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Die Peter-Glotz-Kolumne Vergrabene Kabel

Gelegentlich fragt man sich, ob sich Wirtschaftspolitik in Deutschland, einem Land mit hoher Arbeitslosigkeit und spürbaren Defiziten in der "New Economy" noch als Struktur- und Industriepolitik versteht. Defizite offenbart nicht nur die extreme Verteuerung der UMTS-Lizenzen, sondern auch der Umgang mit dem Kabelnetz der Telekom.

In diesem Land sind für viel Geld viele breitbandige Kupferkabel (und inzwischen auch allerhand Kilometer Glasfaserkabel) im Boden vergraben worden. Die Penetration bei den Haushalten beträgt heute 55 Prozent, sie soll bis zum Jahr 2010 noch auf 60 Prozent wachsen. Die Verkabelung durch die alte Bundespost (und ihren früheren Minister Schwarz-Schilling) war medienpolitisch motiviert, sollte Privatfernsehen ermöglichen und führte bei der Post und ihrem Rechtsnachfolger Telekom zu gewaltigen Verlusten, die zuletzt bei anderthalb Milliarden Mark jährlich lagen.

Peter Glotz
DPA

Peter Glotz

Jetzt verkauft die inzwischen gewinnorientierte Aktiengesellschaft Telekom ihre Kabel an (vorwiegend amerikanische) Interessenten, die dafür beachtliche Summen aufwenden. Warum tun sie das? Ihr Ziel ist die Aufrüstung dieser Kabel, die bisher vor allem für die Rundfunkverteilung genutzt wurden. Macht man die Kabel rückkanalfähig (was allerdings noch einmal bis zu zehn Milliarden Mark kosten wird) sind interaktive Dienste, Internet, Video on demand und Telephonie über das neue Kabel möglich. Ein Schlüsselproblem ist dabei die Digitalisierung, die erst ein Multimedianetz ermöglicht.

Heute herrscht im (analogen) Kabel wildes Gedränge, das nur mühsam von Landesmedienanstalten reguliert wird. Es gibt viel mehr Bewerber als Kanäle. Die Digitalisierung würde die Kanalkapazität vervielfachen und den Streit beenden. Wie aber managt man den Übergang? Die Digitalisierung verlangt ja nicht nur technische Veränderungen beim Sender, sondern auch beim Empfänger. Die Leute müssen Set-Top-Boxen kaufen, die die analogen in digitale Signale verwandeln. Solange nur wenige Kunden solche Boxen ordern, bleiben diese teuer. Solange aber nur wenige Menschen digitale Programme empfangen können, wird niemand hohe Summen in attraktive Programme investieren. Es entsteht das berühmte Henne-Ei-Problem. Der Zuschauer investiert nur in neue Technik, wenn er dafür spannende Inhalte geliefert bekommt. Die Programmmacher aber werden nur dann viel Geld in Sport oder Filme investieren, wenn diese nicht ins Leere gesendet werden. Eine Blockade.

Man kann auf diese Situation auf zweierlei Art reagieren: paläo-liberal oder industriepolitisch. Man kann entweder achselzuckend warten, ob genialisch risikofreudige Unternehmer durch große Vorab-Investitionen einen Käufermarkt aus dem Boden stampfen - oder man kann durch eine Initialzündung Rahmenbedingungen schaffen, die Wachstum generieren und den Wert des vergrabenen Kabels steigen lassen. Die Initialzündung verlangt allerdings medienpolitische Kenntnis der Örtlichkeit und Mut gegenüber der veröffentlichten Meinung.

Eine Initialzündung würde ausgelöst, wenn der Bund dem amerikanischen Beispiel folgte und für die Digitalisierung gesetzlich eine kurze Frist setzte. Wenn festgelegt wäre, dass im Jahr - sagen wir 2004 - nur noch digitale Programme verbreitet werden dürften, wäre die Nachfrage nach Set-Top-Boxen bald so groß, dass diese für 250 Mark statt für 1000 zu haben wären. Weniger als ein Zehntel der erwarteten Erlöse der UMTS-Lizenzen müssten (volkswirtschaftlich) aufgewendet werden, um alle Kabelhaushalte in Stand zu setzen, einige hundert Videostreams zu empfangen. Wer eine elegante Paket-Lösung zu Stande brächte, könnte unter Umständen sogar zu einer den Verbraucher entlastenden Teilsubventionierung der Endgeräte kommen. Die Folge wäre eine deutliche Belebung bei neuen Diensten und digitalen Produkten sowie bei hochwertigen Arbeitsplätzen der New Economy.

Ein ordnungspolitisches Problem wäre solch eine Politik schon. Sie stellte die technische Standardisierung in den Dienst der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik. Darüber kann man streiten. Hoffentlich streitet die deutsche Politik nicht so lange bis der Medienstandort Deutschland in der Wende zum Internetzeitalter endgültig als zweitrangig festgeschrieben ist.

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