also quasi vor Zeugen - kundzutun, dass man noch arbeitet, tatsächlich aber schon zwitschert - allerdings nicht online.
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wieder etwas, was die Welt nicht braucht - wem nützt das? Manchmal frage ich mich, wie ich (52) meine Jugend ohne das alles (Twittern, SMS, MMS, E-Mail...) meistern konnte. Damals gabs doch noch tatsächlich Gesprächsthemen, die [...] mehr...
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