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02.02.2010
 

Sicherheitslücke

IT-Forscher enttarnen Internetsurfer

Von Felix Knoke

2. Teil: Was Kriminelle mit den Daten machen könnten

Meint es ein Angreifer ernst, wird er es wohl nicht wie Holz und Wondracek bei der Suche nach Namen belassen. Je nachdem, wie offenherzig ihre Opfer aber mit Profildaten in sozialen Netzwerken umgehen, könnten sie auch dessen Wohnort, Arbeitgeber, Freunde, Partner, Interessen, Bilder erfahren. Ein Schatz für Internetkriminelle, Überwachungsregimes, zwielichtige Internetwerber. Ein Dilemma für die Surfer: Die müssen nun zwischen Nutzbarkeit eines sozialen Netzwerkes, dessen Essenz die Exposition ist, und dem Datenschutz entscheiden.

Dabei hilft es nicht einmal, es den Angreifern nur schwerer zu machen. Internetgauner sind äußerst geringe Trefferquoten gewohnt: "Wenn einer 20 Millionen Spam-Mails verschickt", gibt Holz zu bedenken, "ist es schon lukrativ, wenn jeder Tausendste klickt." Mit Hilfe personalisierter E-Mails ließe sich diese Quote ganz einfach und risikolos steigern.

Auch die Betreiber von sozialen Netzwerken haben nicht viel Spielraum für Sicherheitsmaßnahmen. Holz und Wondracek schlagen zwar vor, an jeden Link innerhalb eines sozialen Netzwerks eine Zufallszahl anzuhängen, um Angreifern die Identifizierung von Personen zu erschweren. Allerdings kostet so eine Maßnahme viel Geld und Serverkraft. Die Surfer bemerken die Vorkehrungen vor allem daran, dass sie derartig geschützte Links nicht mehr als Lesezeichen speichern können - also als Surfhindernis.

Auch eine Blockade der für den Angriff so wichtigen Webcrawler scheint schier unmöglich: Ein illegaler Angreifer könnte einfach ein Botnet mieten und zehntausende Privatrechner die Recherchearbeit durchführen lassen - keine Chance für das soziale Netzwerk, so eine Attacke zu parieren.

Folgende Szenarien schweben den Forschern vor

Erpressung

Sie stellen Fallen im Netz auf, etwa Sammlungen von illegalen Videos. Der böswillige Website-Betreiber meldet sich beim Surfopfer, droht damit, all dessen Freunden von dem Surfausflug zu erzählen.

Phishing & Spam

Banking-Betrug

Politische Kontrolle

Soziale Kontrolle

Herauszufinden, wie sich trotzdem Schutzmaßnahmen ergreifen lassen könnten, ist nun eine gemeinsame Aufgabe von Sicherheitsexperten und Netzwerk-Anbietern. Von SPIEGEL ONLINE auf das Datenschutzproblem aufmerksam gemacht, hat Xing die beiden Forscher nun eingeladen, an einem Sicherheitskonzept für das Netzwerk zu arbeiten, teilt die Pressestelle mit. Aber auch andere Netzwerke sollten zügig Schutzvorkehrungen treffen, fordert Holz. Gerade in Netzwerken mit jungen Nutzern ist es sehr populär, sich in vielen Gruppen einzutragen: "Je mehr Gruppen, desto besser funktioniert unser Angriff."

Dabei muss man gar nicht einmal das Schlimmste befürchten: Wahrscheinlich verwenden Angreifer das History Stealing eher dazu, alte Angriffsmethoden zu verfeinern. Wer bisher Spam-Mails an per Zufallsgenerator erzeugte E-Mail-Adressen schickt, kann jetzt echte Namen beschicken. Wer Onlinebanking-Teilnehmer mit Phishing-Attacken zur Herausgabe von PIN- und TAN-Nummern bringen will, kann sie jetzt unter ihrem echten Namen als vermeintlich echter Freund ansprechen. Die nächste Betrugs-E-Mail kommt plötzlich von einem echten Firmenkontakt statt von einem Ölbaron aus Nigeria. Und will sich ein Internetangreifer noch glaubwürdiger als Freund ausgeben, ruft er einfach auf dem Handy an - die Nummer kennt er aus dem Netzwerk-Profil.

Experimentierfreude jedenfalls werden Internetgauner sicherlich entwickeln: "Diese neue Angriffsmethode ist so simpel, dass auch technisch nicht sehr versierte Hacker sie umsetzen können", meint Thorsten Holz. Vermutlich ist das alles noch nicht einmal illegal. Wer History Stealing betreibt, nutzt ein völlig legales Feature jedes Webbrowsers. Das automatisierte Durchkämmen von sozialen Netzwerken verstößt vielleicht gegen die Nutzungsbedingungen der Anbieter - trotzdem bieten ganz legale Dienstleister so einen Service im Netz für ein paar Dollar an.

Opfer-Dossiers vom Cyberverbrecher

Der Hack hat es in sich: Wer etwa eine Sicherheitslücke bei Facebook nutzt, spielt mit den Daten von 350 Millionen Mitgliedern weltweit. Besonders verlockend für Holz und Wondracek: Es gibt Millionen von Gruppen. Verbindet man diese Daten mit anderen Informationen aus Datenraubzügen, könnten Cyberverbrecher wahre Opfer-Dossiers erstellen - automatisch, billig, hochaktuell.

Und so ist auch das Schadenspotential der neuen Angriffsmethode noch gar nicht ausgelotet. Zumal wirklichen Schutz vor diesem Angriff nur das konsequente Abschalten der Surf-History bietet, eine Möglichkeit, die beispielsweise der Google-Browser Chrome nicht einmal anbietet. Nur wer dort konsequent im "Inkognito"-Modus surft, ist vor der Deanonymisierung sicher.

Mit Firefox, Internet Explorer und Opera lässt sich der Surfverlauf zwar komplett abschalten, damit büßt man aber auch Internetbequemlichkeit ein. Dass sich das Gros der Internetsurfer das antut, ist unwahrscheinlich - vor allem, weil es einiges technisches Verständnis vom Browser erfordert. Holz: "Die Erfahrung zeigt, dass nur wenige solche Sicherheitsmaßnahmen freiwillig ergreifen."

Vor allem aber machen sich die Wiener Forscher Sorgen, dass ihr Angriff nicht nur auf sozialen Netzwerken wie Facebook und Xing funktioniert, sondern auch auf Shopping-Plattformen, in Foren, Beratungsnetzwerken, Preissuchmaschinen - eigentlich allem, was unter dem Begriff Web 2.0 firmiert.

Thorsten Holz: "Prinzipiell sind alle Internetangebote betroffen, in denen sich Leute unter ihrem Klarnamen anmelden und in Gruppen organisieren."

Damit rührt der Angriff an den zwei Säulen des modernen Umgangs im Internet: Der relativen Anonymität beim Surfen und der Tendenz zur Entblößung in sozialen Netzwerken. Seine technische Einfachheit demonstriert, dass im Internet viele Datenschutzrisiken auf so tiefer Ebene im Design angelegt sind, dass es wirklichen Schutz nicht geben kann: Wer von der Entblößung profitieren will, muss auch das Risiko einer Entblößung tragen. Der Traum vom anonym nutzbaren Medium ist ausgeträumt.

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insgesamt 84 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
06.12.2010 von VorwaertsImmer: Gibts doch schon: Anynomisierungsdienste

Browser kann man sich anonymisieren lassen. Die Dienstleister gibt's doch schon, z.B. die Jondos Gmbh https://www.jondos.org/ mehr...

09.04.2010 von adrianhb: kleine Korrektur, von mir auch ohne Häme

Javascript kann die Historie auch nicht auslesen. Javascript kann aber abfragen, in welcher Farbe Links auf der Seite dargestellt werden. Und per css kann bestimmt werden, in welcher Farbe Links angezeigt werden sollen, wenn [...] mehr...

09.04.2010 von adrianhb: mag alt sein

aber leider haben die Browserhersteller die Lücke noch nicht dicht gemacht ist natürlich etwas komplizierter und geht nur mit Nebeneffekten, aber besser, als ausspionierbar zu sein Da ich grundsätzlich mit noscript surfe, [...] mehr...

09.04.2010 von adrianhb: hier liegt das Problem

Und wenn Du auf zwielichtigen Seiten rumsurfst, dann möchtest Du nicht, dass der Seitenbetreiber weiß, dass Du der und der auf Xing bist. Denn - wie Du schon sagtest - stehen da sehr viele interessante und vor allem echte Daten [...] mehr...

19.02.2010 von nadinerl: Weiterer

Viel interessanter finde ich da den Treuetest hier: http://www.date-seiten.de/treuetest.html Die Webseite nützt genau diese Sicherheitslücke und prüft ob der Computer für das Einloggen bei den größten Singlebörsen Deutschlands [...] mehr...

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