Von Frank Patalong
Was Ältere an dem aktuellen Fall verblüfft, ist aber etwas anderes: Die Mädchen reagieren auf die öffentliche Bestrafung ihres gesellschaftlich nicht sanktionierten Verhaltens nicht schamhaft, sondern mit Empörung. Nicht die Tatsache, dass ihr Schuldirektor und führende Lehrer sie in Reizwäsche an einem Penis-Lutscher lecken sahen, führt für sie zum Konflikt, sondern die folgende Bestrafung: Was hat das Online-Verhalten der Mädchen mit der Schule zu tun, fragt die Klage zu recht. Wieso mischt sich die Schule hier ein? Warum sollen sich die Minderjährigen entschuldigen? Warum wegen "Sexsucht" Therapiestunden besuchen, was die Schule tatsächlich von den Mädchen verlangte?
Das alles sind berechtigte Fragen, das Vorgehen der Schule ist höchst bigott: Die Disziplinarstrafe bestand unter anderem darin, den Mädchen die Teilnahme am Cheerleaderteam zu verbieten. Diese sportlichen Anheizerinnen sollen per definitionem stets sexy sein, zugleich aber vorbildlich tugendhaft wie eine mittelalterliche Heilige leben. Für die Mädchen ist das aberwitzig. Sie fragen per Klage: Was geht es die Schule an, dass sie in für ihre Generation normaler Weise kommunizieren und sich ausdrücken?
Die Denke dahinter erklärt jede Äußerung im stets öffentlichen Raum des Internet als normal. Längst gehört es zum normalen kommunikativen Verhalten balzender Pubertierender, sich gegenseitig per SMS oder Web Nacktbilder zuzuschicken ("Sexting"). Privatsphäre als ein Raum im Leben, den man vor den Augen anderer schützt, ist für immer mehr junge Menschen kein Konzept mehr, mit dem sie etwas anfangen könnten. Alle sind öffentlich.
Porno ist ein Adjektiv
Als die seltsame Paris Hilton - berühmt, weil sie reich und öffentlich ist - im Internet auf einem Privat-Porno zu bestaunen war, versuchte sie nicht etwa, den Film aus dem Verkehr zu ziehen (ein völlig zweckloses Unterfangen), sondern klagte auf Tantiemen. Wahrscheinlich redete kaum ein jüngerer Mensch darüber, dass Paris offenbar private Pornos dreht. Worüber geredet wurde, war, wie cool sie auf die Veröffentlichung reagierte. Echt Porno.
Denn in der Welt der Social Networks ist irgendwie alles Porno: Der Begriff, seit einigen Jahren vor allem als Adjektiv gebraucht, bedeutet für Leute unter 30 dasselbe, wie "cool" für Leute über 30 Jahre. Die Generation der Internet-Sozialisierten hält es für völlig normal, online absolut alles preiszugeben. Auf den Profilseiten von Jugendlichen lassen sich deren Beziehungswirren verfolgen, diskutiert wird alles bis ins Detail.
Kommunikationsflut killt Information
Dazu kommt die Flut der profanen Wasserstandsmeldungen aus dem eigenen Leben per Twitter und Co, selbst von Erwachsenen: Alles wird zur "Meldung", und weil der Dienst es gestalterisch nicht hergibt, erscheint das "Hab gerade einen Toten bei Verkehrsunfall gesehen" völlig gleichgewichtig neben "Seit dem Rosenkohl blubbert mein Magen". Kaum jemanden fällt noch auf, dass das Getwitter nicht nur profan und merkwürdig ist, sondern oft regelrecht anmaßend: Man macht sich selbst zum Weltmittelpunkt, über den man ständig berichtet. Würde man den getwitterten Äußerungsstrom laut von sich geben, kassierte man wohl schnell und zu recht ein "Kannst du nicht mal den Mund halten?".
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