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19.11.2009
 

Instant Recordings

Bootleg deluxe

Von Richard Meusers

Seit Jahren verlagert sich das Musikgeschäft weg vom Konservenverkauf, hin zum frischen Live-Event. Pfiffige Dienstleister wie die Kölner Firma Music Networx verkaufen den Fans vor Ort frische Konserven des eben gehörten. Ein wachsendes Geschäft. Nun will auch Branchenriese Emi mitverdienen.

Das Konzert war toll, die Stimmung prima, nur allzu gern würden jetzt Besucher eine klingende Erinnerung an einen schönen Abend mit nach Hause nehmen. Findige Bastler kamen schon vor Jahren auf die so einfache wie naheliegende Idee, mit Aufnahmegeräten aller Art das Konzert mitzuschneiden. Doch die Tonqualität dieser sogenannten Bootlegs war zumeist unterirdisch, sie hatten allenfalls ihren Wert als Souvenir.

Einige jedoch schrieben regelrecht Rock-Geschichte: Bis heute gilt das Bootleg eines Konzerts aus dem Jahr 1973 als bestes Live-Album der Rolling Stones, das je veröffentlicht wurde. Das Geheimnis des Erfolges: Die Produktion war professionell, der Mitschnitt direkt ab Mischpult erfolgt, weil er ursprünglich tatsächlich als offizieller Live-Mitschnitt geplant war. Als die Veröffentlichung aus lizenzrechtlichen Gründen nicht erfolgte, brachte es der Mitschnitt immerhin zu einer UKW-Radioausstrahlung - und tauchte deshalb kurz darauf in vielfältiger Form als illegale Plattenpressung und auf Bändern auf Trödelmärkten auf. Ein Bestseller der Bootleg-Subkultur, ein Sammlerstück von höherem Wert als die meisten offiziellen Alben.

DRM-freie Konzertmitschnitte

In einer rechtlich unbedenklichen Deluxe-Version lebt dieses Prinzip noch immer und beschert seinen Machern sogar Gewinn. Die Audiotechniker der Kölner Music Networx GmbH begleiten mit ihrem sogenannten Audio-Recording-Mobil zum Beispiel die Toten Hosen oder BAP auf deren Konzerten. Dabei schneiden sie die Veranstaltung professionell mit und kopieren die Live-Aufnahmen auf USB-Sticks, die den Konzertbesuchern noch am Ausgang angeboten werden.

Von dieser Möglichkeit machen immerhin bis zu 15 Prozent der Besucher Gebrauch. Die dabei erwirtschafteten Gewinne fließen zu einem höherem Anteil direkt den Künstlern zu, als dies normalerweise beim Verkauf von Musikkonserven der Fall ist: Die Bands erhalten je nach Touraufwand 20 bis 35 Prozent vom Nettoumsatz, wie Music Networx-Chef Gerrit Schumann verrät.

Da der Unternehmer eigentlich ein alter IT-Hase ist, lag es nahe, auch die Möglichkeiten des Online-Geschäfts zu nutzen. Auf einer eigenen Plattform namens Concert Online können seit 2007 Musikstücke gekauft und heruntergeladen werden. Die kommen übrigens genauso ohne kundenunfreundlichen Kopierschutz daher wie auch die USB-Sticks. Wer außerdem noch etwas auf die Augen haben will, kann die Veranstaltung auch in Form einer DVD nacherleben. Mit diesem Konzept war Music Networx in Deutschland Vorreiter.

Im Ausland gibt es seit 2004 mit dem ähnlich gestrickten, zum Musikriesen Emi gehörigen Live Here Now ein weiteres Projekt zum Digitalvertrieb von Livekonzerten. Da verwundert es denn ein bisschen, dass Emi dieser Tage einen zweiten, identischen Service an die Öffentlichkeit gebracht hat. Diesmal sollen unter dem klangvollen Namen Abbey Road Live (ARL) Liveauftritte hauseigener Künstler wie Coldplay, Robbie Williams oder Depeche Mode unters zahlende Volk gebracht werden.

Emi-Produktentwickler Simon Miller schwärmt: "Wir bieten den Fans die ultimative Zugabe." Musikaufnahmen in hoher Qualität nach Hause zu nehmen sei ein Bedürfnis von Fans, auch Künstler und Labels wären daran interessiert.

Naheliegender Schritt

Bei Music Networx blickt man der neuen Konkurrenz gelassen entgegen. Zum einen friste ja bereits das Emi-Angebot Live Here Now ein weithin unbeachtetes Mauerblümchendasein. Zum anderen krankt der Newcomer an einem möglicherweise umsatzhemmenden Konstruktionsfehler: ARL ist auf die an Emi gebundenen Künstler beschränkt. Die Kölner sind in der Auswahl ihrer Kooperationspartner frei, weil sie mit sämtlichen Major Labels zusammenarbeiten.

So muss ein kleiner Konkurrent das wohl sehen, wenn eine Größe im Musikgeschäft versucht, sich ein Stück vom Kuchen zurückzuholen. Denn natürlich geht den kleinen Dienstleistern wie Music Networx etwas verloren, wenn die Großlabel selbst versuchen, das Merchandizing-Geschäft mit Aufnahmen bei Live-Konzerten mitzunehmen, an dem sie bisher wenig verdienen. Emi ist eines von vier Großlabels - kämen die anderen auch noch auf die Idee, da von Fans zu kassieren, wo sie noch zu zahlen bereit sind, würde es eng.

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