Von Jan-Philipp Hein
Hamburg - 28 Millionen Euro Schulden können depressiv machen - oder kreativ. Thorsten Krüger hat sich für die zweite Variante entschieden. Der Sozialdemokrat ist Bürgermeister der niedersächsischen Kleinstadt Langen. Deren Finanzlage ist im Vergleich zu anderen Kommunen zwar noch recht gediegen. Doch Krüger bringen auch schon 1,4 Millionenen Euro Zinsen, die Jahr für Jahr bezahlt werden müssen, um den Schlaf: "Das drückt sehr."
Und deswegen denkt er nun darüber nach, seine Stadt zu vermarkten. Der Ortsvorsteher träumt davon, dass sich große Marken in Langen in Szene setzen und ihm im Gegenzug die Stadtkasse füllen. Ortsschilder, Fassaden öffentlicher Gebäude oder öffentliche Grünflächen könnten als Werbeflächen vermarktet werden, nach dem Motto: "Willkommen in Coca-Cola-City".
Natürlich hat das Ordnungsamt nach einer informellen Anfrage den Plänen bereits einen Dämpfer verpasst: Hoheitszeichen könnten nicht mit Werbung beklebt werden, erklärte die Behörde. Doch das ficht Krüger nicht an: "Alle reden vom Schuldenrekord. Da muss man auch mal neue Wege gehen."
Und Krügers Wege führen noch weiter, nämlich bis in den Himmel. "Wie wäre es, wenn wir auf unseren großen freien Flächen Logos abbilden?", fragt er. Und gibt die Antwort gleich selbst. "Wer dann mit Google Earth auf Langen zufliegt, bekommt eine außergewöhnliche Markenpräsentation zu sehen."
"Das zeigt doch, dass Städte und Gemeinden auch kreativ sein können", sagt dazu Google-Sprecher Stefan Keuchel. Allerdings mache Google
keine Satelliten- und Überflugbilder auf Bestellung, wobei auch noch keine Gemeinde mit einem solchen Ansinnen auf das Unternehmen zugekommen sei. "Und wenn sowieso eine Aktualisierung stattfindet, wäre es ja zu sehen", so Keuchel.
Wann Google das Bildmaterial auffrischt, weiß indes keiner so genau. Gerade bei kleinen Städten sind die Bilder Jahre alt. Langen wurde 2004 abgelichtet. So könnte die Stadt sich nicht als Werbebande vermarkten. "Natürlich würden wir die Shootings der neuen Bilder bezahlen. Das wäre dann in der Aktion enthalten", beteuert Bürgermeister Krüger.
Er hofft, dass ihm große Marken die Tür einrennen werden und Langen nach einigen Monaten dank Vermarktung von Werbeflächen schuldenfrei sein könnte. Doch die Werbebranche ist bestenfalls verhalten optimistisch.
"Was der Langener Rathauschef im Sinn hat, ist interessant, weil das noch keiner vorher gemacht hat", sagt zwar Georg Tiemann von der Hamburger Niederlassung der Mediaagentur Crossmedia. Sein Unternehmen bucht für Kunden Werbeflächen in Zeitungen, Zeitschriften, Onlinemedien und an Litfaßsäulen. Oder Sendeminuten in Fernsehen und Radio. "Das kann man ein Mal machen, danach ist das in der Werbeindustrie durch", schränkt er jedoch ein.
Ähnlich äußert sich Rüdiger Straub, Inhaber der PR-Agentur Straub & Linardatos in Hamburg: "Das ist nur beim ersten Wurf erfolgreich." Und mit einem Millionenregen könnten die Langener und ihr Bürgermeister auch nicht rechnen. "Zunächst gibt es sehr hohe Kosten." Die großen Flächen müssten inszeniert werden, dazu kämen die Bilder für Google. "Mehr als 800.000 Euro sind da nicht drin. Und das ist schon sehr optimistisch gerechnet", sagt Straub.
Damit toppt Straub die Prognose des Vermarkters Tiemann deutlich. Der sieht maximal eine Summe im "unteren sechsstelligen Bereich" als realistisch an. Immerhin: Ein paar Kindergärtnerinnen sollten sich damit finanzieren lassen. Und außerdem könnte das kleine Langen mehr als Einnahmen davon haben. "Ich frage mich, wer von einer solchen Aktion den größeren Werbeeffekt hat: die Marke oder die Stadt?", sagt Tiemann.
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