Von Christian Stöcker, Carolin Neumann und Thorsten Dörting
Das iranische Regime fürchtet die Macht des Internets - das weiß man nicht erst seit den Protesten nach der umstrittenen Wahl vom Wochenende. Doch inzwischen ist ein offener Kampf von der Regierung und ihren Sicherheitskräften auf der einen Seite und protestierenden Netznutzern auf der anderen Seite ausgebrochen. Web-Seiten werden blockiert, teilweise scheint der Internet-Zugang generell erschwert oder gar lahmgelegt zu werden. Am Mittwoch sprach ein hochrangiger Militärsprecher dann eine offene Drohung gegen Blogger und Web-Seiten-Betreiber im Land aus, wie Associated Press berichtet: Inhalte, die "Spannungen erzeugen" könnten, müssten sofort entfernt werden, andernfalls drohten juristische Konsequenzen.
Irans Machthaber haben Angst vor dem Netz - denn einerseits ist es ein zentrales Werkzeug bei der Organisation der Massenproteste, und andererseits sorgt es dafür, dass die massiven Einschränkungen, denen internationale Medien in dem Land derzeit unterliegen, zumindest teilweise unterlaufen werden. Eine völlig neue Symbiose von "alten Medien" und bewusst und explizit parteiischen "Bürgerjournalisten" hat sich innerhalb weniger Tage herausgebildet. Das geht nicht anders, denn die westlichen Journalisten, die noch im Land sind, werden bedroht, dürfen ihre Büros nicht mehr verlassen, nicht von den Straßen Teherans berichten - oder sie werden gleich ganz vertrieben. SPIEGEL-ONLINE-Korrespondentin Ulrike Putz etwa musste das Land bereits am Montag verlassen.
Der Informationsfluss über Twitter, YouTube, Flickr, Picasa und zahlreiche andere Plattformen aus dem Land aber lässt sich augenscheinlich nicht unterbinden. Twitter bleibt, mit dem Sammelthema #IranElection, ein wichtiges Werkzeug - trotz wachsender Angst vor Unterwanderung durch den iranischen Geheimdienst. Die Plattform lässt sich kaum effektiv sperren: Der Zugang läuft nämlich nicht nur über die Website Twitter.com, sondern auch über zahllose andere Anwendungen, die teils auch auf Telefonen laufen. Der Dienst ist ein Labyrinth mit vielen Ein- und Ausgängen.
YouTube hat sich unterdessen ganz offiziell zum Sprachrohr der Protestbewegung erklärt - in einem Blog-Eintrag wird deutlich Sympathie bekundet und auf eine eigens eingerichtete Seite verwiesen, auf der Videos aus dem Iran gesammelt werden: "YouTube ist zu einer Bürger-getriebenen Nachrichtenagentur geworden, mit ungefilterten Videoberichten von den Straßen von Teheran."
Das ist einerseits hervorragende PR für die Google-Plattform, andererseits stimmt es einfach. Das gleiche trifft auf zahlreiche andere Plattformen zu, auf denen Bilder, Texte oder Zeichnungen veröffentlicht werden. Die Situation im Iran ist insofern besonders gelagert, als dass die Unterstützer der beiden Parteien sich schon äußerlich deutlich unterscheiden: Die tendenziell eher westlich gekleideten Unterstützer von Mussawi, zusätzlich markiert durch ihre grünen Protestflaggen, Arm- oder Stirnbänder sind mit den oft bärtigen, traditionell gekleideten Milizen von Mahmud Ahmadinedschad kaum zu verwechseln.
Diskussionen um die Authentizität von Bildern, wie sie im Zusammenhang mit den Aufständen in Tibet Anfang 2008 an der Tagesordnung waren, sind bislang die absolute Ausnahme. Und doch bringen die Bilder und Videos aus den Handy-Kameras iranischer Demonstranten die altbekannten Probleme mit sich: Wo eine Aufnahme genau entstanden ist, was man darauf tatsächlich sieht, ist zuweilen schwer auszumachen.
Gleichzeitig ist die gesamte internationale Medienlandschaft mittlerweile schlicht angewiesen auf das Material aus den einst mit so viel Skepsis betrachteten Amateurquellen - denn andere Bilder gibt es aus dem Land praktisch nicht mehr, und die Welt lechzt danach. Fotoagenturen nutzen schon seit einiger Zeit auch Bilder von Amateuren - Reuters beispielsweise betreibt die Plattform "YouWitness", Getty hat einen Vertrag mit Flickr, der Mutter aller Fotoplattformen geschlossen.
In der Regel werden dort große Anstrengungen unternommen, die sicherstellen sollen, dass der Fotograf wirklich der ist, der er zu sein vorgibt und das Bild auch tatsächlich das zeigt, was in der Unterzeile steht. Das macht die Agenturen verlässlicher - aber auch um vieles langsamer. Gesicherte Nachrichten fließen im Vergleich zu den überquellenden Quellen der Social Media derzeit im Zeitlupentempo.
Auch deutsche TV-Sender, die den gleichen strengen Einschränkungen unterliegen wie alle anderen Medien, kommen dieser Tage nicht mehr ohne YouTube, Flickr, Twitter und Co als Quelle aus, wenn es um Iran geht.
Für den Nachrichtenkanal N24 seien Bewegtbilder aus dem Internet derzeit besonders wichtig, sagte Chefredakteur Peter Limbourg auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. "Wir haben unsere Korrespondentin vor zwei Tagen angewiesen, die Arbeit komplett einzustellen, um sie nicht in Gefahr zu bringen." So fehle es dem Sender jetzt allerdings an Bildern, die durch Agenturmaterial und Informationen von YouTube und aus Sozialen Netzwerken kompensiert würden. "Allerdings können wir die Authentizität nicht belegen", sagte Limbourg.
"Jeder zweite hat ein Handy in der Hand und knipst"
Das Material aus dem Internet könne genauso wenig überprüft werden wie das des iranischen Staatsfernsehens, sagte RTL-Auslandsredakteur Burkhard Wennemar. Dennoch: "Medien wie YouTube werden immer wichtiger für die Berichterstattung in einem solchen Fall." Man müsse in Beiträgen jedoch thematisieren, dass etwa Twitter-Fakten nicht überprüfbar seien. Antonia Rados, die für RTL aus Teheran berichtet, sagte SPIEGEL ONLINE: "Auf den Demonstrationen hat jeder zweite ein Handy in der Hand und knipst vor sich hin. Das ist unglaublich!" Nach einer halben Stunde breche bei Protesten regelmäßig das Handy-Netz zusammen.
Der stellvertretende ZDF-Chefredakteur Elmar Theveßen erklärte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE: "Wir verfolgen die Diskussionen auf den Social Networks sehr genau. Bildmaterial wird nur verwendet, wenn wir die Authentizität feststellen können. In Ausnahmefällen, bei hoher Plausibilität, zum Beispiel übereinstimmendes Material bei unterschiedlichen Quellen in Zusammenhang mit passenden Texten." In jedem Fall müsste stets auf die "Unsicherheit beziehungsweise Nicht-Überprüfbarkeit hingewiesen werden". Derartige Entscheidungen würden von leitenden Redakteuren getroffen.
ARD-Korrespondent Peter Mezger darf bereits seit einigen Tagen sein Hotelzimmer in Teheran nicht mehr verlassen. Seine Aufsager, unter anderem für die Tagesschau, werden mit Kameras des iranischen Staatsfernsehens aufgezeichnet. Alle weiteren bewegten Nachrichtenbilder stammen ebenfalls aus Agenturen, Archiven oder aus dem Internet. Natürlich würde man lieber eigene Bilder nutzen, aber derzeit gebe es keine andere Möglichkeit, als auch auf YouTube-Videos zurückzugreifen, sagt Karola Baier, Auslandsredakteurin beim Bayerischen Rundfunk.
Weltweit wird daran gearbeitet, den Informationsfluss durchs unkontrollierbare Netz nicht abreißen zu lassen: Viele Internet-Nutzer außerhalb Irans haben es sich inzwischen zur Aufgabe gemacht, die iranische Protestbewegung nach Kräften zu unterstützen. Weiterhin werden, inzwischen auf diskreteren Wegen als zu Anfang, Adressen sogenannter Proxy-Server weitergereicht, die iranischen Netznutzern die Möglichkeit geben sollen, die Zensur des Regimes zu umgehen. Rasant werden Projekte aus dem Boden gestampft, die zusätzliche Zugänge für iranische Internet-Nutzer schaffen oder deren Sicherheit erhöhen sollen.
Ein Blogger, der entsprechende Tipps gesammelt hat, formuliert die Motivation der globalen Unterstützergemeinde so: "Egal, ob wir mit diesem oder jenem iranischen Bürger übereinstimmen - sie sollten das Recht haben, ihre Meinung zu äußern."

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