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27.07.2010
 

Ärgernis für Apple

Kongressbeamter gibt iPhone-Knackern freie Bahn

Von Konrad Lischka

iPhone 4: Das Handy mit dem Mega-Bildschirm
Fotos
Matthias Kremp

iPhone-Besitzer in den USA dürfen ihr Telefon nun ganz legal knacken, um fremde Software zu installieren - das hat der von Amts wegen zuständige Kongressbibliothekar entschieden. Der Beschluss könnte einen neuen Software-Markt schaffen: für Programme, die Apples Sittenwächtern zu scharf sind.

Wenn Entwickler Programme für das iPhone entwickeln, mussten sie bisher eine Hürde nehmen: sie benötigten die Zustimmung Apples. Es gab schon einige absurde Ablehnungen. So wurde ein Programm zum Anzeigen von E-Books verbannt, weil man damit auch das Werk "Kama Sutra of Vatsyayana" lesen konnte - das war Apple offenbar zu frivol, die App wurde nur nach Protesten zugelassen.

Mit der Macht der Tugendwächter könnte es nun vorbei sein: iPhone- Besitzer in den Vereinigten Staaten dürfen ihre Telefone nun knacken, um fremde Software zu installieren. Der zuständige Leiter der Bibliothek des US-Kongresses hat das sogenannte Jailbreaking und die dafür entwickelte Software erlaubt ( PDF-Dokument der Entscheidung, siehe Seite vier).

Der Kongressbibliothekar überwacht, ob die scharfen Urheberrechtsgesetze in den USA nicht einen Schritt zu weit gehen. Sollte das im Einzelfall passieren, kann er eine Ausnahme machen - wie jetzt namentlich beim iPhone und anderen Smartphones.

Entsprechende Programme gibt es schon lange, allerdings nur, weil Apple gegen die sogenannten Jailbreaks nie mit aller Härte vorgegangen ist. Die bislang im tolerierten juristischen Graubereich verfügbaren iPhone-Knacker ermöglichen es, Programme auf dem Gerät zu installieren, die Apple nicht für den Vertrieb über den Online-Softwareshop zugelassen hat. Beim Jailbreak wird ein entsprechendes Installationsprogramm auf das Gerät aufgespielt. Alle übrigen Sicherungen, die Apple eingebaut hat, bleiben bei dieser Methode erhalten. Allerdings kommt es vor, dass bei einer neuen Version des iPhone-Betriebssystems iOS die älteren Jailbreaks nicht mehr funktionieren.

Apple warnt iPhone-Knacker vor Garantieverlust

Nach der Entscheidung des Kongressbibliothekars können Nutzer, die ihr Handy geknackt haben, nicht mehr vom Hersteller belangt werden. Wohl aber laufen sie weiterhin Gefahr, ihre Garantie zu verlieren. Darauf wies ein Apple-Sprecher umgehend einen Redakteur des Onlinedienstes Cult of Mac hin: "Die Mehrheit der Kunden wendet Jailbreaks nicht an, weil das zum Verfall der Garantie führen kann und das iPhone womöglich instabil und unzuverlässig arbeitet."

Fraglich ist, wie viele iPhone-Besitzer dieses Garantierisiko eingehen und zudem die Mühe auf sich nehmen werden, einen Jailbreak zu installieren. Ein Massenphänomen dürfte das nicht werden. Außerdem könnten, wie der Fachdienst GigaOM ausführt, auch andere Regelungen einen Jailbreak erschweren. Je nachdem, wie die Verträge zum Beispiel der Mobilfunkanbieter im Detail aussehen, könne ein Jailbreak unabhängig von der Copyright-Ausnahme unzulässig sein.

Trotz aller Schranken ist der Anteil freier iPhones beachtlich. Cult of Mac schätzt, dass es derzeit etwa zehn Millionen geknackte iPhones gibt - ein kleiner, aber interessanter Markt für spezialisierte Softwareanbieter. Apple fiel durch eine arg restriktive Zulassungspolitik von iPhone-Anwendungen auf. Ein prominentes Opfer der Hauspolitik war auch der politische Karikaturist Mark Fiore. Seine "NewsToons"-App wurde nicht zugelassen, weil sie, so die offizielle Begründung, "Inhalte enthält, die Figuren des öffentlichen Lebens der Lächerlichkeit preisgibt", und das verstoße nun einmal gegen die Hausregeln.

Noch skurriler mutet der Fall der App mit dem Namen "Party Trampoline" an: Darin kann man Figuren aus dem Weißen Haus auf einem Trampolin im Oval Office herumhüpfen lassen - auch wieder zu viel Humor mit "Figuren des öffentlichen Lebens" für Apple. Später gab es die App dann doch wieder im App Store - mit einer kleinen, entscheidenden, völlig absurden Änderung: Barack Obama und all die anderen Trampolin-Hüpfer sind nun unkenntlich gemacht - man hat ihnen Papiertüten mit Gucklöchern über die Köpfe gezogen.

Wie Apple Inhalte zensiert

Die Reihe der aus dem App Store geworfenen Anwendungen zeigt, was Apples Sittenwächter fürchten:

  • In der App "My Shoe" sollten Nutzer wie der irakische Journalist 2008 Schuhe nach dem US-Präsidenten George W. Bush werfen. Apples Urteil: Weg damit, so darf man Personen des öffentlichen Lebens nicht behandeln.
  • Mit der App "Me so holy" konnten Nutzer ein Foto in eine Heiligenpostkarte einsetzen - Religion und Heiligenfigur angeben, Foto auswählen, Textbotschaft tippen und das Ganze verschicken. Sekunden später erhält der Adressat der Nachricht eine Art Bildpostkarte, aus der der Absender als Heiliger grüßt. Apple strich das "anstößige" Programm aus dem Software-Angebot.
  • Im Sommer 2009 lehnte Apple eine App des in den USA populären Telefoniedienstes "Google Voice" ab. Die Begründung: Das Programm ersetze Funktionen des iPhones, und man habe Datenschutz-Bedenken. Kurz darauf zog sich Google-Chef Eric Schmidt aus dem Apple-Verwaltungsrat zurück.
  • Im November 2009 war für einige Zeit die App von Stern.de aus Apples Softwareshop verbannt - es habe einen "Dissens um die Erotik-Galerie" gegeben, erklärte ein Sprecher des Verlagshauses Gruner+Jahr. (G+J ist am SPIEGEL-Verlag beteiligt.) Der Verlag führte dann mit Apple einen "Dialog darüber, welche Inhalte möglicherweise noch für ethischen Anstoß sorgen könnten", nach einiger Zeit war die Anwendung wieder verfügbar.

Nun könnten Anbieter, deren Programme Apple abgelehnt hat, bei US-Bürgern zumindest damit werben: zu scharf für Apple.

mit Material von dpa

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