Von Benjamin Bidder, Moskau
Und sie beginnt mit einem Klick.
"Kommen sie mit auf einen Trip entlang der berühmten Route und sehen Sie den Baikal, den Chechzirskij Park, den Fluss Jenisej und viele andere malerische Flecken Russlands, ohne Ihr Haus zu verlassen." So preist Google eines seiner neuesten Projekte an: Eine virtuelle Reise quer durch ganz Russland, von Moskau bis Wladiwostok. Ein Drehteam ist die gesamte Strecke bis in Russlands fernen Osten gereist und hat Kilometer für Kilometer der berühmtesten Bahnstrecke der Welt gefilmt.
Google Earth zeigt die Erde vom Satelliten aus, Googles Streetview die Häuserzeilen von Städten überall auf der Welt. Aber jetzt kann man auf der russischen Googleseite auch noch die Transsibirische Eisenbahn nachfahren, auf der Karte und gleichzeitig per YouTube-Video.
Man kann auch dem rhythmischen Rattern des Zuges zuhören. Oder einem Vorleser, der wahlweise Tolstois Meisterwerk oder die "Toten Seelen" des Dichters Nikolai Gogol vorträgt. Oder Balalaika-Klängen. Oder russischer Popmusik.
Googles Datenhunger hat für Aufregung gesorgt, aber dieser Coup des Weltunternehmens wirkt eher verschroben: 150 Stunden dauert eine Fahrt auf der längsten Bahnstrecke der Welt. 150 Stunden Filmmaterial zeigt auch die Googleseite. 150 Stunden Aufnahmen immer stets aus einem leicht spiegelnden Zugfenster. Außerhalb der großen Städte bedeutet das vor allem: Birkenwälder, Birkenwälder und nochmals Birkenwälder.
Es fehlen die unzähligen Zwischenstopps, bei denen sich Reisende die Beine vertreten und russische Großmütterchen an den Gleisen in der russischen Provinz selbstgebackene Piroggen anbieten. Da fehlt auch die Gesellschaft einheimischer Reisender, deren Bekanntschaft und mitgebrachten Getränken selbst Touristen ohne Russisch-Kenntnisse auf einer fast einwöchigen Fahrt unmöglich entrinnen können. Es fehlt der Rhythmus von Lesen, Schlafen, Essen, Lesen. Die Atmosphäre der in die Jahre gekommenen Bordrestaurants aus der Sowjetzeit.
Zum Glück kann man bei Google per Mausklick mit leichter Hand ein paar hundert oder tausend Kilometer bis zur nächsten Sehenswürdigkeit überbrücken. Bis zum Ufer des Baikalsees, zum Beispiel. Er hat mehr Süßwasser als die großen amerikanischen Seen zusammen und erstreckt sich über 670 Kilometer Länge. Der Baikal erreicht 1600 Meter Tiefe. Es gibt Süßwasserrobben und den Omul, einen köstlichen Fisch. "Heiliges Meer Sibiriens" nennen die Ureinwohner den Baikal.
Google zeigt ihn vom Ufer, spiegelglatt. Aber da müsste man aussteigen, nicht vorbeifahren. Einen Mythos kann man eben nicht digitalisieren.
Auf anderen Social Networks posten:
ich finde die idee nicht besonders gut - um's konkret zu sagen sogar eher dämlich. nicht alles läßt sich digitalisieren und häppchenweise per internet konsumieren. die transsib, die zugfahrt, das leben an der strecke muss man [...] mehr...
Wer weiß, vielleicht ist sowas schon geplant - so wie mehrere "Tonspuren" mehrere Bildspuren - das alles zu digitalisieren und zu youtuben wird wohl auch einige Zeit in Anspruch nehmen, wer weiß... mehr...
Hat sich noch niemand gemeldet, der seine Persönlichkeitsrechte durch das Abfilmen seines Lieblings-Birkenhaines verletzt sieht? mehr...
Eine tolle Idee hatte Google da. Bin diese Strecke vor ein paar Jahren selbst einmal gefahren. Das fantastische ist, dass man den Wandel der Landschaften von Europa nach Asien auf Google mit der Karte nachvollziehen kann. Bei der [...] mehr...
Die gibt es schon lange nicht mehr, denn die Zeit der Gulags(als Arbeitslager! "Normale" Gefängnisse gibt es natürlich noch.) ist lange vorbei. Und so lange halten sich billige Holzbaracken nun mal nicht im Sibirischen [...] mehr...
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