Von Frank Patalong
Die Geschichte beginnt mit einem Ei. Von Mama Saurier liebevoll gewärmt, vom schurkigen Oviraptor gestohlen, vom Pteranodon in die Lüfte getragen fällt es - Lemuren vor die Füße. Eine rührende Geschichte beginnt. Das Rezept ist typisch Disney: Spannung und Tränen nach dem Muster "Tarzan". Statt eines Menschen ziehen die Affen ein Iguanodon auf. Eigentlich alles wie gehabt.
Wirklich alles? "Dinosaur" darf als Sensation gelten. Der Film ist von vorn bis hinten digital, 83 Minuten Non-Stop-Computertrick. Dabei erreicht er einen Realismus, wie man ihn nie zuvor gesehen hat: Da wehen an jedem frühen Primaten schlapp eine Million Haare im lauen Wind, da zuckt Muskel unter Haut und schimmert Schuppe im Abendlicht. Puristen bemäkeln die Vermenschlichung der tierischen Darsteller - doch die ist von einem Disney-Film nicht anders zu erwarten. Die Prognose sei gewagt: "Dinosaur" wird für computeranimierte Filme neue Standards setzen.
Kein Wunder. Die Zeit, in der man hoffte, mit digitalen Tricks die Produktion von Filmen verbilligen zu können, ist vorbei. "CGI", Computer Generated Imaging ist längst keine Sparmaßnahme mehr, sondern ein künstlerisches Mittel, das dem Film neue Möglichkeiten eröffnet. Da darf so ein Disney-Streifen dann auch schon einmal 127,5 Millionen Dollar kosten. Zählt man die Kosten für das eigens geschaffene Studio hinzu, ist "Dinosaur" mit rund 200 Millionen Dollar einer der teuersten Filme aller Zeiten.
Und der wirft seine Schatten voraus. In den Vereinigten Staaten wird "Dinosaur" erstmals am 19. Mai gezeigt, hier zu Lande wird man sich bis zum Spätsommer gedulden müssen. Im Web tobt seit langem die neue Dino-Mania. Nicht nur, dass Disney im Web alle Register zieht, die Werbetrommel zu rühren. Es wimmelt bereits von "Fan-Pages" - und das, bevor der Film überhaupt angelaufen ist.
Das "Echo" unter umgekehrten Vorzeichen ist zwiespältig. Gesehen hat den Film bisher so gut wie niemand - doch die Trailer des Films dürften seit Wochen zu den häufigsten Downloads im Web überhaupt zählen. Die Links schießen ins Kraut, längst hat auch das Merchandising begonnen: In Anbetracht der Produktionskosten begann Disney schon einmal mit dem Verkauf von Stickeralben, Bilderbüchern, Kaffeetassen und Spielzeug. 200 Millionen Dollar sind kein Pappenstiel - einen Flop dieser Größe könnte sich auch Disney schwerlich leisten.
Selten rührte Disney auch die Werbetrommel so effektiv wie zu diesem Filmstart. Ein erster Erfolg: Am 15. Mai kündete die Titelgeschichte des weltweit vertriebenen Magazins "Newsweek" den kommenden Ruhm des Filmes.
Und fiel auf etliche der von Disney verbreiteten PR-Legenden herein. Zwölf Jahre, berichtet "Newsweek", habe Disney an dem Film gefeilt. Schon Ende März veröffentlichte die "Dinosaur Interplanetary Gazette", eine der populärsten Websites für Hobby-Paläontologen, ein Interview mit William Stout, einem der Grafiker, die von Anfang an mit dem Projekt verbunden waren: "Zum ersten Mal wurde ich 1988 von Disney angesprochen. Damals plante Disney einen Saurier-Trickfilm, den sie in der damaligen Tschechoslowakei oder Ungarn produzieren wollten. Das Projekt dümpelte vor sich hin, war mal angesagt, dann wieder abgesagt. Ich denke, ich wurde ungefähr alle drei Jahre angesprochen, ob ich dabei sein wollte."
Erst 1997 sprach ihn dann Pam Marsden an, die Produzentin von "Dinosaur". Stout: "Sie schien wirklich clever und in der Lage zu sein, dieses Projekt endlich zum Laufen zu bringen."
Das tat sie. Faktisch in wenig mehr als drei Jahren stampfte Disney ein digitales Studio aus dem Boden und produzierte den bisher aufwendigsten Computer-animierten Film. Dinosaurierfans rund um die Welt bejubelten den Realismus der ersten, vorab veröffentlichten Bilder und Filmausschnitte. Dass die Saurier bei Disney nicht nur Laufen, sondern auch Sprechen lernten, sorgt allerdings für hitzige Debatten. Gut informierte Fans bemängeln zudem die wissenschaftlichen "Unschärfen" des Filmes:
Produzentin Pam Marsden kann all das begründen: "Der Film spielt im Grunde genommen in der Kreidezeit, aber die Tiere, die damals lebten, boten sich als Darsteller für unsere Story zum Teil einfach nicht an. Dass unsere 'Hauptperson' ein Iguanodon ist, liegt daran, dass man bei Iguanodonen nicht so fürchterlich viele Details animieren muss. Sie sind ein wenig wie Pferde."
Marsden weiter: "Dann haben wir uns teils Tieren bedient, die damals gar nicht lebten. Wir wählten sie aus, weil sie so cool aussehen. Dass unsere Raptoren keine Federn haben, obwohl man heute davon ausgeht, wurde durch unseren Etat verhindert. Es wäre einfach zu teuer gewesen."
Newsweek-Cover: Dem Nachrichtenmagazin war der kommende Filmstart zehn Seiten wert
Man wird sehen, ob "Dinosaur" Kult oder Katastrophe wird: Ab 19. Mai in den USA, ab August auch in Deutschland. Ganz ohne Zweifel scheint selbst die Vertriebsfirma Buena Vista nicht zu sein: Zwar wimmelt es in den amerikanischen Medien von "Dinosaur"-Bildern, in Deutschland jedoch verweigert das Unternehmen die Herausgabe von Bildmaterial.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Web | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH