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24.08.2000
 

Andy Müller-Maguhn

Ein Hacker will Direktor werden

Von Christian Ahlert

Andy Müller-Maguhn ist Sprecher des Chaos Computer Clubs und setzt sich für ein freies, egalitäres Internet ein. Ihn haben bis dato mehr Icann-Mitglieder unterstützt als jeden anderen Kandidaten. Ein Hacker auf dem Weg zum Direktor?

Wie läuft der virtuelle Wahlkampf?

Andy Müller-Maguhn:

Es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen, ob der Wahlkampf seit zehn Jahren läuft, jetzt gerade stattfindet oder im September ansteht. Aber Icann ist vom Prinzip her ja keine repräsentative Demokratie, und die At-Large-Membership-Wahl insofern auch nicht durch einen "virtuellen" Wahlkampf begleitet, wie man ihn von einer Bundestagswahl oder Ähnlichem kennt.

Was de facto passiert, ist, dass alle Kandidaten zum einen bei Icann selbst eine Darstellung ihrer Person und Programmpunkte aufgelistet haben, zum anderen jeweils diese Absichten durch eigene Webseiten und Netzaktivitäten zu untermauern versuchen. Vor allem aber laufen auf Mailinglisten große Diskussionen, deren Verfolgung alleine schon mehrere Stunden am Tag verschlingen kann. Zudem bekomme ich viele Fragen von Journalisten, vor allem aber von den Wählern selbst; hier kommen sowohl inhaltliche Fragen als auch Anregungen.

Der Wahlkampf wird nur innerhalb Deutschlands geführt, sollte nicht ein Direktor für Europa gewählt werden?

Müller-Maguhn: Von einem Wahlkampf innerhalb Deutschlands kann man nicht wirklich reden. Natürlich sind die meisten "alten" Medien mehr oder weniger national beschränkt, aber auf der Ebene der Mailinglisten und Netzforen diskutieren ja mittlerweile sowohl die Kandidaten als auch die Wähler quer durcheinander.

Andy Müller-Maguhn
DPA

Andy Müller-Maguhn

Ich denke, vor allem ab September werden sich alle Kandidaten mehr darauf konzentrieren müssen, Ansprechpartner für alle Wähler in allen europäischen Ländern zu sein.

Warum ist Icann politisch bedeutsam?

Müller-Maguhn: Die Entscheidungen von Icann über die Eigenschaften des Netzes haben letztlich Auswirkungen auf das Treiben aller Netzbewohner.

Die derzeit durch Entstehung und Technologie eingeschränkten Ressourcen wie IP-Nummern und Namen (Domains) müssen nicht nur in transparenter Art und Weise, sondern vor allem unabhängig von rein kommerziellen und regierungsseitigen Interessen vergeben werden, damit das Internet auch in Zukunft freien Informationsfluss für die Teilnehmer ermöglicht.

Auch wenn die Entscheidungen von Icann und ihren Gremien dem Außenstehenden möglicherweise zunächst technisch vorkommen mag, ist doch nicht abzustreiten, dass die Art und Weise, wie sich das Internet administrativ gegenüber den Teilnehmern, Unternehmen und Regierungen der verschiedenen Ländern verhält, entscheidend dafür ist, wie die Informationsgesellschaft in Zukunft aussieht.

Das Internet ist aber nicht nur Infrastruktur für vielschichtiges gesellschaftliches und wirtschaftliches Treiben, sondern vor allem ein globaler Kulturraum, der auch weiterhin freien Austausch der Menschen ermöglichen sollte. Ein allzugroßer Einfluss von kommerziellen oder regierungsseitigen Interessen wäre fatal.

Wie wollen Sie die europäischen Nutzer-Interessen vertreten - und was sind die Interessen der Nutzer?

Müller-Maguhn: Entscheidendes Interesse der Internet-Nutzer aus meiner Sicht ist auch in Zukunft, dass die Architektur des Netzes größtmögliche Entscheidungsvielfalt ermöglicht. Anders als beim Fernsehen oder anderen "alten" Medien ist der Nutzer in seiner Rolle nicht festgeschrieben, ob er also Sender, Empfänger oder sonstiges Element im Informationsfluss ist. Zudem muss aus meiner Sicht vor allem die Privatsphäre der Nutzer in geeigneter Weise in Zukunft gewährt werden.

Warum sollte man einen Hacker wählen?

Müller-Maguhn: Durch meine Rolle als Mitglied und Sprecher des Chaos Computer Clubs, der sich als Forum der Hackerszene versteht, bin ich bereits seit Mitte der achtziger Jahre mit den Netzen und generell mit gesellschaftlichen Folgen technologischer Entwicklungen vertraut.

Nach vielen Diskussionen, auch innerhalb des Clubs, habe ich zumindest den Eindruck, nicht nur die Erfahrungen von Anhörungen und Auseinandersetzungen mit der Politik einbringen zu können, sondern auch das technische Verständnis für die Funktionsweisen der Netzes, nebst einem Stab von aktiv in den technischen Details steckenden Beratern...

Zu Ihren ersten wichtigen Entscheidungen als Icann- Direktor würde es gehören, über die Einführung neuer Top-Level-Domains zu entscheiden. Unterstützen Sie dann ".sucks" oder ".firm"?

Müller-Maguhn: Falls ich tatsächlich nach der Wahl im Oktober als Icann-Direktor gewählt sein sollte, wird eine der ersten Diskussionen in der Tat die in Yokohama beschlossene Einführung neuer TLDs und das bereits initiierte vorbereitende Prozedere dafür sein. Da die Prozedur unter anderem "kostenpflichtige" Vorschläge für das Sponsoring von Top Level Domains vorsieht, stehen vermutlich einige Entscheidungen über Firmenvorschläge an. Ich habe im Prinzip nichts gegen kommerzielle Bestandteile des Netzes, solange diese die nicht-kommerziellen, beziehungsweise öffentlichen Bestandteile quer- subventionieren.

Auf die konkrete Frage würde ich also ".firm" für Firmen kostenpflichtig einführen und dafür aber durch ".sucks" auch Informationsangebote über unseriöses gewerbliches Treiben und gesellschaftliche Folgen von kommerziellen Betätigungen fördern wollen. So lange kommerzielle Aktivitäten den öffentlichen Raum erweitern und nicht einschränken, habe ich damit kein Problem. Ich würde mich dafür engagieren wollen, dass der Ausbau des öffentlichen Raumes genauso wie der Ausbau des kommerziellen Raumes vorangetrieben wird.

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