ThemaBitTorrentRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
30.06.2009
 

Ende einer P2P-Ikone

Pirate Bay soll verkauft werden

Von Felix Knoke und Frank Patalong

Das weltweit populärste Filesharing-Verzeichnis steht vor dem Aus: Die Firma soll den Besitzer wechseln. Eigentlich ist das normal, denn P2P-Angebote kommen und gehen. Und doch ist es anders - denn Pirate Bay war auch der Katalysator für das Entstehen einer politischen Bewegung.

Die umstrittene Filesharing-Suchmaschine The Pirate Bay soll verkauft werden. Neuer Inhaber soll für 60 Millionen Kronen (5,5 Millionen Euro) das börsennotierte schwedische IT-Unternehmen Global Gaming Factory X AB (GGF) werden. The Pirate Bay soll demnach als legales Angebot weiterleben: In einer Pressemeldung kündigt GGF-Chef Hans Pandeya an, Inhaber von Urheberrechten für ihre Inhalte, die mittels der Pirate-Bay-Seite heruntergeladen werden, bezahlen zu wollen.

Im Zeichen der Piraterie: Der Name war selbstironisch, die Betreiber der Pirate Bay verstehen sich als Aktivisten

Im Zeichen der Piraterie: Der Name war selbstironisch, die Betreiber der Pirate Bay verstehen sich als Aktivisten

Da The Pirate Bay ein freies Web-Angebot ist, wird GGF nur die Pirate-Bay-Domain und dazugehörige Seiten aufkaufen, nicht aber die Datenbestände. Mindestens die Hälfte des Kaufpreises werde das Unternehmen in Bar zahlen, den Rest in Aktien.

Noch müssten aber die Details der Finanzierung dieses Kaufs geklärt werden, der Verkauf von Pirate Bay ist damit - anders als von Nachrichtenagenturen gemeldet - noch nicht rechtskräftig. Bis August soll der Handel abgeschlossen sein und aus Pirate Bay ein Vertriebskanal für legale Inhalte werden.

Gleichzeitig mit dem Erwerb der Pirate-Bay-Website will sich GGF in die schwedische Technologiefirma Peerialism AB einkaufen. Peerialism AB entwickelt Filesharing-Techniken zum Vertrieb digitaler Inhalte. Damit scheint das Ziel von GGF klar: Eine Plattform für Online-Inhalte zu schaffen, die im Gegensatz zu Angeboten wie Megadownloads und Rapidshare auf P2P-Filesharing wie BitTorrent zum kostengünstigen Vertrieb von Dateien setzt. Klingt gut, wenn auch nicht neu: Mit Versuchen, aus brummenden P2P-Angeboten legale Services zu machen, waren in früheren Jahren schon zu ihrer Zeit weltweit führende Angebote wie Napster und KaZaA gescheitert.

Pirate-Bay-Macher: Weiter unter neuer Flagge?

Wie sich das alles mit dem aktuellen Status von Pirate Bay als Bollwerk des illegalen Filesharings vereinbaren lässt, bleibt also offen. Zwar versucht Oberpirate Peter Sunde die Pirate-Bay-Nutzer zu beschwichtigen: Sie machten sich keine Sorgen und die Nutzer müssten sich auch keine machen. Das dürfte aber die typisch kritischen Filesharer ebenso wenig beruhigen, wie die Ankündigung beim Szene-Blog Torrentfreak, dass The Pirate Bay nicht mehr als Tracker fungieren werde - also als Organisationsserver des illegalen Dateiversands.

Die Torrent-Dateien sollen stattdessen bald "extern", also wohl auf geschützten Servern außerhalb der Reichweite der schwedischen Behörden, gespeichert werden. Die Pirate-Bay-Verantwortlichen sollen da angeblich auch künftig mitmischen - die kryptische Andeutung scheint auf eine Weitergabe der Pirate-Bay-Datenbestände an ein anderes Bittorrent-Tracker-Verzeichnis hinzudeuten.

Warum also der Verkauf, brauchen die Piraten Geld?

Die Pirate-Bay-Verantwortlichen beantworten keine Pressefragen. Frischen Blog-Einträgen der Betreiber - das szeneübliche Äquivalent zur Presseerklärung - ist aber zu entnehmen, dass sie selbst angeblich nichts von dem Geld zu sehen bekommen würden: Der Kaufpreis solle in eine zu gründende Stiftung investiert werden, die sich der Umsetzung politischer Web-Projekte widmen solle. Vor dem Zugriff durch die Kläger im Pirate-Bay-Prozess sei eine eventuell zu zahlende Millionensumme sicher, da die verurteilten Verantwortlichen von Pirate Bay keine Eigentumsrechte an dem Unternehmen besäßen.

Abschied von einem Klotz am Bein?

Der Blogger Ernesto, ein Piraten-Intimus und Filesharing-Kenner, vermutet, dass The Pirate Bay den Verantwortlichen seit längerem zur Last fällt: Schon seit Monaten kündigen Peter Sunde und Co. immer weitere Projekte an, erst kürzlich einen YouTube-Konkurrenten, ein neues Online-Bezahlsystem und die Anti-Überwachungssoftware IPRED. Das Konzept der Torrent-Suchseiten sei eh veraltet: Neue Filesharing-Systeme werden ohne zentrale Server auskommen - und damit umso schwieriger zu kontrollieren sein. "Die Pirate-Bay-Piraten haben so viele Ideen und Projekte", darauf wollten sie sich wohl erstmal konzentrieren, vermutet Ernesto im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Und natürlich auf das Berufungsverfahren, mit dem die vier angeklagten Piraten die hohen Strafen abmildern wollen, zu denen sie erstinstanzlich wegen "Komplizenschaft bei der Bereitstellung von Raubkopien" verdonnert wurden. Die vier Angeklagten wurden von einem schwedischen Gericht zu jeweils einjährigen Haftstrafen und insgesamt 30 Millionen schwedischen Kronen (2,74 Mio Euro) Schadensersatz verdonnert.

Piraten und Politik: Katalysator einer Partei

The Pirate Bay hat sich - vor allem aufgrund eines weltweit beobachteten Copyright-Prozesses, der im April 2009 mit Schuldsprüchen gegen die Betreiber endete - in den letzten Jahren von einer von vielen BitTorrent-Web-Seiten zu einem Politikum gemausert: So führte der Schuldspruch gegen die Pirate-Bay-Betreiber direkt zu einem abrupten Mitgliederzuwachs bei der schwedischen Piratenpartei ("Piratpartiet"). Ihre Mitgliederzahlen stiegen innerhalb weniger Tage nach dem Urteil von rund 15.000 auf über 40.000. Heute gilt die Piratpartiet als drittgrößte Partei Schwedens und erhielt bei der Europawahl stolze 7,1 Prozent der Stimmen.

Und sie gilt als Keimzelle einer sich gerade europa- und weltweit verbreitenden Bewegung, die sich anschickt, die politische Szenen gehörig durcheinander zu bringen. Der Streit um Pirate Bay wurde so zu einem Katalysator für das Erstarken einer Bewegung, die sich neben urheberrechtlichen Themen auch Datenschutz, den Kampf gegen den Überwachungsstaat und für die Meinungs- und Informationsfreiheit zum Ziel genommen hat.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 47 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
06.07.2009 von halo7: Das war früher so

1. Das größte Problem zur Zeit für alle Kreativen ist ja, daß die beteiligten Technologiekonzerne meinen, solche Download/Nutzungs -oder Verkaufszahlen könnten sie auf gar keinen Fall bereitstellen. Man sieht dies z. Zt. an den [...] mehr...

06.07.2009 von takeo_ischi: .

Da sprechen Sie genau den Punkt an. Für viele meiner Werke bekomme ich keinen Cent. Nur wenn ich so gut bin/das Glück habe einen Bauherren/Investor zu finden erhalte ich überhaupt ein Honorar. Dazu muss ich dann aber konkretes [...] mehr...

05.07.2009 von halo7: Interessant

Nun kommt es ja darauf an, wie groß ihr einmaliges Honorar ist. Wenn Ihr Werk ein Song wäre, und Sie für diesen Song einmal fünf Euro erhielten, auch wenn Hunderttausende ihn toll fänden und durch Kopieren erhalten hätten, [...] mehr...

05.07.2009 von halo7: Zum Verständnis kreativer Produkte

Die Schaffung geistiger "Produkte" erfordert Arbeit - ebenso wie die Schaffung materieller Güter. In Deutschland sind in der Kreativbranche ca. 1 Million Menschen tätig, damit liegt diese Branche knapp unter der [...] mehr...

03.07.2009 von freejofi: Einfach mal meditieren

Unerfreulich an Diskussionen und Artikeln über P2P und damit letztlich über das Urheberrecht ist die Unsachlichkeit der Argumente, die immer wieder vorgetragen werden. Wenn ich als Gegner des aktuellen Urheberrechts auftrete, ich [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
alles aus der Rubrik Web
alles zum Thema BitTorrent

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP