Bonn - Darauf hat die Web-Welt gewartet: Der Knigge-Rat in Bonn hat sich vorgenommen, den kommunikativen Unsitten der sozialen Netzwerke endlich verbindliche Höflichkeitsregeln für die digitale Kommunikation entgegen zu stellen. Schließlich, erklärt Rainer Wälde, Leiter des Deutschen Knigge-Rats, auf der Web-Seite des Anstandsgremiums, übernähmen ja gerade die sozialen Netzwerke im Web für den postmodernen Menschen "die Funktion der Dorflinde, unter der sich früher die Bewohner zum täglichen Austausch getroffen haben."
Ein schönes, treffendes Bild: Da wurde dann ja auch nicht geflucht und geduzt und gezetert an der Grenze zur Strafbarkeit. Nein, anständige Menschen pflegten seit Höhlenzeiten stets Umgangsformen, die das Zusammenleben größerer Gruppen erst ermöglichten.
Sowas, hatte in einem Interview mit der "Welt" kürzlich auch Ilse Aigner, Ministerin für Verbraucher, Landwirtschaft und zunehmend auch Internet, gefordert, brauche auch eben dieses Web, diese moderne Höhle: "Einen Ehrenkodex, eine Art Knigge für das Internet, zehn goldene Regeln - kurz, knapp und klar."
Was nicht ganz geklappt hat, obwohl der Knigge-Rat die ministerielle Steilvorlage natürlich gern aufnahm: Am Ende kamen zwar zehn Gebote dabei heraus, die aber mussten noch durch zwei Zusatz-Regeln für das Geschäftsleben ergänzt werden. Das ist immerhin deutlich konziser, wenn auch weniger umfassend als die 101 Leitlinien für die digitale Welt, die die Creation Centers der Telekom Laboratories Ende Juni vorstellten. Die enthalten dann aber auch wirklich nützliche Kleinodien wie "Nur R2D2 darf eine Beziehung digital beenden".
Und so liest sich das beim deutschen Knigge-Rat:
Damit hat das seltsamerweise "sozial" genannte Social Web (Facebook, StudiVZ etc.) fast drei Jahrzehnte nach Formulierung der ersten Netiquette und fünfzehn Jahre, nachdem diese von der Internet Engineering Task Force IETF, die zahlreiche Standards des Web-Datenverkehrs formuliert und überwacht, als eigener Benimmregeln-Katalog festgeschrieben wurde, eine eigene Etikette bekommen. Warum auch nicht? Denn auch das hat die Geschichte der Netiquette, die bis zum Anfang der achtziger Jahre zurückreicht, ja eindrucksvoll gezeigt: Der Bedarf wird allgemein anerkannt, aber kein Schwein hält sich dran.
Auch in den Netzwerken des Internets aber sollte nach Ansicht der Knigge-Experten auf höfliche Umgangsformen und einen respektvollen Ton geachtet werden. Die virtuelle Welt dürfe "kein Freibrief für Gleichmacherei", sein, erklärte der Deutsche Knigge-Rat am Montag in Bonn.
Ein Freund, ein echter Freund...
In sozialen Netzwerken gehe das Gespür für reale Beziehungsgeflechte häufig verloren, kritisierte der Knigge-Rat. Wenn sich wie beispielsweise auf Facebook alle Teilnehmer als Freunde bezeichnen müssten, dann missachte dies die Vielschichtigkeit menschlicher Beziehungen und Umgangsformen bis hin zu Respekt, Achtung und Zurückhaltung, erklärte dessen Leiter Rainer Wälde. Schließlich sei im realen Leben der Umgang mit Bekannten, Verwandten, Lehrern, Chefs oder Kollegen ein anderer als unter Freunden. Einen Geschäftspartner oder Vorgesetzten als "Freund" anzusprechen, könne dieser mit Recht als ungehörigen Übergriff auf seine Person empfinden.
In seinem Zwölf-Punkte-Kodex empfiehlt der Knigge-Rat unter anderem, Privates und Berufliches nicht zu vermischen und keine allzu vertraulichen Informationen preiszugeben. Plumpe Vertraulichkeiten gegenüber einer Respektsperson oder fiktive Identitäten seien ebenfalls tabu. "Nicht nur Freunde, sondern auch Geschäftspartner recherchieren im Internet", erklärte Wälde. "Wer vorgibt, jemand zu sein, der er gar nicht ist, wird in der Realität schnell entlarvt. Seine Glaubwürdigkeit ist dahin." Auch Personalverantwortliche in Firmen verglichen Bewerberunterlagen mit Netzwerkeinträgen.
Immer höflich bleiben!
Zudem sollte immer Zeit für eine korrekte Anrede und einen höflichen Abschiedsgruß sein, fordern die Benimm-Experten. Das allerdings würde die Qualität online geführter Debatten deutlich erhöhen: "Sehr geehrter Herr Terminator321, Ihr letztes Troll-Posting vom Dienstag, in dem Sie mir mitteilten, Sie wüssten, wo mein Auto steht...". Wie heißt es doch so schön? Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus.
Vorsicht sei auch bei jenen Nutzern angebracht, die möglichst viele Kontakte auf ihrer Liste vorweisen (Ashton Kutcher, Barack Obama?). Dies sei "kein Zeichen von Qualität, sondern eher für Oberflächlichkeit und Geltungssucht", hob Wälde hervor. Der Knigge für die Internet-Kommunikation rät in einem solchen Fall, die Aufnahme in die Liste höflich abzulehnen.
Grundsätzlich sollte jeder sich kritisch damit auseinandersetzen, welche Netzwerke für ihn geeignet sind und welche nicht, erklärte der Knigge-Rat. Kriterien seien unter anderem Kosten, Datenschutzbestimmungen, Image des Netzwerks sowie der persönliche Nutzen.
Ob aber künftig auch Marketingmanager deutscher Großunternehmen oder Beamte des Finanzministeriums sich in ihren "Ich liebe Klingonisch"- oder "Ich hab ein Arschbacken-Tattoo"-Fangruppen mit ihrem Schlips-bewährten Bewerbungsfoto, ansonsten aber freundlich-verbindlich und anspruchsvolle Literaturtipps verbreitend darstellen werden, wird erst die Praxis zeigen.
Aber ganz so ernst muss und darf man solche Dinge eben auch nicht nehmen: Es gibt zahllose völlig legitime Kontexte im Internet, in denen man sehr gut beraten ist, den Empfehlungen des Knigge-Rats eben nicht zu folgen. Gerade Kinder und Jugendliche sollten so weit wie möglich vermeiden, außerhalb der ihnen direkt bekannten Peer-Group Angaben zu machen, die Rückschlüsse auf ihre wahre Identität und Adresse zulassen.
pat/AFP
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...die nervigste Unsitte bei Facebook, `Freunde`mit Belanglosigkeiten zu nerven a`la "..23.00Uhr, müde, geh`jetzt ins Bett".Jungejunge, so viel Zeit und so wenig in der Birne möchte ich mal haben, nur für 5min,um zu [...] mehr...
Der normale Menschenverstand reicht aus. Der Knigge-Rat ist überflüssig. Und für die Bücher und Seminare verlangt man einen Batzen Geld. Aber wenn man Kohle machen und sich abgrenzen will, erfindet man einfach ein paar sinnlose, [...] mehr...
oder besser spät als nie. wir befassen uns mit dem thema schon etwas länger und eigentlich lautet bei so was die überschrift, "einfach mal nachdenken". für alle die mal wissen wollen was so geht: [...] mehr...
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