Es begann Mitte der achtziger Jahre, zunächst per Fax, später per E-Mail: Seitdem flattern uns Briefe ins Haus, die vordergründig an unsere Solidarität und Hilfsbereitschaft appellieren, in Wahrheit aber an unsere Gier. Die Geschichten sind vielfältig, die Masche ist immer dieselbe: Da bittet uns jemand um Hilfe, eine exorbitant hohe Geldsumme aus irgendeinem vorzugsweise despotisch regierten Land heraus zu bekommen, um zu verhindern, dass diese in die Hände von Verbrechern fällt. Als Belohnung verspricht der Hilfesuchende einen satten prozentualen Anteil - wenn, ja wenn wir nur vorab die leider notwendige Bearbeitungsgebühr überweisen...
Klingt abgrundtief dämlich, ist aber eine Masche mit enormen Erfolg, denn die Täter gehen außerordentlich geschickt vor, wenn sie einmal ein Opfer an der Angel haben: Dann wird telefoniert, Treffen werden vereinbart, Beziehungen werden aufgebaut. Trotz zunehmender Bekanntheit solcher "Nigerian Scams", "419 Scams" oder Nigeria-Briefe, wie sie hierzulande genannt werden, werden die jährlichen Schäden weltweit auf satt dreistellige Millionensummen geschätzt.
Das durchschnittliche Opfer, fand eine britische Studie aus dem Jahr 2006 heraus, verliere um 31.000 Pfund. In extremen Fällen geht es um weit mehr: Im August 2007 setzte ein Australier den gültigen bekannt gewordenen Rekord, als er den Betrügern 1,28 Millionen Euro überwies. Doch finanzielle Einbußen sind nicht alles: Auch Fälle von Geiselnahmen sind dokumentiert und einige Morde und Selbstmorde.
Seit Mitte des ersten Millenium-Jahrzehnts sprießen zudem immer neue Varianten dieser Betrugsmasche, die im Jargon der Juristen trocken als Vorauszahlungsbetrug bezeichnet wird. Als besonders varianten- und erfolgreich erweist sich dabei der so genannte Romance Scam - der Betrug mit dem Liebesversprechen.
Locken mit Liebe
Denn in der Breitbandwelt ist Distanz nichts mehr, was einen Flirt verhindern könnte. Das so genannte Romance Scamming ist für die Betrüger weit aufwendiger, funktioniert dafür aber besser als die alten Maschen: Immer beginnt es damit, dass ein meist weiblicher, mitunter aber auch männlicher Scammer auf einer Kontaktbörse oder in einem Social Network einen Köder auslegt. Gemeinhin besteht der aus einem Mix aus Selbst-Anpreisung als attraktive Person und einer emotionalen Ködergeschichte, die sich oft an die Biografie des potentiellen Betrugsopfers anlehnt. Da treffen dann echte auf vermeintlich Geschiedene oder Verlassene, da entspinnt sich aus verständnisvollem Chat und E-Mail-Kommunikation bald ein Telefonverhältnis, mitunter ein per Webcam gepflegtes Fernverhältnis.
Das Ganze wird bei Bedarf beliebig aufgewürzt, bis hin zum Versand intimer Bilder der zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr leidenden Kommunikationspartner. Unausweichlich aber kommt irgendwann die Krise: Da muss dann die vermeintliche Partnerin, der vermeintliche Partner vor dem ersten echten Treffen unbedingt irgendwohin verreisen, nur um dort prompt Opfer eines Unfalls, einer Krankheit, eines Verbrechens, einer willkürlichen Verhaftung zu werden. Klar, dass jetzt erst einmal Krankenhauskosten beglichen, Lösegelder oder unverschämte Kautionen bezahlt werden müssen. Und weil auch das ganz prächtig vermarktbar ist, wird oft gleich auch noch eine Kopie von Personalpapieren angefordert.
Neben pekuniären auch psychische Schäden
Für die Opfer ist all das eine emotionale Achterbahnfahrt, die mit viel Leidenschaft Leiden schafft: Die Betrüger setzen auf die Macht der Hormone, um ihre Opfer von ihrem Geld zu trennen. Wie seit einem Vierteljahrhundert üblich kommen viele dieser Scams in Wahrheit aus westafrikanischen Ländern, nach wie vor oft aus Nigeria, bei Love-Scams allerdings öfter aus Ghana und immer öfter auch aus Osteuropa oder Asien. Im englischsprachigen Raum ist das alles seit längerem ein Problem, für hiesige Surfer wirkte bisher noch die Sprachbarriere als ein gewisser Schutz. Inzwischen haben sich aber offenbar Gruppen von Romance-Scammern auch auf den deutschen Markt der ausbeutungsfähigen Einsamen eingeschossen.
Grund genug für die Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes, ihr Beratungsangebot im Internet um entsprechende Kapitel über Romance Scamming zu erweitern. Neben generellen Erklärungen zur Masche umfassen die Seiten auch Informationen darüber, woran man einen sich anbahnenden Romance-Scam erkennt.
"Neben finanziellen Verlusten", so Wolf Hammann, Vorsitzender der Kriminalprävention, in einer Presseerklärung zum neuen Angebot, "erleiden die Opfer einen noch viel größeren Schaden, der ihr Leben und vor allem ihr Verhältnis zu anderen Menschen nachhaltig verändert: den Vertrauensverlust in ihre Mitmenschen." Denn anders als die bisher üblichen Nigeria-Scams zielt die neue Masche nicht auf Geldgier, sondern auf emotionale Bedürfnisse.
Mitunter investieren die Betrüger Monate der Vorbereitung und Kommunikation ihre Abzocke. Es ist eine Form des "Social Hacking": Kommt dann das dicke Ende, bricht für viele Betroffene eine Welt zusammen - betrogen werden sie um Geld, Illusionen und Gefühle.
pat
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