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26.03.2010
 

Cyberchondrie

Das Web als Angst-Maschine

Immer mehr Menschen suchen sich Medizin-Informationen im Internet zusammen. Gefährlich ist das dann, wenn nicht ausreichend qualifizierte Personen daraus Diagnosen destillieren - und aus harmlosen Wehwehchen scheinbar tödliche Erkrankungen werden.

Das Phänomen ist seit längerem bekannt, bisher aber wenig erforscht. Gefährlich ist die Laiendiagnose-Suche im Web vor allem, weil Symptome ambivalent und durchaus nicht konkret sind: Eine kleine Beschwerde wie Fieber und Kopf- und Gliederschmerzen mag sowohl für ein harmloses Wehwehchen (Erkältung) stehen wie für eine lebensbedrohliche Erkrankung (Dengue-Fieber).

Ein Hypochonder wird sich in solchen Fällen tendenziell für die schlimmstmöglichen Diagnosen entscheiden: Hypochondrie ist eine psychische Störung, deren Hauptmerkmal die Angst vor Krankheit ist, verbunden mit einer stetigen, diese Angst permanent anheizenden, übertriebenen Selbstbeobachtung.

Für echte Hypochonder ist das Web eine unerschöpfliche Angstquelle, die die Interpretationsbasis für jedes Wehwehchen ins Unermessliche verbreitert hat: Das Web verhilft ihnen zu Diagnosen, von denen sie vorher noch nie gehört haben. Sie nutzen das Web als eine Art Differentialdiagnose-Datenbank, bei der die Summe tatsächlicher oder eingebildeter Symptome ein scheinbar konkretes, vermeintlich verlässliches Ergebnis ergibt, in schriftlicher Form ausgespuckt von einer Suchmaschine.

Seit 2001 kursiert in Fachkreisen für dieses Syndrom eine Bezeichnung, die 2007 durch den amerikanischen Mediziner Brian Fallon popularisiert wurde: "Cyberchondrie". Laut Fallon werden über 90 prozent aller Hypochonder, die Zugang zum Internet haben, zu Cyberchondern, die sich ihre Symptome quasi extern zuliefern lassen - oder "ergoogeln". Systematischer erforscht wurde das Syndrom von Ryen W. White und Eric Horvitz, beide sind bei Microsoft beschäftigt. Sie legten 2008 erste Studien vor, die inzwischen in mehrere Veröffentlichungen einflossen: "Experiences with Web Search on Medical Concerns and Self Diagnosis" und zuletzt

"Cyberchondria: Studies of the Escalation of Medical Concerns in Web Search".Wie massiv das Problem inzwischen ist, bestätigte auch die von EU und WHO initiierte Studie "eHealth Trends in Europe" aus dem Jahre 2008: Sie zeigte, wie der Prozentsatz aller Internetnutzer, die medizinische Informationen aus dem Web beziehen, von 42 Prozent im Jahr 2005 auf 52 Prozent im Jahr 2007 stieg, mit den größten Steigerungsraten in Deutschland. Während das Problem der Cyberchondrie hier zwar nur eine Minderheit betrifft, stöhnen vor allem Ärzte aber über eine weitere Nebenwirkung: Immer mehr Patienten kommen mit Vor-Diagnosen munitioniert in die Sprechstunden - oder stellen das fachmännische Urteil in Frage.

pat

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