Von Christian Ahlert
Während in Deutschland die Nominierung der "freien Kandidaten" durch die At-Large-Mitglieder mehr Medienaufmerksamkeit erntet als mancher EU-Wahlkampf, und es potenzielle Kandidaten sogar auf die erste Seite des "FAZ"-Feuilletons schaffen, müssen die Anwärter auf das Amt eines Icann-Direktors in den anderen vier Welt-Wahlregionen ihren Wahlkampf ganz und gar auf das Mobilisierungspotential des Internet stützen. Sie alle haben ein Problem: Sie wissen nicht, wer die Mitglieder sind.
Karl Auerbach, der derzeit die nordamerikanische Kandidatenrangliste anführt, verbringt mindestens die Hälfte des Tages damit, mit den Icann-Mitgliedern über Mailinglisten und E-Mail zu kommunizieren. Heftig kritisiert er die Wahlplanung der Icann, weil diese ihm keine Möglichkeit gibt, sein Wahlvolk direkt anzusprechen: "Ich kann die At-Large-Mitglieder nicht via E-Mail erreichen, da Icann diese geheim hält".
Auerbach, studierter Jurist, der schon verschiedene Internet-Start-ups erfolgreich gegründet hat und als einer der prominentesten und kritischsten Beobachter der Icann gilt, sieht hierin sogar einen Verstoß gegen kalifornisches Recht. Dieses sieht vor, dass die Mitgliederlisten samt Kontaktadressen für Wahlzwecke zugänglich gemacht werden müssen.
Wahlkampf virtuell, ganz wie in der "richtigen" Welt: www.icannvote.com
Dass in den USA nicht nur das Internet weiter verbreitet ist als im Rest der Welt, sondern "E-Campainging" schon zur politischen Kultur gehört, beweisen die zahlreichen Campaign-Sites, die in den letzten Wochen entstanden sind. Emerson Tiller hat einen Wahlkampfauftritt entwickelt, der dem von George W. Bush oder Al Gore in nichts nachsteht. Unter www.icannvote.com präsentiert er ein eigenes Wahlkampflogo zum Herunterladen, das automatisch mit seinem Netzauftritt verlinkt, und ein E-Mail-Tool, mit dem man Freunden die Seite weiterempfehlen kann.
Doch generell ist in der Heimat des Netzes die Icann-Wahl "No big Deal". Weder die "New York Times", "Washington Post" oder prominente Online-Medien wie "Wired", CNN oder "Industry Standard" berichten über die Wahl. Meldungen in amerikanischen Medien beziehen sich, wenn es um Icann geht, auf deren wirtschaftliche Aufgaben - und nicht auf deren politische Dimension. Den Kandidaten bleibt als Kommunikationsweg nur das Internet, sie erreichen deshalb auch vornehmlich nur die etablierte Internetelite. Der normale Nutzer weiß nicht einmal, dass es Icann-Wahlen gibt.
Griechenland: Wahlkampf entfällt wegen Sonnenschein
Und das ist nicht nur in Amerika so. Der europäische Kandidat Constantine Chassapis hat zwar seine Homepage zur eigenen Wahlkampfsite umfunktioniert, aber die griechische Presse berichtet nicht über seine Kandidatur, und im Netz passiert auch nichts. Seine einfache Erklärung: "Neunzig Prozent der Griechen sind in den Ferien".
Die Taiwanerin Feng Ling Chiu ist Chefin einer IT-Firma und Kandidatin der Wahlregion Asien/Pazifik, die so unterschiedliche politische Kulturen wie Indien, Japan, China und Australien umfasst. Zwar hat sie ihren Internetauftritt in Englisch, taiwanischem und traditionellem Chinesisch ins Netz gestellt, damit auch Festlandchinesen ihre Kandidatur unterstützen, doch blickt sie misstrauisch auf den Aktionismus des chinesischen Staates: "Das China Network Information Center hat chinesische Internetnutzer Mitte Juli aufgefordert, sich als At-Large-Mitglied zu registrieren, und dafür sogar Geschenke verteilt. In nur zwei Tagen haben sich dann mehr als 15.000 Chinesen erfolgreich registriert. Insgesamt sind es nun über 34.000."
Private Wahlkampfseite von Feng Ling Chin: keine Chance gegen Kandidaten, die von Regierungen "gepusht" werden
Zwar kann die Online-Wahl nicht an realdemokratischen Maßstäben gemessen werden, doch müssen wenigstens rudimentäre demokratische Werte gelten, wenn die Wahl die Nutzer repräsentieren soll. Überraschenderweise weiß aber kaum ein Kandidat, warum es die Wahlen überhaupt gibt. Auf die Frage danach antworten viele ganz ungeniert: "No idea"!
Andere hingegen, wie der afrikanische Kandidat Berend Schuitema, haben eine durchdachte Begründung: "Das Internet ist ein neuer öffentlicher Raum, der in Gefahr ist, durch Leute mit Partikularinteressen kontrolliert zu werden. Der beste Weg, das Internet schützen, ist seine Demokratisierung."
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