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27.09.2009
 

Umfrage-Verrat

Wilde Prognostiker wüten auf Twitter

Von Konrad Lischka

Echt oder ausgedacht? Gut zwei Stunden vor Schließung der Wahllokale kursierten angebliche Prognosen im Internet. Einige Daten scheinen frei erfunden, andere glaubwürdig - jedenfalls sind die Urheber bislang kaum auszumachen, es kam sogar zu Fälschungen.

Martin Bick ist genervt. Der Stadtverbandsvorsitzende der FDP in Unna bekommt an diesem Wahlsonntag immer wieder Anrufe von Journalisten - und immer wieder muss er beteuern: Nein, er habe keine Wahlprognosen vorab gewittert.

Etwas merkwürdig ist die Sache in der Tat.

Am Sonntagnachmittag meldete jemand gegen 15 Uhr einen Twitter-Account für die FDP Unna an: "Pünktlich zur Wahl: unser Kreisverband twittert jetzt auch." Eine Stunde und zwei Tweets später gab der angebliche FDP-Twitterer die Wahlprognosen durch: "Hören gerade aus Berlin Prognose."

Bick sagt SPIEGEL ONLINE: "Wir sind das definitiv nicht, wir haben gar keinen Twitter-Account. Wir werden recherchieren, wer da unseren Namen missbraucht."

Das freilich dürfte schwierig werden. Zur Anmeldung bei Twitter genügt eine funktionierende E-Mail-Adresse - und die kann man sich überall auf der Welt bei einem Gratis-Provider besorgen, der die IP-Daten des Nutzer nicht unbedingt aufzeichnen und auf Anfrage deutschen Behörden aushändigen wird.

Dutzendweise Tweets mit Wahlprognosen

So oder so - es war jedenfalls kein Einzelfall, was da über den angeblichen Twitter-Account der FDP Unna getwittert wurde. Am Wahlsonntag kursierten schon nachmittags dutzendweise Tweets mit Ergebnisprognosen. Sie unterschieden sich deutlich. Einige wirkten wenig glaubwürdig, sie hatten extreme Werte. Andere allerdings ähnelten durchaus den Nachmittagsdaten aus den Meinungsforschungsinstituten. (Diese werden immer vorab an Parteizentralen und in der Folge an Journalisten herausgegeben, damit sie sich vorbereiten können.)

Waren die eigentlich geheimen Prognosen nun schon wieder ausgeplaudert worden? Demokratietheoretisch ist das ein Problem, weil Vorabveröffentlichungen des mutmaßlichen Wahlergebnisses Menschen beeinflussen könnten, die noch nicht gewählt haben. Die Wahlgesetze verbieten, dass die Daten vor 18 Uhr nach außen dringen. Als bei den Landtagswahlen im August Prognosen über Twitter durchsickerten, schimpfte SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz: "Sauerei". Das "schadet der Demokratie", sagte Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach.

Womöglich hat nun diese Kritik einige Menschen auf Twitter dazu motiviert, mit frei erfundenen Zahlen für Panik zu sorgen. Das grundsätzliche Problem scheint den meisten jedenfalls bewusst sein - der Großteil der für Vorab-Gezwitscher benutzten Accounts ist erst an diesem Sonntag eingerichtet worden.

Auf das Veröffentlichen von Umfragen vor Wahlende steht eine Strafe von bis zu 50.000 Euro, und Bundeswahlleiter Roderich Egeler hatte nach den Landtagswahlen im August ein hartes Durchgreifen angekündigt. "Ob über Twitter oder über andere Informationswege, die Rechtslage ist eindeutig", sagte er. "Vor Schließung der Wahllokale dürfen keine Ergebnisse von Wählerbefragungen nach der Stimmenabgabe publik werden." Er forderte die Wahlforschungsinstitute auf, mit den Daten äußerst restriktiv umzugehen.

Nun will Egeler die aktuellen Vorgänge genau prüfen lassen. "Unser erster Eindruck war aber, dass sehr viele der Einträge vor 18 Uhr sehr weit weg waren von den tatsächlichen Hochrechnungen", sagte eine Sprecherin. Zwei Mitarbeiter der Wahlleitung und eine externe Firma hätten den ganzen Tag mit speziellen Suchmasken die Plattform durchsucht. "Für Schlüsse ist es noch zu früh", betonte die Sprecherin. "Wir werden die riesige Masse von mehreren tausend Einträgen in Ruhe analysieren."

Parteiforscher warnen vor Vorab-Veröffentlichungen

Auch frei erfundene Umfragen können natürlich das Wahlverhalten beeinflussen - wenn nur die Wähler an deren Echtheit glauben. Nicht zuletzt deshalb löste am Wahlsonntag eine Wahlpanne in Bremen viel Aufregung aus.

Auf Internetseiten des Landeswahlleiters standen dort mehrere Stunden lang Zwischenergebnisse. Es handele sich nur um "Testdaten", kommentierte die Behörde später, doch das stand nirgends - Wähler waren entsprechend verunsichert.

Experten halten es durchaus für ein reales Risiko, dass die Vorab-Veröffentlichung von Prognosen Wähler beeinflusst. Lothar Probst von der Universität Bremen hält es für "rechtlich problematisch, dass sie lange vor Schluss der Wahllokale im Netz kursieren. Denn so können Parteien gezielt Wähler mobilisieren und den Ausgang der Wahl verfälschen."

Der Hintermann des angeblichen Twitter-Accounts der FDP Unna machte übrigens sogar noch Witze über die Sache. Kurz nachdem er die Prognose getwittert hatte, schob er nach: "Gerade Anruf aus Berlin bekommen, nehmen Prognose wieder runter."

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insgesamt 15 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
28.09.2009 von Bala Clava: Bundeswahlmanipulator

Wenn hier einer die Wahl manipuliert hat, dann der heillos überforderte Bundeswahlleiter. Skandalöse Nichtzulassung von Der Partei, der Pauli-Partei und irgendeiner Rentern-Band wegen Irrtümer - juritischer Irrtümer auf seiner [...] mehr...

28.09.2009 von john mcclane: Ich gebe keinen Titel mehr an

Tja, für eingefleischte Hardcore-Stammwähler (zu denen ich mich auch zähle), mag das ja zutreffen. Aber genau wie es beim Fußball "Modefans" gibt, die sich immer als Anhänger des jeweiligen Tabellenführers zu erkennen [...] mehr...

28.09.2009 von hollo: Wie können die paar Twitternutzer den das Wahlergebnis beeinflußen??

Da wird doch aus einer Fliege ein Elefant gemacht. Anscheinend braucht Herr Probst Aufmerksamkeit. Bei 30.000, 60.000 oder auch bei 1,8 Millionen Nutzern ist Twitter bestimmt nicht wahlentscheidend. Blöder Artikel. mehr...

28.09.2009 von hajoschneider: Die Frage ist nur, wann ...

... platzt diese Luftblase Twitter endlich? Twitter ist doch in erster Linie was für Leute, die keine eigene Meinung haben. Und davon scheint es ja ne Menge zu geben. Für mich sind alle, die sich auf Twitter stürzen wie auf den [...] mehr...

28.09.2009 von Sternenfrosch: Amt für Wahrheit?

Sie meinen man sollte vor jeder Veröffentlichung erstmal einen Antrag in dreifacher Ausfertigung bei dem Amt für Wahrheit* einreichen? Das wird mit Sicherheit das Arbeitslosenproblem lösen... * Dem BMI nachgeordnet mehr...

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zu Deutsch zwitschern oder schnattern, ermöglicht es, kurze Textnachrichten als Mikroblog per SMS, Instant Messaging oder Web-Oberfläche zu veröffentlichen. Andere Nutzer können diese Meldung beispielsweise mit ihrem Mobiltelefon oder RSS-Reader verfogen. Der Dienst heißt Twitter, die SMS-ähnlichen Nachrichten Tweets. mehr zu Twitter auf der Themenseite

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