Von Frank Patalong
Über Jahre konnte man den Eindruck bekommen, auf dem Suchmaschinenmarkt gäbe es einen für die Ewigkeit zementierten Status Quo: Auf dem Olymp thronte Google, dann kam lange Zeit nichts, gefolgt von noch weniger, dann vielleicht Yahoo, danach wieder reichlich wenig - und irgendwo im Bereich jenseits aller Relevanz dann Microsoft und all die anderen Suchdienste. Dann kam mit großem Marketing-Tamtam Wolfram Alpha und schaffte auf Anhieb gleich zwei Dinge auf einmal: Auf breiter Front die überzogenen Erwartungen zu enttäuschen - und doch das Interesse am Thema Suchmaschinen neu zu wecken.
Schwer zufrieden: Microsoft-Chef Steve Ballmer hat endlich eine Suchmaschine, die auch etwas findet
Vor zwei Wochen zeigte Microsoft nach zwei völlig missratenen Versuchen in der Vergangenheit, dass auch der alte Software-Riese in der Lage ist, hier Duftmarken zu setzen. Bing stürmte ins öffentliche Rampenlicht und konnte - trotz einiger Schwächen - beim normalen Nutzer mehr punkten als Wochen zuvor Wolfram Alpha. Neugier-Nutzer sorgten dafür, dass sich Microsofts Marktanteil sofort erhöhte - und die neuesten Zahlen des US-Marktforschungsunternehmens ComScore deuten darauf hin, dass so einige Nutzer bei Bing hängen blieben.
Demnach entfielen in der letzten Woche 12,1 Prozent aller Suchanfragen in den USA auf den Microsoft-Suchdienst, eine Steigerung um rund ein Prozent gegenüber der Vorwoche - und satte vier Prozent gegenüber der Zeit vor Bing. Klingt wenig, ist es aber nicht: Hier redet man über Milliarden von Seitenaufrufen.
Grund genug für Microsoft-Chef Steve Ballmer, die keimende Euphorie präventiv etwas zu bremsen: Nur der, von dem man nicht zu viel erwartet, kann schließlich positiv überraschen. Ungewohnt bescheiden äußerte sich Ballmer am Mittwoch in Detroit, Bing sei zwar sehr gut angekommen, werde aber dem Suchgiganten Google in naher Zukunft nicht die Stirn bieten können. "Ich möchte die Erwartungen nicht zu hoch ansetzen. Wir werden beharrlich sein und über einen langen Zeitraum ein hohes Innovationstempo durchhalten", so der Microsoft-Chef.
Wichtig sei es, sich auf "den Wandel der Dinge, des Ansatzes, des Geschäftsmodells zu verpflichten", sagte Ballmer. Das sei weder in sechs Monaten noch in ein oder zwei Jahren möglich. Mittelfristig, hatte es schon im Vorfeld aus dem Hause Microsoft geheißen, wolle man mit Bing einen zweiprozentigen Zuwachs beim Weltmarktanteil erreichen. Glaubt man den aktuellen Zahlen des Marktfoschungsunternehmens Net Applications, könnte Microsoft hier schon Vollzug melden: Ihnen zufolge liegt Bings Marktanteil derzeit bei rund 5 Prozent.
Noch ein Trend: Twitter-Suchdienste
Anders als in den letzten Jahren, in denen auch qualitativ hochwertige Suchdienste wie Ask.com beharrlich ignoriert wurden, scheint die Bereitschaft aktuell also größer zu sein, sich versuchsweise auf etwas Neues einzulassen. Was auch daran liegen könnte, dass wahrgenommen wird, dass Google nicht in jeder Hinsicht das Rad erfunden hat.
So wird zurzeit eifrig über die Entwicklung einer Twitter-Suchmaschine im Hause Google spekuliert. Die müsste dann aber wohl gegen den Twitter-Suchdienst CrowdEye.com des langjährigen Microsoft-Suchdienstentwicklers Ken Moss antreten, denn der geht wohl heute Nacht online. Und auch Moss ist kein Frühstarter. Längst haben sich mit OneRiot und Topsy zwei Twitter-Suchdienste etabliert.
Der Vorgang ist typisch: Erst, wenn sich die Großen bewegen, entsteht auch Aufmerksamkeit für die Leistungen der Kleinen. Während die Tech-Presse erneut über semantische Suche diskutiert, probieren Dienste wie Hunch.com neue Ansätze, das Web intelligenter zu erschließen. Hunch versucht, Suchanfragen durch thematische Einengung näher zu definieren, um zu treffsichereren Ergebnissen zu kommen. Mitunter klappt das ganz prächtig und zeigt viel Potenzial, mitunter grenzt es an Realsatire.
Der Mega-Trend: Semantik
In mancherlei Hinsicht ist Hunch das Gegenstück zu Wolfram Alpha (WA), dem Dienst, der wenig, das aber sehr genau weiß: WA ist stark, wo es um Sachliches geht, Hunch dort, wo es nach Pop riecht - sie sind E- und U-Suchmaschinen, wenn man so will. Aber Hunch lebt vom Konzept, durch seine Nutzer zu lernen. Man muss der Sache also Zeit geben.
Das sind die Dinge, die dafür sorgen, dass die wirklich großen Suchdienste populär bleiben. Mitunter haben die Kleinen mehr Klasse, doch es fehlt an Masse.
Eine der wohl aufregendsten Suchmaschinen-Entwicklungen der letzten Jahre kommt nicht aus dem Silicon Valley, sondern aus Berlin: Auch Eyeplorer.com ist ein Dienst, der für semantische Verbindungen sorgt. Auf Basis der erfassten Wikipedia-Daten visualisiert EyePlorer thematische Querverbindungen. Was dabei heraus kommt, ist zuweilen überraschend, oft erhellend - und führt den Nutzer auf Themenreisen durch Cluster von Artikeln, die thematisch verknüpft sind. So etwas für das gesamte Web umzusetzen, statt "nur" für die Inhalte der Wikipedia, würde dem Traum vom semantischen Web schon sehr nahe kommen.
Denn da geht die Reise hin, für alle Player auf dem Markt: Keine Frage, dass auch Google, Yahoo oder nun Bing versuchen werden, immer mehr solche semantischen Features in ihre Dienste zu integrieren.
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