SPIEGEL ONLINE: Kann sich ein Internetnutzer gegen effizientes Ausschnüffeln schützen?
Sennett: Nun ja, er darf dann keine Suchmaschinen benutzen.
SPIEGEL ONLINE: Wie bitte? Nutzen Sie denn keine?
Sennett: Es gibt technische Wege, um die Informationen auf einem anonymen Weg zu bekommen, ohne dass man seine Wünsche einer Suchmaschine offenbaren muss. Leider habe ich nicht die technische Expertise zu erklären, wie das funktioniert.
SPIEGEL ONLINE: Das scheint keine besonders praktikable Lösung zu sein.
Sennett: Ich bin grundsätzlich optimistisch, was die zukünftige Nutzung des Internets angeht. In der Technikgeschichte gibt es immer eine Krise, wenn eine neue Maschine kommt. Denn die Maschine existiert, bevor die Menschen wissen, wie man sie gut nutzt. Mit den Computern geht es uns so, wie unseren Vorfahren in der Renaissance, die auf den gerade erfundenen doppelten Sextanten schauten. Mit dem kann man im Himmel navigieren, aber die Leute brauchten lange, um das herauszufinden. Als ich für mein Buch "Handwerk" recherchiert habe, lernte ich, dass der Schraubenzieher schon im 16. Jahrhundert erfunden war, aber keiner wusste, was damit zu tun war. Die Menschen benutzten ihn als Waffe oder als chirurgisches Instrument. Und so geht es uns mit dem Internet auch.
SPIEGEL ONLINE: Wie können wir diesen Lernprozess womöglich beschleunigen?
Sennett: Gerade Google bemüht sich darum, die Zusammenarbeit von Leuten in geschlossenen Gruppen zu organisieren. Meine Forschungsgruppe nutzt GoogleWaves. Es ist eine Art Videokonferenz, aber zur selben Zeit wird alles transkribiert, was gesagt wird, alle schriftlichen Dinge werden gespeichert. Man kann damit stundenlang an kollektiven Projekten in verschiedenen Städten arbeiten. Wir hätten dieses Interview auf GoogleWave machen können. Das ist eine Evolution weg von der ausbeuterischen Nutzung, der Stasi-Phase der frühen Jahre. Das Web 2.0 bietet viele Möglichkeiten der Interaktion - nicht nur das Teilen von Informationen.
SPIEGEL ONLINE: Sollten wir, um unsere Privatsphäre zu schützen, private Kommunikation im Netz weitgehend vermeiden?
Sennett: Nein, soziologisch gesehen wird das Netz unsere Zukunft sein. Per Maschine werden wir uns kennen und begegnen. Man muss die Gefahren verstehen, aber man muss auch verstehen, was die Maschinen-Kommunikation erst möglich macht, was im direkten Gegenüber nicht funktioniert hätte. Wir sollten auch nicht allzu hochnäsig gegenüber Facebook sein. Wenn man ein Teenager ist, schafft man dort seinen sozialen Raum. Das ist die Zukunft.
SPIEGEL ONLINE: Aber betreiben wir damit nicht selbst die völlige Auflösung unserer Privatsphäre?
Sennett: Die Grenze zwischen dem, was öffentlich ist und was privat, löst sich sowieso schon seit Jahrhunderten auf, unabhängig vom Internet. Die Idee, dass man sich in der Öffentlichkeit anders benehmen soll als zu Hause, ist für uns viel schwächer, als sie für unsere Vorfahren war. Bei Facebook nutzen die Menschen nur die technischen Möglichkeiten, um zu tun, was sie ohnehin tun würden: Sich mit anderen über sehr private Details aus ihrem Leben auszutauschen und daraus Gesprächsstoff zu machen. Auch hier: Das Internet hat das Problem nicht geschaffen, sondern der kulturelle Wandel.
SPIEGEL ONLINE: Woher kommt dieses Bedürfnis, sein Privatleben in aller Öffentlichkeit breitzutreten?
Sennett: Es hat damit zu tun, dass die Menschen die meisten alltäglichen Rituale nicht mehr kennen, die ihnen geholfen haben, sich mit Fremden wohl zu fühlen. In den Städten ist der öffentliche Raum verlorengegangen, an dem die Leute miteinander umgehen. Dasselbe gilt für das Internet. Was mich daran besonders interessiert: Der Kommunikation im Netz fehlen besonders viele Rituale. Wie vertraut man jemandem, den man nie sehen wird? Welches alltägliche Verhalten ist angemessen?
SPIEGEL ONLINE: Haben die Menschen auch irgendetwas durch den öffentlichen Seelen-Striptease gewonnen?
Sennett: Eine meiner Studentinnen hat über Chatrooms für Brustkrebspatientinnen geforscht. Diese Frauen offenbaren sich voreinander. Sie stellen ihre kompletten Krankenakten online. Das ist totaler Verlust der Privatsphäre, klar, Selbstentblößung, auch, aber zugleich fühlen sich diese Frauen stärker. Sie sind nicht gefangen in der privaten traditionellen Beziehung zwischen Doktor und Patient. Diese Frauen haben sogar Therapien gefunden, über die ihre Ärzte nichts wussten. Sie entblößten sich zwar, aber das hatte einen Sinn und ein Ziel.
SPIEGEL ONLINE: Und was machen Sie persönlich im Netz? Sind Sie ein Mitglied bei Facebook?
Sennett: Ich bin Mitglied von vielen Chatrooms, etwa einem über Linux-Programme, die Open-Source-Software. Aber Facebook? Nie und nimmer. Das ist wirklich die schlechte Seite der Entwicklung. Vielleicht bin ich zu alt. Ich schätze Takt, Diskretion, Privatsphäre, all diese Sachen.
Das Interview führte Cordula Meyer
Auf anderen Social Networks posten:
...hat mittlerweile über 2000 Kommentare. Eine Diskussion zum eigentlichen Thema ist nicht mehr möglich, da die Übersicht völlig verloren gegangen ist. @SPON Wie wär's wenn Ihr mal nen neuen Thread aufmacht? Die Frage "Wie [...] mehr...
Google ist keine 'Weltmacht'. Schon solcher Aufriss suggeriert leicht manipulierbaren Aengste, die dann sogleich naiv von einer Erde halluzinieren, in der Google herrscht - was vermutlich alles verbessern wuerde btw. [...] mehr...
... Das ist so eine Story, zu der ich gerne mal einen Link hätte. :) mehr...
feste ein- und angebunden an den Verband der "Dachgesellschaft" Homelandsecurity. Ich erinnere mich an eine Professorien, der die Einreise in die USA verweigert wurde. Grund: sie hatte via amazon "auffallend [...] mehr...
Nicht so gefährlich wie die 99% der Nutzer die Google als Startseite und/oder Standardsuchmaschine nutzen, aber dennoch meckern. Am besten noch bei Twitter, Facebook und den VZs über Google beschweren, vielleicht hilfts. ;) mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Web | RSS |
| alles zum Thema Internet | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH