Man kann fragen, was in der Liste (siehe Fotostrecke oben) fehlt. Jeder käme dann wohl zu einer anderen Antwort, denn genau das ist ja der Witz: Das Web gibt es nicht, jeder von uns nutzt eine ganz individuelle Auswahl aus der Vielzahl der Möglichkeiten, die uns das Internet heute bietet. Also hat es auch keine einheitliche Geschichte, die wir alle wahrgenommen oder geteilt hätten und ähnlich bewerten.
So waren beispielsweise für Filmfreaks Stage6 und der DivX-Codec erheblich wichtiger als YouTube - und eDonkey und Bittorrent viel relevanter als Napster. Für die Akademiker im Forschungsnetz waren Facebook und Craigslist womöglich völlig irrelevant, Grid- und Cloud-Computing hingegen nicht. Für Fernsehfreunde wird sich vielleicht einst Hulu als Markstein eines großen Medienwandels erweisen - oder vielleicht doch das Nettop-Konzept, weil es Menschen endlich darauf brachte, ihre Rechner (wenn auch nicht die Nettops) doch noch als Streamingserver für das Wohnzimmer zu nutzen. Heute schwer zu glauben - aber nicht unmöglich.
Jeder sieht's anders
Trotzdem ist die Liste der Akademie unausgewogen: Warum fehlen der iPod (2002) oder der iTunes Music Store (2003), die zusammengenommen die Musikbranche nicht weniger umgekrempelt haben als das einst illegale Napster? Noch wichtiger: Wo ist der - sicher schwer zu datierende - Durchbruch von Breitbandtechniken wie DSL, die alle Internetanwendungen erst erschwinglich und massenfähig machten? Wo ist die Flatrate, die die Internetnutzung völlig umkrempelte? Wo der Durchbruch des Instant Messengers, heute das dominante Kommunikationsmittel der jüngeren Netzgeneration? Wo die Internettelefonie, die wir heute fast alle nutzen, ohne das noch mitzubekommen: Die Telefonfirmen senken so ihre Kosten (und auch unsere Rechnungen)?
Denkt man weiter, kommt man zu Themen, die eher als Prozess zu sehen sind als mit einem Datum festzunageln: Was ist mit der tiefen, weitreichenden Veränderung der Arbeits- und Kommunikationswelt, die Millionen von Menschen betrifft? Ist das Aufbrechen der Generationenschranke nicht genauso relevant? In den Neunzigern blieben viele Silversurfer und Kids noch außen - das ist heute dank zuverlässigerer, erschwinglicher Technik anders.
Die ultimative, amtliche und gültige Top-Ten-Liste der wichtigsten Web-Momente gibt es offensichtlich nicht. Was die Jury der Akademie zusammengetragen hat, ist aber nicht schlecht. Allein das Nachdenken über das Thema macht uns allen klar, in welchem Ausmaß die technische Entwicklung der vergangenen zehn, fünfzehn Jahre unser Leben verändert hat. Das war natürlich seit der Zeit der industriellen Revolution nie anders - aber der Takt wird immer schneller. Und da liegt die Relevanz solcher Listen: Die kurze Rückschau, die uns Prozesse bewusst macht, leisten wir alle uns nur selten.
pat
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