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19.04.2010
 

Web-Betriebssystem

Facebook kopiert die Google-Methode

Von Konrad Lischka

Facebook-Logo: 200 Millionen Mitglieder rufen die Seite jeden Tag aufZur Großansicht
AFP

Facebook-Logo: 200 Millionen Mitglieder rufen die Seite jeden Tag auf

Das gefällt mir! Lies das! Schau dir das mal an! Milliarden solcher Empfehlungen geben Facebook-Nutzer ihren Freunden jeden Monat. Nun drängt Facebook mit seiner Meinungs-Infrastruktur ins Netz, Web-Seiten können wohl bald die "Gefällt mir"-Schalter einbinden. Das ist Expansion nach Google-Logik.

Jeden Tag loggen sich 200 Millionen Mitglieder bei Facebook ein und streunen im Durchschnitt 55 Minuten auf den Seiten herum. Facebook ist das größte soziale Netzwerk der Welt. Nun arbeitet die Firma daran, dass sich das ändert. Facebook will nicht mehr nur ein - wenn auch ziemlich großes - Web-Angebot von vielen sein, sondern mehr und mehr Teil der Infrastruktur anderer Angebote werden.

Konkret sieht das so aus: Über die Schnittstelle Facebook Connect können Web-Seiten-Betreiber ihren Lesern eine umständliche Anmeldung ersparen. Wer einen Artikel kommentieren möchte, muss sich auf Seiten wie Mashable.com nicht eigens registrieren, sondern einfach mit seinem Facebook-Konto anmelden. Vorteil für die Seitenbetreiber: Das geht schneller, die Leser nutzen dieses Angebot eher, und sie kommentieren höflicher, weil die Facebook-Identität meistens nicht so leicht abzustreifen ist wie ein anonymer Pöbel-Zugang zu Kommentarforen.

Facebook baut dieses Infrastruktur-Angebot für externe Web-Seiten aus. In dieser Woche wird das Unternehmen auf der Facebook-Entwicklerkonferenz F8 eine neue Schnittstelle vorstellen, melden die " New York Times" und die " Financial Times" übereinstimmend. Das neue Vernetzungsangebot: Seitenbetreiber sollen Facebooks Gutfinde-Knopf auf ihren Seiten einbauen. Mit einem Klick auf die Aussage "Gefällt mir" kann ein Facebook-Nutzer alles mögliche loben - Fotos, Texte, Kommentare anderer, Verweise auf Web-Seiten.

Etwas Vergleichbares hat kürzlich Twitter angekündigt: Über das Programm "@anyhwere" sollen Twitter-Nutzer künftig von Partner-Websites aus direkt Tweets absetzen können - darüber, dass sie dieses Buch gerade gelesen haben und es ihnen gefallen hat, oder darüber, dass dieses Kochrezept hier leider gar nicht funktioniert.

Facebook bietet ein 400-Millionen-Publikum

Facebooks Plan klingt noch simpler, ist es auch, und gerade das ist so genial an diesem Interaktions-Auslöser: Die Nutzer müssen nicht lange Meinung und Formulierungen reflektieren, sondern schnell und impulsiv klicken. Da alle Kontakte eines Mitglieds jede dieser Meinungsäußerungen sehen (XY findet dies und jenes gut), verteilt der Gutfinde-Knopf Aufmerksamkeit in Freundesnetzen.

Im Durchschnitt findet ein Facebook-Mitglied neunmal im Monat etwas so gut, dass das alle Freunde erfahren müssen. Wenn Facebook diese Mundpropaganda-Maschine aufs Netz loslässt, werden viele Anbieter begeistert darauf anspringen. Wer verzichtet schon auf 400 Millionen potentielle Leser, Kunden, Interessenten, die kostenlos von ihren Freunden auf das Angebot gelockt werden?

Warum arbeitet Facebook daran, sein Angebot übers gesamte Netz zu verteilen? Ein Blick auf das Google-Geschäftsmodell könnte eine Antwort geben. Die Suchmaschine sammelt, analysiert und veredelt die Informationsfülle im Web und die Klicks der Google-Nutzer zu Wissen, das Google allein bieten kann. Google analysiert zum Beispiel, welche Seiten besonders häufig verlinkt und welche bei bestimmten Suchanfragen überdurchschnittlich häufig von den Nutzern aufgerufen werden.

Aus vielen solcher Details und der schieren Masse an Nutzern und analysierten Seiten leitet Google eine ganz brauchbare Einschätzung darüber ab, welche Seiten bei welchen Suchanfragen besonders empfehlenswert sind. Twitter versucht, ähnlich gute Antworten auf die Frage zu finden, worauf jetzt gerade viele Menschen ihre Aufmerksamkeit richten und was sie davon halten.

Das Web füttert Facebook mit Spielmaterial

Bei Facebook zeichnet sich ein ähnlicher Pakt wie bei Googles Suchmaschine ab. Der Google-Deal ist für alle Seitenbetreiber dieser: Sie lassen Google ihr Angebot analysieren, vielleicht stimmen sie die Gestaltung sogar auf Googles Suchtechnologie ab und stärken dadurch die Position des Aufmerksamkeitsverteilers Suchmaschine im Web. Im Gegenzug bekommen sie ein wenig Aufmerksamkeit, idealerweise von Menschen mit einem gewissen Grundinteresse, die nach Dingen gesucht haben, die sie nun bei dem angeklickten Angebot finden.

Der Facebook-Deal ist für Inhalteanbieter ein ganz ähnlicher: Sie füttern das Netzwerk mit Material, das Reaktionen der Mitglieder provoziert. Spielmaterial, das Aufmerksamkeit bei Facebook bindet, neue Erkenntnisse über Interessen der Mitglieder liefert, Reaktionen provoziert. Im Gegenzug bekommen die Anbieter der Inhalte mehr Aufmerksamkeit durch Empfehlungen im Freundeskreis.

Google und Twitter wehren sich gegen Facebooks Web-Expansion

Wenn Google für viele Nutzer ein Betriebssystem des Web ist, dann schickt sich Facebook an, eine Mischung aus Kneipe und Telefonnetz zu werden: Google destilliert und zentralisiert aus dem Web und den Klicks seiner Suchmaschinen-Nutzer das Wissen darüber, welche Angebote zu welchen Suchanfragen passen. Facebook analysiert heute Beziehungsgeflechte und Vorlieben der Mitglieder. Wenn Seitenbetreiber Facebooks Dienste mehr und mehr ins Web einbinden, kann ein schlauer Algorithmus aus daraus vielleicht einmal die Vorlieben bestimmter demografischer Gruppen ableiten.

Wenn das klappt, könnte Facebook einmal ein so zentraler Aufmerksamkeitsverteiler im Web werden, wie es Googles Suchmaschine heute ist. Google weiß, was Leute lesen wollen, die bewusst Suchanfragen eintippen. Facebook könnte wissen, was Studenten in München und Frauen über 40 in Florida gerade gut finden. Das dürfte Material sein, mit dem sich ein Werbenetzwerk basteln lässt, das ähnlich gut funktioniert wie Googles Gelddruckmaschine der kontextsensitiven Text-Werbung neben Suchergebnissen.

Facebooks Konkurrenten sehen die Ausbreitung der Schnittstellen des Netzwerks im Web mit Sorge - und reagieren: Google, Microsoft, Yahoo und einige andere Anbieter unterstützen einen neuen Standard namens XAuth, den Web-Seiten-Anbieter ähnlich wie Facebook Connect nutzen können. Der "New York Times" sagt ein Google-Manager zu diesem neuen Wettbewerbsfeld im Web: "Es ist viel zu früh, um das letzte Kapitel in Sachen digitale Identität zu schreiben."

Das kann sein. Während dieser Artikel entstanden ist, haben Facebook-Mitglieder ihren Freunden rein statistisch neun Millionen Fotos, Notizen und Verweise auf Web-Seiten, Nachrichten oder Blogs empfohlen.

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Facebook ging Anfang 2004 als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten online. Zunächst konnten nur Menschen mit E-Mail-Adressen ausgewählter US-Hochschulen Mitglieder werden, seit 2006 ist die Seite für alle Über-13-Jährigen offen. Nach eigenen Angaben hat Facebook derzeit 600 Millionen aktive Mitglieder weltweit.(Stand: Januar 2011). Mehr zu Facebook auf der Themenseite...

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Ein Konzept, das das Passwort-Chaos abschaffen soll: Indem man sich an einer einzigen Stelle einloggt, sei es der Webmail-Account oder das eigene Weblog, soll man automatisch auch für alle möglichen anderen Angebote angemeldet sein. Weil die irgendwo im Hintergrund zwischen verschiedenen Sites Daten ausgetauscht werden. MySpace, neben Facebook das größte Social Network der Welt, ist OpenID gerade beigetreten: Mit seinem MySpace-Login kann man sich künftig auch auf anderen Seiten wie der Blogsuchmaschine Technorati anmelden. Der Haken: Wie viele andere Große auch, ist OpenID für MySpace eine Einbahnstraße. Mit seinem Technorati-Login wird man sich auch weiterhin nicht bei MySpace anmelden können. Andere Branchengrößen wie Yahoo und Google, die ebenfalls beigetreten sind, machen das genauso. So viel Eigennutz zementiert die Zersplitterung digitaler Identitäten. Immerhin: Giganten wie Google, IBM, Microsoft, VeriSign und Yahoo sind der OpenID Foundation beigetreten. Vielleicht öffnen sie die Einbahnstraßen irgendwann.

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