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Der "Fall Explorer" Auf Sand gebaut

Gab es den "Symicron Explorer" wirklich schon 1991? Nein, sagt der Mann, dessen "Chip"-Artikel aus jenem Jahr als "Beweis" für die frühe Existenz des Produktes herhalten muss.

"Explorer" in Nöten
SPIEGEL ONLINE

"Explorer" in Nöten

Nach Informationen von "Freedom for Links" mahnte das Düsseldorfer Unternehmen Symicron innerhalb der letzten eineinhalb Jahre mindestens 51 Privatpersonen und Firmen wegen der Benutzung des markenrechtlich geschützten Begriffes "Explorer" ab. "Explorer" hat sich damit zu einem der meistabgemahnten Namen entwickelt. Eine ursprünglich vom Heise-Verlag initiierte Recherche des Autors führte zu der These, dass Symicrons Explorer das Produkt einer Verwechslung sein muss, bei der damals der Name einem anderen, in Planung befindlichen Produkt übergestülpt wurde.

Kritiker zweifelten immer an, dass es das Produkt wirklich schon zu dem Zeitpunkt gegeben habe, den das Unternehmen als Entstehensdatum reklamiert. Sie scheinen recht zu haben: Alles deutet darauf hin, dass Symicron 1995 die "Rückdatierung" ihres Produktes gelang - auf Grund einer folgenreichen Verwechslung in einem Computermagazin.



Symicrons "Beweis": Ein Artikel aus dem Jahr 1991

Auf diese Veröffentlichung konnte sich die Firma Symicron berufen, als sie den Namen Explorer als Warenzeichen beim Deutschen Patentamt eintragen ließ. Das passierte im Jahre 1995, als etliche Artikel in der Computerpresse bereits ausführlich über den neuen Explorer von "Windows 95" informiert hatten. Für Symicron war das kein Problem, konnte die Firma bei der Anmeldung des Namens doch auf einen Artikel in der Computerzeitung "Chip" verweisen, in dem der "Windows-Explorer" von Symicron anscheinend bereits im Jahre 1991 beschrieben wurde.

Der Multimedia-Spezialist des Blattes, Claus Vester, versuchte sich in der Dezemberausgabe unter dem Titel "Werkzeuge der neuen Art" an einer Bestandsaufnahme von Multimedia-Programmen für DOS-Computer. Viel gab es damals nicht. Vester besprach die Software "Klick!" der Firma Symicron, die als Bildarchiv für die Bildauswertung von Einzelbildern konzipiert war.

Gegenbeweis: Die Symicron-Broschüre zur Systems 1991 - vom "Explorer" keine Spur

"Klick!": Ein Produkt, für das Symicron Anfang der Neunziger warb. Ein "Explorer" war da noch nicht in Sicht

"Klick!": Ein Produkt, für das Symicron Anfang der Neunziger warb. Ein "Explorer" war da noch nicht in Sicht

Für Klick! hatte Symicron im Herbst 1991 zur Computermesse Systems eine größere Werbekampagne gestartet. Ein "Büro für technische Anwendungspublizistik und Product Marketing Ledwon TPL" verschickte damals Pressemeldungen, in denen Klick! in den höchsten Tönen gelobt wurde.

Mit der Pressemeldung verschickte TPL eine kleine Broschüre "Multimedia by Symicron - Ihr Computer lernt sehen", in denen alle Produkte des Hauses aufgeführt waren, ein "Data-Access-Picture", ein "Data-Access-Picture-Labor", ein "Data-Access-Picture-MW" (Materialwirtschaft) und die Fakturierungssoftware "Data-Acess-BDE II+" - von einem Explorer keine Spur.

Nach der Systems verschwand das kurzlebige Pressebüro "TPL" von der Bildfläche: Diese Firma war vom Unternehmensberater Ledwon in Meerbusch nur dazu gegründet worden, die neue Klick!-Software seines Kunden Symicron in der Presse zu promoten.

Redaktionsbesuch: Claus Vester erfährt von den Symicron-Planungen zu "Explora"

Während der Arbeit am "Chip"-Artikel wurde Claus Vester in der Redaktion vom Symicron-Chefingenieur H.D. Zittier besucht, der ein weiteres, in Planung befindliches Multimedia-Produkt beschrieb: "Explora" sollte es heißen und ein bildorientiertes Autorensystem sein.

Teile eines Video-Einzelbildes sollten dabei als Schaltflächen definiert werden können, auf dass sich der Anwender durch eine Bildpräsentation klicken könne. Vester notierte sich die Funktionsweise des Produktes, wie es ihm erzählt wurde - und baute später einen "Symicron Explorer" in den Artikel ein, der noch viel später als Beweis beim Patentamt herhalten musste: Aus "Explora" war "Explorer" geworden.

Die Erklärung für diese Übertragung ist einfach: Kurz vor der Systems fand 1991 in Wiesbaden der erste deutsche Multimedia-Kongress statt, der von Claus Vester besucht wurde. Auf diesem Kongress sorgte die Firma Compton für Furore, weil sie die "Compton's Multimedia Encylopedia" vorstellte, die mit einem Programm namens "Picture Explorer" arbeitete. Klick für Klick sollten sich selbst Kinder durch die Enzyklopädie bewegen können, einfach durch Klicken auf aktive Bilder.

"Als ich über Symicrons Explora schreiben wollte, hatte ich Comptons Explorer im Kopf", erklärt sich Vester heute die Verwechslung.

Vester weiter: "Vielleicht haben die Leute von Symicron auch den Kongress in Wiesbaden besucht und über die Compton-Software die Idee zu ihrem Explora entwickelt, die sie mir dann erzählten."

Es dauerte genau ein Jahr, bis Compton mit seinem Picture Explorer für Schlagzeilen sorgte. Auf der amerikanischen Computermesse Comdex lud die Firma im Herbst 1992 Journalisten zu einem Bankett, auf dem sie ein Patent, basierend auf ihrem Explorer, präsentierte. Der Titel des Patents: "Multimedia search system using a plurality of entry path means which indicate inter-relatedness of information."

Es sollte für "alle Datenbankabfragen und Verknüpfungen multimediale Informationen in einer benutzerfreundlichen Weise aufbereiten; auf alle Abfragen und Verknüpfungen eine Multimedia-Datenbank, bestehend aus Texten, Bildern, Audioquellen und Animationen, durchsuchen sowie nach grafischen und textorientierten Informationen suchen können."

Claus Vester ist der Autor eines Artikels aus dem Jahr 1991, der angeblich die frühe Existenz des "Explorer" beweist

Claus Vester ist der Autor eines Artikels aus dem Jahr 1991, der angeblich die frühe Existenz des "Explorer" beweist

Sprich: Compton versuchte, Hyperlink-Strukturen zu patentieren. Jede Firma, die CD-ROMs produzierte, jeder Online-Dienst, jedes Videotext-Programm, jeder kommerzielle Bilderdienst sollte ein Prozent des fortlaufenden Nettogewinnes an Compton überweisen.

Leider scheiterte der Megaplan: Comptons Patent wurde 1994 für ungültig erklärt. Als mit dem World Wide Web das Internet erstmals auf dem Radarschirm der Multimedia-Branche erschien, durfte verknüpft und aufbereitet werden, was das Zeug hielt.

Genau dieser Zustand ist es, der mit den "Explorer"-Abmahnungen der Firma Symicron erneut zur Debatte steht. Geht es nach dem Verteidiger dieser von Symicron glücklich errungenen Namensmarke, so muss vor dem Setzen eines Links sorgfältig geprüft werden, ob das Markenrecht verletzt werde. Ein solchermaßen juristisch "austariertes" Internet wäre das Ende des Mediums.

Anfang dieser Woche mussten Symicron und der Anwalt des Unternehmens, Günter Freiherr von Gravenreuth, vor dem Landgericht Düsseldorf eine erste Schlappe hinnehmen. Das Gericht entschied zu Gunsten von Stefan Münz, der es "gewagt" hatte, auf seiner Website einen Link hin zu einem "Explorer"-Produkt zu setzen.

Gut möglich, dass dies eine Trendwende einleitet. Die Symicron-Abmahnungen fußen auf der markenrechtlichen Anerkennung des Produktes Explorer. Symicron bekam diese Rechte zugesprochen, weil das Unternehmen die Existenz des Produktes über den Zeitschriftenartikel aus dem Jahr 1991 nachweisen konnte. Doch die Nennung des Produktnamens "Explorer", versichert der Autor, beruhte auf einer Verwechslung. Symicron besaß 1991 kein Produkt namens "Explorer", das zeigen auch die Broschüren der Firma aus diesem Jahr. Die "Marke" Explorer ist auf Sand gebaut.

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