Von Frank Patalong
Was ist "gefahrlos und nur halb so teuer wie Petroleum"? Was "mein bester Arbeiter" und "das praktischste Festtagsgeschenk"? Was vermeidet Explosionen? Vergiftungen bei Kindern? Was hilft dagegen, dass uns allen der Sprit ausgeht? Und was bewarb man einst damit, dass es - anders als alle Konkurrenzprodukte - "nach unten strahlt"?
Die Antwort ist klar: Die Glühbirne, respektive das elektrische Licht.
Es gab einmal eine Zeit, da musste man für Strom als in Haushalt und Arbeitswelt einzusetzende Energie nach Kräften werben. Man musste dem Verbraucher erst einmal klarmachen, dass der Einsatz elektrischer Gerätschaften Vorteile bringt.
Das Museum Strom und Leben im Umspannwerk Recklinghausen hat eine Vielzahl solcher Zeugnisse gesammelt: Rund 500 Werbeanzeigen und Plakate, Werbegeschenke und erklärende Inserate für das neue Hightech. In der Ausstellung "Elektrisierend - Werbung für Strom 1890 - 2010" kann man sich ansehen, wie die Stromkonzerne und Technikhersteller einst um Kundschaft buhlten.
Und man begreift, dass es letztlich nie anders war als heute: Neue Technologien waren immer schon erklärungsbedürftig, die späteren Anwender mussten überzeugt werden. Das gilt für iPhones so sehr wie früher für den Kühlschrank, den E-Herd, den Staubsauger, die Dampfmaschine, die Fensterscheibe, den Ackerpflug, den Zaunpfahl, den Faustkeil und das Feuer. Oder eben für Elektrizität: Die Rückschau erscheint uns vor allem dann charmant und amüsant, wenn uns die Überzeugungsarbeit die beworbenen Dinge so selbstverständlich gemacht hat, dass wir Werbung für sie schon fast als bizarr empfinden.
Damit aber führen uns solche Zeugnisse der Technikgeschichte zurück an die Wendepunkte in der Zeit, zu denen neue Technologien das Leben nachhaltig veränderten. Das gilt selbst für vermeintliche Kleinigkeiten: Meine Lieblingsstromanzeige, die man sich nun auch im opulenten Begleitbuch zur Ausstellung ansehen kann, stammt aus dem Jahr 1906. Es ist eine Zeitungskleinanzeige in der zeittypischen Holzschnittoptik und wirbt für "Nach unten brennendes Auerlicht", die "beste und billigste Beleuchtungsart für Bureaux, Einzelarbeitsplätze, Wohnräume etc." mit "40 % Glasersparnis".
Theo Horstmann/Regina Weber (Hg.):
Hier wirkt Elektrizität
Werbung für Strom 1890 bis 2010.
Klartext Verlagsges.; 326 Seiten; 29,90 Euro.
Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.Man muss das kurz sacken lassen: Bis zum Aufkommen dieser Lampen, sagt uns die Anzeige, warfen alle künstlichen Leuchtkörper ihr Licht nach oben. Unter dem Lampenkörper war Schatten, im Zweifelsfall in der Mitte des Raumes. Man muss nur versuchen, sich das in der eigenen Wohnung vorzustellen: Wie würden die Räume aussehen, wenn Decken und obere Wände hell, die Raummitte aber verschattet wäre? Wenn sich Licht nach unten nur mit Hilfe von Spiegelelementen lenken ließe? Wie sähen Lampen aus und wie definitiv nicht?
Das ist es, was den Reiz solcher Dokumentationen ausmacht. Vordergründig zeigen sie banale Geräte, in Wahrheit dokumentieren sie die sukzessive Veränderung von Lebenswelten. Das geht von der Faszination, die anfänglich davon ausging, dass die Städte Nachts ihre Dunkelheit verloren, über die Entdeckung der "Convenience", der durch allgegenwärtige Maschinenkraft erreichten Erleichterung der Alltagsaufgaben bis hin zur Erhöhung des Sozialprestiges, das man als Early Adopter noch immer erreichen kann. 1930, erklärt uns eine Farbanzeige, kamen Bekannte zu Besuch, um "ihren neuen Santos Kühlschrank anzusehen, von dem alle so begeistert sind".
Das Museum ( Link: Anfahrtskizze) ist Dienstags bis Sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet (Karfreitag geschlossen). Eintrittspreis 3 Euro, Ostersonntag gibt es ab 15 Uhr eine kostenlose Führung, Ostermontag um 11 und 14 Uhr. Das Begleitbuch zur Ausstellung vertieft das Thema: Ein Schmöker und Blätterbuch für Techniknostalgiker, die wissen, dass Technologie auch Kultur ist.
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