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29.07.2010
 

Solargraphie

Lochkamera-Bastler fotografieren die Sonnenbahn

Von Konrad Lischka

Analogfotos: So fotografiert man die Sonnenbahn
Fotos
Trygg Tarja

Sie klettern auf Bäume, kleben ihre Kameras an Zweige und warten dann wochenlang auf die Belichtung: Mit Lochkameras und Fotopapier zeichnen Solargraphen die Bewegung der Sonne über den Himmel auf. Ihr größter Feind: neugierige Vögel.

Wenn Stefan Michalski aus Halle zum Fotografieren rausgeht, hat er statt einer Kamera manchmal nur ein paar Filmdosen und viel schwarzes Klebeband dabei. Damit klettert der 33-jährige Biologe dann auf Bäume, klebt dort die schwarzen Dosen fest und schaut erst ein paar Wochen später wieder vorbei, um die Dosen zu ernten. Klettern kann der Fotograf zum Glück: "Das habe ich als Kind schon gern gemacht und nun zahlt sich das aus… manchmal aber auch in Schrammen und Kratzern."

Warum Michalski diese Mühe auf sich nimmt, zeigen die Aufnahmen, die dank dieser Touren entstehen: Da wabern Baumwipfel vor einem merkwürdig verwischten Himmel, viele Lichtstreifen durchziehen in einer leicht gekrümmten Bahn diese Landschaft. Das ist die Sonnenbahn. Michalskis Lochkameras belichten durch eine winzige Öffnung das Filmmaterial viele Wochen lang. Da die Kamera absolut ruhig hängt, zeichnet sie die Bewegungen der Sonne auf. Da die Sonne diese Bahn Tag für Tag durch die Aufnahme zieht, wird dieser Lichtstreifen besonders deutlich. Wenn nicht ganz so helle Dinge wie zum Beispiel die Blätter der Bäume sich ohne feste Bahn hin und her bewegen, entsteht ein diffuses Durcheinander.

Für das, was Michalski da macht, gibt es den schönen Namen Solargraphie. Die Lochkameras zeichnen die Bahn der Sonne auf. Geprägt haben den Begriff ein paar Studenten aus dem Umfeld der Kunstakademie Poznan um die Jahrtausendwende. Die finnische Fotografin und Kunstpädagogin Tarja Trygg schreibt eine Doktorarbeit über Solargraphie und erinnert sich an die Ursprünge: Bei einem internationalen Kongress im Mai 2002 erzählte ihr der polnische Fotograf Slawomir Decyk, dass die Sonnenbahn an jedem Ort der Welt etwas anders aussieht - man müsse sie nur einmal mit einer extremen Langzeitbelichtung dokumentieren.

Zu Hause in Helsinki probierte Trygg das gleich mit einer mitgebrachten polnischen Bierdose aus: Sie bastelte daraus eine Lochkamera und installierte die am Balkon. Auf ihrer Website sammelt Trygg nun seit Jahren Solargraphien aus der ganzen Welt, gut 500 Einsendungen hat sie inzwischen erhalten.

Diese besondere Spielart der analogen Fotografie ist dank des Webs und Fotoplattformen wie Flickr populär geworden. Der Solargraph Michalski aus Halle hat die Technik vor anderthalb Jahren über Flickr entdeckt. "Da ich vorher schon Lochkameras gebaut habe, war der Einstieg nicht schwer", erzählt er. Das Prinzip ist simpel: Man braucht ein lichtdichtes Gehäuse, eine Film- oder Keksdose zum Beispiel. Der Behälter sollte innen nicht reflektieren, deshalb schwärzen ihn Solargraphen meist. Das Licht fällt statt durch ein Objektiv durch eine winzige Öffnung ein - einen Stecknadelstich in die Blechwand oder lichdichtes Klebeband zum Beispiel ( eine gute Anleitung gibt Solargraphin Trygg).

Digitaltechnik veredelt die Filmchemie

Belichtet wird Schwarzweißfotopapier, das man in einer Dunkelkammer einsetzt. Wenn das Fotopapier einige Wochen lang belichtet wurde, erscheint das Motiv auch ohne Entwickler auf dem Papier. Man muss also nicht unbedingt mit der Filmchemie experimentieren, allerdings ist etwas Erfahrung beim Scannen und der Bildbearbeitung nötig - schließlich muss das aufgezeichnete Negativ ja irgendwie in ein Positiv umgekehrt werden, um den Sehgewohnheiten zu entsprechen. Bildbearbeitung hilft dabei, Details herauszuarbeiten und die Farben anzupassen.

Beim Scannen des über Wochen belichteten Materials muss es schnell gehen: Man hat nur einen Versuch, weil das Licht des Scanners das Fotopapier belichtet und das aufgezeichnete Motiv bei der Digitalisierung somit zerstört.

Ein Teil des Arbeitsprozesses bei der Solargraphie ist das Gegenstück zur Digitalfotografie: Der Fotograf kann nicht kontrollieren, was er aufnimmt. Er muss wochenlang warten. Andererseits ermöglicht es die Digitaltechnik erst, die Aufnahmen schnell und flexibel zu bearbeiten und vor allem zu fixieren.

Vögel fressen Lochkameras

Die Auswahl des Standpunkts ist bei der Solargraphie noch wichtiger als bei allen anderen Fotoarbeiten: Es geht dabei nicht nur um die Komposition - die Solargraphen müssen auch bedenken, dass kleine Lochkameras im öffentlichen Raum die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Viele der in Städten versteckten Lochkameras verschwinden, erzählt Tarja Trygg. Deshalb nutzt sie kleine, unauffällige Filmdöschen, auf die sie Aufkleber mit einem Hinweis auf das Solargraphie-Projekt und die Webseite pappt.

Das mag neugierige Menschen von Vandalismus abhalten. Einen anderen Feind der Solargraphen stören Aufkleber aber wenig. Stefan Michalski schreibt in einem Erfahrungsbericht im Fotoblog Kwerfeldein: "Das Blech für die Löcher meiner ersten Kameras leuchtete prominent zwischen schwarzem Tape hervor, offenbar eine unwiderstehliche Verlockung für Vögel, welche dann neugierig auf dem Loch herumhackten. Die Resultate waren allenfalls abstrakt zu nennen."

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