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23.06.2010
 

Internetnutzung

Wie Facebook die Portale austrocknet

Facebook: Klebriger als AOL oder YahooZur Großansicht
AFP

Facebook: Klebriger als AOL oder Yahoo

Neue Zahlen aus den USA machen deutlich, dass große Online-Portale wie Yahoo oder AOL ihre besten Tage definitiv hinter sich haben. Ihre Zugriffszahlen schwinden, Surfer verbringen immer weniger Zeit dort. Gewinner im Rennen um die Aufmerksamkeit einmal mehr: Facebook.

Die Zahlen sprechen für sich - und sie bestätigen etwas, das in der Netz-Branche schon lange als gegeben gilt: Internetnutzer verändern gerade ihr Surfverhalten, und zwar ziemlich fundamental. Die durchschnittliche Verweildauer US-amerikanischer Internetnutzer bei Facebook im Mai 2010: Knapp 23 Minuten im Monat. Im Mai 2009: gut 15 Minuten im Monat, glaubt man den Zahlen der Internet-Marktforscher vom US-Unternehmen Compete.

Der gleiche Datensatz, der auf einer Beobachtung des Surfverhaltens von zwei Millionen US-Nutzern basiert, zeigt auch, wo die Verlierer dieser Entwicklung sitzen. Die mittlere monatliche Verweildauer von AOL schrumpfte von 7:38 Minuten auf 4:56 Minuten, die bei Yahoo von 9:08 auf 7:21. Selbst bei Google hielten sich Internetnutzer im Mai 2010 kürzer auf als noch im Vorjahr: Aus 6:42 Minuten Suchmaschinenzeit wurden 5:58 Minuten.

Die Entwicklung, die sich hier vollzieht, ist eine soziale: Zum dritten Mal in seiner Karriere, nach den ersten Online-Communitys wie "The Well" und nach dem Siegeszug der E-Mail ist das Internet für viele seiner Nutzer nun wieder ein primär sozialer Ort. Auch der Konsum von Medieninhalten wie Online-Videos oder Nachrichten wird mehr und mehr über Social Networks vermittelt - das Weitererzähl-Web macht der Portalidee nach und nach den Garaus. Empfehlungen kommen eher von Freunden als von "Content-Managern".

Nichts ist klebriger als eine gute Community

Was die eigentlichen Klickstatistiken angeht, ist die Veränderung übrigens weniger deutlich: Auch schon im Mai 2009 konnte Facebook etwa drei- bis viermal so viele Seitenaufrufe pro Visit verzeichnen wie die Portale von Yahoo oder AOL. Die Zahl der Seitenaufrufe pro Besuch bei Facebook veränderte sich von Mai 2009 bis Mai 2010 sogar kaum - von knapp 26 auf gut 27. Doch Social Networks haben aus Vermarktersicht nicht zuletzt einen enormen Vorteil: Sie sind "klebrig", sticky, wie die Anzeigenverkäufer das nennen. Ein einzelne Seite kann eine Vielzahl von Informationen enthalten, Nutzer springen hin und her, lassen Social-Networking-Seiten über lange Zeiträume im Browser geöffnet: Sie bleiben kleben.

Für Europa und speziell Deutschland erlauben Competes Zahlen keine vergleichbaren Aussagen. Es ist jedoch zu vermuten, dass der Prozess der Re-Sozialisierung des Surfverhaltens hierzulande noch nicht ganz so weit fortgeschritten ist, weil Portale wie T-Online oder Web.de als Webmail-Anbieter noch immer viel Surfzeit beanspruchen und die Nutzung von sozialen Netzwerken quer durch alle Altersschichten hierzulande noch nicht so verbreitet ist wie in den USA.

Die "Internet Facts" der Arbeitsgemeinschaft Onlineforschung (Agof) geben für Ende 2009 entsprechend hohe Reichweiten für Portalseiten aus: Die ersten Plätze werden belegt von T-Online, Web.de, Yahoo! Deutschland, GMX und MSN.de. Medienangebote wie SPIEGEL ONLINE folgen erst weiter hinten, ebenso wie Communitys wie Wer-kennt-wen. Verweildauern teilt die Agof nicht mit.

Die Auswertung ist aber auch aus einem anderen Grund nur bedingt aussagekräftig: Zwar werden die Zugriffszahlen der hiesigen Netzwerke wie MeinVZ und Wer-kennt-wen angegeben - Facebook jedoch gehört der Agof nicht an, die Zahlen der derzeit weltgrößten Internet-Community gehen in die Auswertung des deutschen Surfverhaltens also gar nicht ein. Wieviel Zeit die derzeit knapp 10 Millionen deutschen Facebook-Nutzer mit dem Klebenbleiben in der Community verbringen, ist weiterhin unklar.

cis

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