Von Richard Meusers
Eine Chance für Nachrichtenlieferanten, so beschreibt die "New York Times" eine neue Wendung in der Politik des Webkonzerns Google gegenüber den Medien. Aus deren Reihen ist regelmäßig die Klage zu hören, Google News würde ihnen das Geschäft verderben. Nun werden bestimmte Meldungen und Artikel einiger großer Newsportale in das Google-Nachrichtenangebot eingebunden und prominent auf Googles Web-Seite platziert.
Zu dem glücklichen Dutzend gehören unter anderem Reuters, die "Washington Post" und BBC News. In einer Art Rotationssystem sollen Links auf deren Veröffentlichungen oben auf einer Übersichtsseite erscheinen. Ein Besucher von Google News könnte dann unter der Überschrift "Editor's Picks" fünf Links zu BBC-Artikeln finden. Ein paar Minuten später würde er dann auf Links eines anderen Anbieters stoßen. Google selbst redet sein neues Feature erst einmal klein. Die hauseigenen Entwicklerteams säßen ständig an 50 bis 200 Experimenten weltweit. "Und jetzt führen wir ein sehr kleines Experiment namens ' Editor's Picks' durch." Zudem sei der Nutzerkreis vorläufig auf eine kleine Zahl beschränkt.
Das Erstaunlichste an dieser Meldung ist das, was nicht gesagt wird. Denn mit diesem Schritt verabschiedet sich Google von der rein computerbasierten Erstellung seines Nachrichtenangebotes. Wie in der guten alten Zeit sorgen wieder Redakteure aus Fleisch und Blut wenigsten für einen kleinen Teil der angebotenen Nachrichtenkost und deren Zusammenstellung. Dabei hatte es 2002, bei der Einführung von Google News, noch so stolz geklungen: "Diese Seite wurde vollständig durch Computeralgorithmen ohne menschliche Redakteure erstellt. Kein Mensch wurde zur Gestaltung dieser Seite in Mitleidenschaft oder auch nur herangezogen."
Google-News-Erfinder Krishna Bharat hatte aber schon vor einem Jahr im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE eine Veränderung des Auswahlprinzips angedeutet. Damals sagte er: "Es ist sehr schwierig, allgemeinverbindlich zu sagen, was hochwertiger Journalismus ist. Hier ist Personalisierung eine große Chance. Wir können Nutzer werten lassen, und wir müssen weitere Indikatoren finden: Was versenden Leser per E-Mail? Was wird zitiert? Und warum sollen uns eigentlich nicht die Medien mitteilen, was sie aktuell aus ihrem Angebot für exklusiv und hochwertig halten?"
Neuer Web-Rekord dank Fußball-WM
König Fußball regiert wieder einmal die Welt und seine Herrschaft erstreckt sich längst auch auf das Internet. Laut Angaben des IT-Dienstleisters Akamai erreichten die Zugriffe auf Nachrichtenportale und Streamingangebote am Freitagnachmittag, zu Beginn des WM-Spiels Südafrika-Mexiko, neue Rekordwerte. Mit über zwölf Millionen Besuchern wurden so viel Infowillige wie nie zuvor gezählt. Bis Mitternacht hätten die Werte auf hohem Niveau verharrt und seien erst nach Beendigung des zweiten WM-Spiels zwischen Frankreich und Uruguay wieder abgesunken. Damit wird der bisherige Rekordhalter Barack Obama auf die Plätze verwiesen. Zum Zeitpunkt von Obamas Sieg bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen im November 2008 hatten die entsprechenden Zugriffszahlen bei 8,5 Millionen gelegen.
Apple zensiert James-Joyce-Comic
Die Menschen sollen vor übertrieben gewalttätigen oder sexuellen Inhalten geschützt werden, um sie nicht in ihrem harmonischen Alltag zu stören. Was nach chinesischer Zensur klingt, könnte auch als Motto über Apples Zulassungspolitik für den iTunes Store stehen. Zuletzt verfiel eine Comic-Adaption von James Joyces Ulysses für das iPad dem Verdikt der Sittenwächter in Cupertino. In der gezeichneten Version des Riesenschinkens taucht ein Mann auf, der beim Sprung ins Wasser splitterfasernackt dargestellt ist. Zuviel für Apple, auch wenn die Abbildung sicher alles andere als pornografisch ist. Während das erste Kapitel noch keine "anstößige Sprache" aufweist und anstandslos im iTunes-Store aufgenommen wurde, scheiterten die Macher nun mit dem Nacktbadenden. Wie sie dem Portal Robot6 gegenüber erklärten hätten sie zur Not auch ein Feigenblatt über die anstößige Stelle gezeichnet oder diese grob gepixelt, aber auch das verstoße gegen die Zulassungsbedingungen Apples.
Aber auch andernorten sorgt das iPad für lange Gesichter. Auf den ersten Blick klingt es für die Apfelfirma erst einmal großartig: Die Zahl der verfügbaren Anwendungen für den neuen Plattrechner liegt inzwischen bei über 10.000, was eine Verdopplung seit April bedeutet. Doch scheinen die Verantwortlichen mit der Überprüfung weiterer eingereichter App-Vorschlägen nicht mehr nachzukommen. Eine Reihe von Entwicklern hatte sich über die langen Wartezeiten während des Zulassungsverfahrens beschwert, über das schon einmal ein paar Wochen ins Land gehen könnten. Eine mögliche Erklärung dafür könnte Apples Versuch sein, noch vor Veröffentlichung des neuen iOS 4 vor allem entsprechend geeignete Apps zuzulassen, mutmaßt Techcrunch.
Murdoch gegen italienischen Knebel
Nicht erst seit letzter Woche gehen in Italien die Wogen zum Thema freie Berichterstattung hoch. Schon vor der Verabschiedung einer von seinen Gegnern "Maulkorbgesetz" genannten Verordnung wurden deren Inhalte heiß diskutiert. Viele Medienvertreter und Juristen sehen in der Einschränkung von polizeilichen Abhörmöglichkeiten und der Berichterstattung über anstehende Gerichtsverfahren blanke Zensur, die einzig der Mafia diene.
In den Protestchor reiht sich nun auch der australische Medienmogul Rupert Murdoch ein. Während Italiens Journalisten für den 9. Juli einen landesweiten Streik angekündigt haben, geht der Zeitungs-Zar noch einen Schritt weiter und will beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Klage einreichen, wie der Wiener "Standard" meldet. Durch das italienische Gesetz, das Journalisten, die Inhalte mitgeschnittener Gespräche von Verbrechern veröffentlichen, mit drakonischen Strafen bedroht, seien fundamentale Prinzipien der Demokratie in Gefahr. Der Chefredakteur des Murdoch-Senders Sky-Nachrichten, Emilio Carelli, erklärte, sowohl Medienfreiheit wie auch das Informationsrecht würden durch das Gesetz beeinträchtigt.
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