Von Konrad Lischka
Wer die erbosten Meinungsäußerungen im Streit um Googles digitale Deutschlandkarte liest, muss "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher Recht geben: Es scheint, als könne das Bewusstsein mancher Informationsverarbeiter nicht mithalten mit der schieren Menge an Neuigkeiten. Da fordert ein Sprecher des Verbraucherschutzministeriums in der " Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" markig "Aufklärung" von Google über das Straßenfoto-Vorhaben: "Wir wollen nun genau wissen, welche Instrumente hier wofür im Einsatz sind."
Hintergrund dieser Wutbekundung: Die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" hatte berichtet, Google scanne die Fassaden der Häuser zusätzlich mit einem Laser, um sie räumlich darstellen zu können. Das provoziert neuen Ärger, wenige Tage, nachdem Google zugeben musste, Datenverkehr aus ungesicherten Funknetzwerken mitgeschnitten zu haben. Die Lasermeldung kommentierte der Ministeriumssprecher mit der Feststellung, es zeige sich einmal mehr, dass "niemand genau wisse, welche Daten Google noch erhebe".
Das passt gut ins Bild vom Datenkraken Google, der hortet, schnüffelt, monopolisiert und mehr Geld im Internet verdient als alle deutschen Verlage zusammen. Aber es stimmt nicht. Dass Google mit Lasern Gebäude scannt, wusste jeder genau, der in den vergangen Jahren die "taz", die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", SPIEGEL ONLINE oder ein Google-Unternehmensblog gelesen hat. Zum Beispiel die Artikel mit diesen Informationen:
Dass Google diese Daten sammelt, weiß also nur derjenige nicht "genau", der auf eine Recherche verzichtet. Vielleicht liegt das am Schirrmacher-Syndrom, vielleicht aber auch an dem seit Monaten gepflegten Google-Reflex: Jede Ankündigung, Panne oder Produktvorstellung des Unternehmens wird in der Debatte in ein klares Raster eingeordnet. Böse oder gut.
Viel Wut, wenig Fakten
Eine differenzierte Einschätzung zieht den Zorn beider Fraktionen auf sich. Das hat die Berichterstattung zur Datenpanne des Konzerns gezeigt. Am vergangenen Freitag gab Google zu, jahrelang in den Street-View-Fahrzeugen Fragmente aus dem Datenverkehr ungesicherter Funknetze mitgeschnitten zu haben. Den Artikel auf SPIEGEL ONLINE dazu kritisierten Freunde und Feinde Googles in E-Mails gleichermaßen empört.
Nun hat die Staatsanwaltschaft in Hamburg nach einer Anzeige Ermittlungen aufgenommen. Und das Geschrei geht wieder los, manche Kommentatoren sehen die Aufnahme von Ermittlungen als Beleg für "kriminelle Machenschaften", die eine Nachrichtenagentur Google unterstellte.
In dieser Hysterie ist die Einschätzung des Hamburger Oberstaatsanwalts Wilhelm Möllers eine wohltuende Ausnahme. Er kommentiert die Lage so: "Wir sind so früh im Fall, dass wir den Anfangsverdacht überhaupt erst verfestigen müssen." Eine feste Meinung zu etwas zu haben und sie auf jedes neue Ereignis lautstark anzuwenden, bringt nie einen Erkenntnisgewinn.
Empörung bringt selten Erkenntnisgewinn
Abseits des Freund-Feind-Schemas hat der Berliner Informatiker Kristian Köhntopp Googles Funknetz-Datenpanne nach einer langen Analyse so zusammengefasst: Die von Google zur Erfassung der W-Lan-Daten eingesetzte Software folge "der Struktur, die die Technik und der W-Lan-Standard der IEEE vorgeben". Das gewählte Vorgehen sei darum logisch und vernünftig, aber zu Googles Pech "in Deutschland illegal".
Köhntopp: "Die Erklärungen, die Google für das Entstehen des Fehlers gegeben hat, sind im Kontext der Standards und im Vergleich mit anderer Software, die ähnliches leistet, konsistent und schlüssig. Der Fehler, der zu dem Problem geführt hat, ist naheliegend."
So etwas schreibt ein Informatiker an einem halben Tag. Politiker haben wissenschaftliche Mitarbeiter, die sich tage- und wochenlang mit solchen Fragen beschäftigen könnten. Und doch fällt Amtsträgern von der CSU-Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner bis zum grünen Justizsenator Hamburgs Till Steffen seit Monaten zum Thema Datenschutz und Internet nichts anderes ein, als immer wieder zu betonen, wie gefährlich die Unternehmen Google und Facebook sind.
Darum können sich die Datenschutzbeauftragen sehr gut alleine kümmern.
Für die Politik gibt es viel grundsätzlichere Probleme: Das Datenschutzrecht in Deutschland ist auf Internetgeschäftsmodelle wie soziale Netzwerke nur schwer zu übertragen. Die meisten Paragrafen wurden formuliert, als man unter einem sozialen Netzwerk die Eckkneipe verstanden hat. Es wäre an der Zeit, die Vorteile und Nachteile, die Chancen und Risiken neuer Technik abzuwägen und zu überlegen, welche Regeln da in Deutschland gelten sollen.
Auf anderen Social Networks posten:
"Als Spießbürger oder Spießer werden in abwertender Weise engstirnige Personen bezeichnet, die sich durch geistige Unbeweglichkeit, ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen, Abneigung gegen Veränderungen der [...] mehr...
Sehen Sie: Das ist fuer mich der "springende Punkt". Was ist daran so toll und brauchbar, dass es die komplette Abfotographierung und Speicherung des öffentlichen Raumes DURCH EINE US-FIRMA rechtfertigen würde? Die [...] mehr...
Ich habe eben das hier gelesen: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,712232,00.html im Forum landet man dazu aber in einem anderen Thread, der Google allgemein betrifft. Ich willd as jetzt nicht noch mal hier rein [...] mehr...
Ist auch ein interessanter Punkt: Beim Telefonbuch steht es mir selbstverständlich frei zu entscheiden, dass ich nicht drin stehen möchte. Bei Streetview hingegen will man mich hineinzwingen. Wie die juristische Lage genau [...] mehr...
Ich wüsste da mehrere Gründe. Führend wäre für mich, daß es verdammt lange dauern könnte, in einer Großstadt den Herrn A.Schmidt alleine durch eine Reihe von Anrufen zu identifizieren: "Entschuldigung, sind Sie der Herr [...] mehr...
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