Ein Laptop an der Hüfte macht noch keinen Einstein. Als Mitte der neunziger Jahre am MIT die ersten Entwürfe "intelligenter" Kleidung entstanden, da ging es den Entwicklern noch um etwas: Da sollten Fasern entstehen, die Mikrochip-gesteuert sich auf die Wettergegebenheiten einstellen können; da wollte man der Kleidung selbst kommunikative "Fähigkeiten" verleihen.
Viel ist davon nicht übrig geblieben. Längst haben auch ehedem von akademischen Ehrgeiz getriebene Entwickler wie Thad Starner vom MIT erkannt, dass es das intelligenteste wäre, "intelligente" Kleidung intelligent zu vermarkten - als schicke, hippe Mode. Der Spaß- und Kommunikationskultur gehen längst die Statussymbole aus: Selbst das Wap-Handy ist inzwischen als eine-Mark-Dreingabe zum Kartenvertrag zu haben.
Auch die Signale der Vergangenheit funktionieren nicht mehr: Blasshäutige "Nerds" - bebrillt und Cordhosen-bewaffnet - sind wieder so out wie vor dem Cyberboom, und die Gadget schwingenden, cybertalkenden "Geeks" gehen längst in der Masse unter. Wie setzt sich heute selbst der Vollblut-Geek aus dem Umfeld der Top-Multimedia-Agentur vom flüchtigen "Tomorrow"-Leser ab? Der ist im Jargon mindestens so versiert wie der Halbprofi - und vermag, ein ungesundes Halbwissen im Rücken, jeder Party durch lustige kleine Stilbruch-Einlagen humorige Akzente zu verleihen.
Sieht man die Kollektionen der Cyberworld-Modenschau anlässlich der letzten Internet World in Berlin, dann wird klar, wo künftig die Identifikatoren liegen werden: Dicht am Körper. Die Mode hat das "Cyber" entdeckt. Doch nicht etwa Attribute wie "nützlich" oder "notwendig" sind die Determinanten dieses einsetzenden Trends - sondern schlicht das Kriterium "sexiness". Cybermode soll anmachen, schick sein, Luxus, Wohlstand und weiß der Fuchs was noch signalisieren. Die schlichte Botschaft: "Ich bin cool".
Für eine kurze Weile werden solche Kleidung-Gadgets, vom Hüftcomputer über die Mini-Spielekonsole bis zum Ein-Augen-Monitor zur Aufpeppung des Alltags Eingang in die Szene finden. Erfolg vorausgesetzt, kommt es dann zum Handy-Effekt: Profis und Insider werden dann die sein, die solche Dinge nicht nutzen. Web- und Code-Produzenten ließ der Hype um das "cyberhafte" der neuen Zeit immer eher kalt.
All das ist nicht neu. Cyberkleidung der Art, wie sie nun bald in Kaufhäusern zu bekommen sein wird, ist durchaus analog zu all den "Toys for Boys" zu sehen, auf die uns "Wired", einst "Konr@d" und heute "Tomorrow" schon immer neugierig machen wollten. Deren Produkttipps begehrenswerter Gegenstände waren nie sinnvoll, nützlich oder auch nur erschwinglich. Immer ging es nur darum, die Statussymbole der neuen "Cybergeneration" zu definieren.
Wie gehabt ist "Wired" auch in dieser Hinsicht noch immer Trendsetter mit gehörigem Vorsprung vor dem Rest der cyber-affinen Medien-, Mode-, Popkultur-Maschinerie: Während in Berlin die Models maschinenbewehrt über den Laufsteg tänzelten, liefen in San Francisco die Druckmaschinen für die Juli-Ausgabe des Kultblattes. Das Feature zum Thema, Seite 209 bis 226: "Wired High Trek" - ein Shopping-Führer für intelligente Outdoorkleidung und Campingbedarf. Das Bemerkenswerte: Der "Wired"-Geek und Campingfreak trägt den GPS-Empfänger nicht etwa im Schuh, sondern in der Jackentasche. Der Campingkocher ist in und Hightech, weil er nur mit Sonnenenergie arbeitet; der Schuh klasse, weil bequem und aus innovativen Materialien; das Schweizer Messer unverzichtbar, weil es Höhenmesser und Thermometer enthält. "Summer Gear", schreibt "Wired", "besinnt sich auf Natur und 'Nerdture'". Zeit, dass "intelligente Kleidung" in die Läden kommt, bevor das jemand merkt.
Frank Patalong
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