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06.06.2009
 

Pressefreiheit

Das Web beflügelt Lateinamerika

Wo klassische Medien unterdrückt und beeinflusst werden, bahnt sich die Freiheit via Internet einen Weg. Die Staaten Lateinamerikas geben dafür viele Beispiele - so wie die erfolgreiche Nachrichtenseite Lavaca.

Buenos Aires - Um die Pressefreiheit war es in Lateinamerika lange Zeit nicht gut bestellt. Zeitungsverlage sowie Radio- und Fernsehstationen befinden sich meist in der Hand einiger weniger Unternehmensgruppen, die jeweiligen Regierungen mischen sich ganz ungeniert in redaktionelle Abläufe ein, und investigativer Journalismus wird für Reporter schnell lebensgefährlich und ist deshalb eher die Ausnahme.

Die Journalistin Claudia Acuña: Sie gründete 2001 mit anderen Journalisten die Kooperative Lavaca
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DPA

Die Journalistin Claudia Acuña: Sie gründete 2001 mit anderen Journalisten die Kooperative Lavaca

Doch das Internet und seine explosionsartig wachsenden Möglichkeiten haben inzwischen völlig neue Informationskanäle geöffnet. Der größte Unterschied zu den klassischen Medien ist vermutlich, dass im Internet E-Mails oder Blogs und nun auch soziale Netzewerke wie Facebook, Twitter & Co. nicht so leicht an die Kandare zu legen sind. Was das für den Journalismus und insbesondere für die Vermeidung von Konflikten weltweit bedeuten kann, damit beschäftigte sich von Mittwoch bis Freitag auch das von der Deutschen Welle veranstaltete Global Media Forum in Bonn.

Ungefilterte Reportagen

Während traditionelle Medien weltweit diskutieren, wie sie sich an die neuen Gegebenheiten anpassen und in ihnen überleben können, nutzen Außenseiter längst die neuen Kommunikationsformen. Ein gutes Beispiel für die vielen, in ganz Lateinamerika verbreiteten neuen "Nachrichtenanbieter" ist " lavaca.org" aus der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Die Kooperative wurde im März 2001 von professionellen Journalisten wie Claudia Acuña gegründet. "Ich habe lange in traditionellen Medien gearbeitet. Dann kündigte ich und war auf der Straße, genau da, wo man damals sein musste", erzählt sie in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Kurz darauf fegten landesweite Straßenproteste unter dem Motto "Que se vayan todos" (Haut alle ab) zur Jahreswende 2001/2002 den Präsidenten Fernando de la Rua aus dem Amt. Bei Unruhen in Buenos Aires starben damals mehr als 25 Menschen, und Lavaca gewann mit ungefilterten Reportagen direkt von den Straßenkämpfen und aus den Stadtteilversammlungen erheblichen Einfluss auch auf die klassischen Medien.

120.000 Leser pro Woche

Inzwischen hat sich die Kooperative zu einem verzweigten Netz gemeinsam handelnder Profis und Laien gemausert. Eine eigene Nachrichtenagentur unter dem Motto "anticopyright" verschickt wöchentlich E-Mails mit Reportagen und Kommentaren, die so kaum von den traditionellen Medien aufgegriffen werden. Während zum Beispiel Demonstranten, die bei einer Kundgebung in Buenos Aires gegen Israels Politik in den besetzten Gebieten festgenommen wurden, von den traditionellen Medien als "Antisemiten" abstempelt wurden, versucht Lavaca, den Unterschied zwischen Antisemitismus und Antizionismus herauszuarbeiten. 120.000 Empfänger erreicht Lavaca so wöchentlich.

Zudem wird jede Woche ein Audioblock von einer Stunde Dauer produziert, der landesweit von 88 Radiostationen übernommen wird. Die Zeitschrift "Mu" mit einer Auflage von 4500 Exemplaren rundet das Programm ab.

Traditionelle Medien übernehmen die Web-Nachrichten

Einen ähnlichen Verbreitungsgrad hat auch die alternative Nachrichtenagentur "Pelota de Trapo" (Ball aus Lumpen) mit Sitz im Stadtteil Avellaneda in Buenos Aires. Die Organisation, die auf das Jahr 1974 zurückgeht, setzt sich vor allem für benachteiligte Kinder aus armen Verhältnissen ein. Mit dem Schlagwort "Hunger ist ein Verbrechen" kämpft die heutige Stiftung gegen die weitverbreitete Unterernährung von Kindern in Argentinien.

Mit Hilfe der Nachrichtenagentur, die wöchentlich Mails versendet, sowie über ihre Webpage und die aufwendig gestaltete Monatszeitschrift "ape" erreicht sie nach eigenen Angaben etwa 60.000 Menschen. "Wir haben aber auch erheblichen Einfluss, weil auch die traditionellen Medien unsere Berichte teilweise übernehmen", sagt der Leiter der Agentur, Alberto Morlachetti.

Wie aus einem Feuerwehrschlauch zu trinken

Und obwohl beide Organisationen Twitter oder Facebook und andere soziale Netzwerke noch nicht selbst für ihre Öffentlichkeitsarbeit einsetzen, finden sich dennoch bisweilen schon Tweets, die auf ihre Themen hinweisen. Auch auf Flickr lassen sich zum Beispiel Veröffentlichungen von Lavaca zum Thema Schutz von Prostituierten unter der Überschrift finden: "Keine Frau wird als Hure geboren".

Diese Dynamik des Internets ist bezeichnend für die Entwicklung. Ein Nachteil ist die zunehmende Unübersichtlichkeit der Informationen, die eine Folge des immer größeren Angebots an Nachrichten, Meinungen, Hinweisen und Links zu anderen Seiten ist.

Sich aus dem Internet zu informieren, sei wie aus einem Feuerwehrschlauch zu trinken, lautet ein oft wiederholter Seufzer in der Web-Gemeinde. "Wirklich Gehör finden wir vermutlich über das Internet nur, weil uns die Menschen seit Jahren aus der realen Welt kennen und wissen, dass wir seriös arbeiten", gibt Morlachetti zu bedenken.

Jan-Uwe Ronneburger, dpa

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