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20.09.2000
 

Icann-Kandidat Winfried Schüller

"Ich rechne mir gute Chancen aus"

Von Christiane Schulzki-Haddouti

Der Telekom-Mitarbeiter Winfried Schüller wurde von Icann als Kandidat vorgeschlagen. Jetzt muss er mit den Publikumslieblingen Andy Müller-Maguhn und Jeanette Hofmann um die Gunst der Wähler buhlen. Bisher hat er sich zur Sache kaum geäußert. Nun, nach dem Ende der "Vorwahlen", bricht er sein Schweigen.

Was halten Sie vom bisherigen Wahlverlauf?

Winfried Schüller:

Bislang fand es zu sehr auf deutscher, zu sehr auf nationaler Ebene statt. Die EU hätte eigentlich eine Riesenchance gehabt, sich europaweit auf das Thema zu setzen, eine Plattform zu schaffen. Es ist von massiver wirtschaftlicher Bedeutung, dieses Thema nach Europa zu transportieren.

Warum?

Schüller: Es könnte sein, dass Icann zu einem repräsentativen Wahlverfahren übergeht - also dass die Direktorenpositionen entsprechend der registrierten Wähler besetzt werden. Bislang sind die Europäer im Board im Vergleich zu den Nutzern unterrepräsentiert. Im nächsten Jahr muss die Zahl der europäischen Icann-Wähler massiv hochgefahren werden - in der Größenordnung zwischen 300.000 und einer Million, was unserer Nutzung entspricht.

Wie kam es zu Ihrer Nominierung?

Winfried Schüller

Winfried Schüller

Schüller: Ich bin seit drei Jahren im Icann-Umfeld tätig. Da ich bei der Deutschen Telekom AG für IP-Produkte und Domain-Name-Produkte zuständig bin, habe ich in einem kleinen Kreis bei Icann mitgearbeitet. Daraus ergab sich auch der Vorschlag für die Nominierung. Nach dem Anruf des Nominierungskomitees, ob ich wollte, habe ich mir erst einmal 24 Stunden Bedenkzeit erbeten, weil es sich hier um eine zeitintensive Arbeit handelt. Ich musste auch mit meinem Arbeitgeber eine zeitweise Freistellung abklären. Nachdem hier das Okay kam, habe ich das im Kollegenkreis noch einmal besprochen. Ich habe das Know-how, die Kontakte, ich kenne die Szene und ich kenne Icann von Anfang an.

Was genau ist Ihre Aufgabe bei der Telekom?

Schüller: Ich habe die Aufgabe, globale IP-Produkte zu entwickeln. Dazu gehört auch die internationale Gremienarbeit. Ich habe die Aufgabe, die zehn Mitarbeiter der Telekom und ihrer Tochterfirmen, die in den Gremien der Supporting-Organisationen von Icann wie IETF oder W3C sitzen, zu steuern. Dabei geht es darum, dass Investitionen in die richtige Richtung getätigt werden und kommende Entwicklungen wie Ipv6 entsprechend zu begleiten und Implementierungen im Netz zu ermöglichen.

Werden Sie als At-Large-Direktor bei Icann privat oder als Telekom-Mitarbeiter mitarbeiten? Können Sie das überhaupt trennen?

Schüller: Ich kandidiere ganz klar als Privatperson. Ich bin aber Angestellter der Telekom und beschäftige mich auch beruflich mit diesen Dingen. Von daher lässt sich das nicht immer leicht trennen. Aber ich bin mir dieser Situation voll bewusst und glaube, damit umgehen zu können. Ich kann das Wissen, das ich im Unternehmen gewinne, nutzen, um effizient als At-Large-Direktor arbeiten zu können. Die Interessen der Telekom als Internet Service Provider und Registrar werden von anderen Personen in den Gremien vertreten. Da ich weiß, wer in den Gremien auf der Supporting-Ebene sitzt, habe ich die nötigen Informationen und kann sinnvoll Einfluss nehmen. Derjenige, dem diese Information fehlt, erhält sehr stark vorgefertigte Ergebnisse, die dann nur auf der Entscheidungsebene im Board diskutiert werden, aber nicht vorher in der eigentlichen Erarbeitung dieser Dinge.

Werden wir einmal konkret: Wie bewerten Sie das Schlichtungsverfahren der Icann? Werden nicht nicht-kommerzielle gegenüber kommerziellen Domainnutzern benachteiligt?

Schüller: Ich halte das Verfahren in seiner Anwendung derzeit für ausgewogen und angemessen. Dass wirtschaftliche Interessen gegenüber einer privaten Nutzung, wie beispielsweise im Streit um wdr.de, Vorrang haben sollen, ist richtig. Denn wir haben ein großes Problem mit Cybersquatting: Erst kürzlich ließ sich eine koreanische Firma alle Kürzel, die mit UMTS in Verbindung standen, reservieren und bot sie dann zu astronomischen Preisen an. Genau dieses Verhökern von Domain-Namen befürworte ich nicht. Auch halte ich es nicht für richtig, wenn ein Land wie Tuvalu seine Domain .tv verkauft, auch wenn ich die Beweggründe nachvollziehen kann. Hier müssen eindeutige Regeln zur Verfügung stehen. Im Falle von .tv müsste man eine andere Domain für kommerzielle Zwecke wie .television einführen.

Wie sollte das Top-Level-Domain-System weiter entwickelt werden? Sollte es 12, 40 oder gar 100 neue TLDs geben?

Schüller: Im Augenblick wird diskutiert, zwischen fünf und zehn neue TLDs frei zu geben. So wie das System heute aufgebaut ist, würde man es mit 40 neuen TLDs garantiert technisch und organisatorisch überfrachten. Die kontinuierliche Weiterentwicklung des Systems ist daher die einzige Möglichkeit, da dies auch Stabilität garantiert. Sie können sich vorstellen, was los ist, wenn das System instabil ist. Dann geht nämlich nichts mehr.

Für die Einführung welcher Top-Level-Domains votieren Sie?

Schüller: Für mich ist das keine Frage der persönlichen Präferenz, ob es eine TLD namens .bank oder .shop geben wird. Es laufen derzeit Abfragen auf dem Markt, welche gebraucht werden. Die Ergebnisse sollen auf dem nächsten Icann-Treffen in Los Angeles vorgestellt und diskutiert werden.

Würden Sie sich für eine .eu-TLD gegen den Widerstand der Standardisierungsorganisation ISO einsetzen?

Schüller: Die ISO-Standards sind ja auch nicht in Marmor gemeißelt und müssen entsprechend weiterentwickelt werden. Für den europäischen Raum ist eine solche TLD sehr sinnvoll. Damit können sich Firmen europaweit registrieren lassen, ohne sich noch einmal separat für .de oder .fr eintragen lassen zu müssen.

Welche Chancen rechnen Sie sich in der letzten Wahlrunde gegenüber den Publikumsfavoriten Andy Müller-Maguhn und Jeanette Hoffmann aus?

Schüller: Ich rechne mir gute Chancen aus, sonst würde ich nicht kandidieren. Ich glaube nicht, dass die Vorwahlen ein Spiegelbild der eigentlichen Wahlen abgeben. Andy Müller-Maguhn ging mit Abstand als Sieger aus der Vorwahl hervor. Ich führe das darauf zurück, dass die Wählerschaft, die er erreicht, sehr gut vernetzt ist. Sie hat meinen Respekt, wie sie das aus dem Stand aufgezogen hat. Das ist eine organisatorische Leistung. Diejenigen, die jetzt noch nicht gewählt haben, gehören vermutlich zu einer sehr heterogenen Gruppe. Hier ist es eine Aufgabe, ein entsprechendes Bewusstsein zu erzeugen und mit den potenziellen Wählern zu kommunizieren.

Bislang hat man ja wenig von Ihnen gehört.

Schüller: Um die Vorwahlen nicht zu beeinflussen, habe ich mich bislang auch zurück gehalten. Aber das wird sich jetzt ändern.

Haben Sie Telekom-Mitarbeiter mobilisiert?

Schüller: Wir haben bewusst auf eine Mobilisierung der Mitarbeiter verzichtet, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass wir mit solchen Methoden die Wahl beeinflussen. Die Wahl soll transparent ablaufen. Es ist nicht mein Stil, zu solchen Maßnahmen zu greifen. Allerdings informieren wir intern darüber, dass die Wahl läuft. Mitarbeiter können sich hier über ihren privaten Anschluss daran beteiligen.

Können Sie sich Loyalitätskonflikte vorstellen?

Schüller: Eigentlich nicht. Die Telekom versucht auf dem Markt kommerziell erfolgreich zu sein. Das kann sie nur dann sein, wenn sie die Nutzerbedürfnisse optimal erfüllt. Dann wird das, was angeboten wird, auch von den Nutzern nachgefragt. Das Interesse der Telekom muss sich daher mit dem Interesse der Nutzer treffen. Weil ich beide Seiten kenne, kann ich hier gut vermitteln. Ich verstehe mich als Vertreter, der die Interessen von 8,3 Millionen Internet-Usern europaweit vertritt.

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