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09.12.2009
 

Bezahlinhalte

Springer bringt "Bild" und "Welt" aufs iPhone

Von Konrad Lischka und Matthias Kremp

"Bild" und "Welt" auf dem iPhone: Zum Lesen und zum Schütteln
Fotos
SPIEGEL ONLINE

Der Axel-Springer-Verlag macht ernst mit Bezahlinhalten: Zunächst verkauft der Konzern iPhone-Kunden Online-Abos seiner zwei größten Zeitungen "Bild" und "Welt". Bald werden auch Webinhalte Geld kosten. Bald sollen exklusive Regionalangebote nur noch im Onlineabo verfügbar sein.

79 Cent kostet das iPhone-Angebot der "Bild" - in den ersten 30 Tagen, als Lockangebot. Dafür erhält der Nutzer die gedruckte Ausgabe der "Bild" als PDF-Dokument schon am Vorabend. Das Blatt so auf dem kleinen Bildschirm zu lesen, funktioniert überraschend gut - dank der Apple-Bedienung, bei der man mit zwei Fingern Details heran- und wieder wegzoomen kann.

Außerdem hat die "Bild" fürs iPhone aber auch eigene, innovative Darstellungsformen für den kleinen Bildschirm und die Bedienung des Mobiltelefons entwickelt. Es gibt einen "iView" genannten Lesemodus, bei dem man durch Artikel waagerecht (durch die Ressorts) und senkrecht (durch die Artikel im Ressort) scrollt. Jeder Artikel wird mit einem großen Foto und Schlagzeile angerissen, was den Bildschirm komplett einnimmt. Ein Fingertippser auf den Anreißer führt dann zum kompletten Artikel. Diese Präsentation ist sehr bildstark, emotional und aggressiv - also eine angemessene Umsetzung der Optik einer gedruckten "Bild".

Es gibt auch sehr spielerische Elemente in der "Bild"-Anwendung, die mancher Nutzer wohl peinlich findet: So kann man dem "Bild"-Girl (die Halbnackte auf Seite 1) in der iPhone-App die Kleidung wegschütteln. Jedes Rütteln am Telefon lässt ein Kleidungsstück verschwinden, begleitet von sehr lauten Soundeffekten wie "Ooops" und "Ahhhh". Hmmm.

Exklusive Regionalinhalte bald nur im Online-Abo

Auch im Web will Springer zufolge bald Bezahlinhalte anbieten. Wie ein Verlagssprecher SPIEGEL ONLINE bestätigte, sollen "exklusive Inhalte" bei den Online-Angeboten der Springer-Regionalzeitungen "Hamburger Abendblatt" und "Berliner Morgenpost" von kommender Woche an Geld kosten. Wie viel genau, sagt der Springer-Verlag noch nicht. Der Branchendienst Meedia hatte berichtet, es solle nur Monatsabos geben, die angeblich um 5 Euro im Monat kosten sollen. Diese Zahlen seien "nicht korrekt", erklärte ein Sprecher des Axel-Springer-Verlags auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Das Mobil-Angebot kann sich jedenfall sehen lassen. Die iPhone-Ausgabe der "Welt" bietet hochkant betrachtet noch ein relativ unspektakuläres Bild. Unter der Titelgeschichte sind die Ressorts mit jeweils zwei bis drei Aufmachergeschichten präsentiert. Dreht man das Display dann aber in die Horizontale, werden die Ressorts nebeneinander mit Bildern zu den jeweiligen Themen dargestellt. Per Fingerzeig lässt sich dann quer durch das virtuelle Heft scrollen. Was sich hier zeigt: Die "Welt" auf dem iPhone ist nichts für Leute mit klein dimensionierten Daten-Flatrates. Hier wird geklotzt und nicht gekleckert - und das kostet Bandbreite.

Springer klotzt

Hübsch gemacht ist die iWelt, ein virtueller Globus auf dem iPhone-Bildschirm, den man per Fingerzeig rotieren kann. Alle Orte zu denen die "Welt" aktuelle Nachrichten hat, sind darin mit roten Punkten markiert. Kommt ein solcher Punkt ins Blickfeld oder klickt man darauf, erscheint ein Pop-Up-Fenster mit der Headline des jeweiligen Artikels und einem passenden Bild. Tippt man auf diese Headline, öffnet sich der entsprechende Artikel. Wer nun erwartet, auf diese Weise den gesamten Inhalt der "Welt" durchforsten zu können, sieht sich getäuscht: Zu den USA sind am Mittwochmorgen lediglich fünf Artikel abrufbar, aus ganz Europa nur vier. Nicht besser sieht es in den Rubriken "History" und "Info" in der iWelt aus. Aus Europa werden hier nur fünf historische Ereignisse vermerkt ("8. Dezember 1899, Das erste Spiel des FC Barcelona").

Ausgesprochen gut gefüllt ist dagegen die Video-Sektion der "Welt". Beim Test am Mittwochmorgen zeigten aber alle dort aufgerufenen Videos denselben Fehler: Die Tonspur war zwar zu hören, vom entsprechenden Videobild aber nichts zu sehen. Andere in der Videoabteilung einsortierte Filme waren dagegen "noch nicht für das iPhone verfügbar". Lästig auch: Die Seiten sind oft unerträglich lang. Ein Artikel zum Thema "2009 ist eines der wärmsten Jahre seit 1850" etwa, füllte von der Headline bis zu den unten angehängten Verweisen auf verwandte Themen gut 22 Bildschirmseiten aus. So mag man sich zwar ausführlich informiert fühlen, übersichtlich ist das aber nicht.

Nach der Probephase wird die "Bild"-App 3,99 Euro Abogebühren im Monat kosten (inklusive PDF-Ausgabe), beziehungsweise 1,59 Euro ohne das PDF. Das iPhone-Abo der "Welt" soll 4,99 Euro in der Komplett-Version mit PDF und 2,99 ohne kosten.

Werbeumsätze 2007-2011 weltweit nach Mediengattungen
2007 2008 2009 2010 Wandel in %
(2007-2010)
Internet 41 50 54,3 60,3 47,07
Magazine 57,8 55,1 49 47,4 -17,99
TV 178,1 183,3 173,2 179 0,51
Zeitungen 128,4 121,5 107 102,7 -20,02
gesamt 476,9 481,2 448,6 455,4 -4,51
* weltweit in Mrd. Dollar, veröffentlicht von ZenithOptimedia und Emarketer 14. April 2009

Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende des Axel-Springer-Verlags, nennt in einer Pressemitteilung des Verlags die kostenpflichtigen iPhone-Abos einen Schritt, "mit attraktiven Inhalten eine zweite Säule der Monetarisierung in der digitalen Welt neben den Online-Werbeerlösen zu entwickeln".

Medienhäuser haben derzeit das Problem, dass die Werbeumsätze aus Onlineangeboten zwar wachsen, aber eben nicht so schnell, wie die Umsätze ihrer Printobjekte (und krisenbedingt auch einiger TV-Sender) schrumpfen. Nur wenige der Verlage arbeiten zudem überhaupt kostendeckend oder machen Profite. Ihre Einsparpotentiale aber haben die Medienhäuser weitgehend ausgeschöpft: Wer noch mehr spart, knapst an der Qualität - und läuft so mittelfristig Gefahr, sich selbst zu erledigen.

Daher versuchen derzeit Verleger weltweit, digitale Angebote zu entwickeln, für die Leser womöglich bezahlen. US-Verlagshäuser entwickeln ein eigenes Lesegerät, andere Verlage teilen sich die Einnahmen mit Apple, um das weit verbreitete iPone als Lesegerät und Apples einfache Bezahlverfahren als Abrechnungssystem nutzen zu können.

Ob genug Leser online zahlen, weiß aber noch niemand. Springer-Boss Döpfner in der Verlagsmitteilung: "Natürlich lässt sich heute noch nicht exakt vorhersagen, wie und in welchem Tempo sich die Zahlungsbereitschaft der Nutzer entwickeln wird."

Aber das ist ja kein Grund, es nicht einmal auszuprobieren. Bei allen Peinlichkeiten und technischen Problemen sind die iPhone-Anwendungen von "Welt" und "Bild" derzeit das - im Hinblick auf die Präsentation - reizvollste Medien-Bezahlangebot fürs Apple-Handy.

Wenn die Kunden dafür nicht zahlen, hat die Medienbranche ein echtes Problem.

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