Von Jochen A. Siegle
Ansturm im Netz: Der "Herr der Ringe" lockt die Fans ins Internet
Der Erfolg der Buchvorlage aus den fünfziger Jahren spricht für sich: Übersetzt in mehr als 40 Sprachen verkaufte sich "Herr der Ringe" über 90 Millionen Mal. Nun bricht auch das Web-Angebot zur Verfilmung des Kultromans alle Rekorde. Mehr als 40 Millionen Surfer besuchten in den ersten zwei Tagen die runderneuerte Site zu den Abenteuern des kleinwüchsigen Hobbits Frodo Baggins. In den drei darauf folgenden Tagen verbuchte Lordoftherings.net weitere 22 Millionen Abrufe.
"Wir haben zwar mit hohem Traffic gerechnet, dass der Run auf die Seite aber derart groß sein wird, hätten wir nie erwartet", so Gordon Paddison. Der Senior Vice President für Marketing bei der Produktionsgesellschaft New Line Cinema zeigte sich sichtlich überrascht vom Erfolg der überarbeiteten Site.
Dabei sorgt der offizielle Ringe-Webauftritt schon seit Monaten für mächtig Verkehr: Als vergangenen April Szenen von Dreharbeiten in Neuseeland zu sehen waren, zählte Paddison in weniger als 24 Stunden 1,7 Millionen Seitenabrufe - der Trailer zu "Star Wars Episode I" konnte bei seiner Web-Premiere gerade mal eine Million Klicks verbuchen.
Vergangenen Freitag ging nun der erste, knapp zwei Minuten lange Trailer (benötigt Real-Player) zum ersten Teil der Ring-Trilogie, "The Fellowship of the Ring", online. Bis Weihnachten 2003 soll die Site wöchentlich um neue Features erweitert werden, denn erst dann wird der dritte und letzte Teil in den Kinos angelaufen sein.
Bilderschnipsel und Digi-Hörproben vom Set
Aufpoliert: Der neue Webauftritt des wahrscheinlichen Kultfilms
Dabei findet die Online-Community durchaus auch Gehör: Die Produzenten beraten mit den Fans etwa, welche Übersetzung für die Synchronfassung verwendet werden soll. Selbst bei Tests von Werbematerial wird die Ringe-Gemeinde eingebunden. Internetgerüchte, Regisseur und Drehbuchautor Peter Jackson habe auf Drängen von Hobbit-Fanatikern das Skript umgeschrieben, erwiesen sich mittlerweile jedoch als Web-Ente.
Filmszene: Brücke in ein neues Hollywood-Zeitalter
Hollywood eifert Indies nach
Trotz teilweise großer Berührungsängste mit dem neuen Medium nutzt Hollywood das Internet schon seit Jahren als Marketingplattform. Bislang hatte jedoch keines der großen Studios das Netz derart konsequent, kreativ und vor allem früh eingesetzt. Normalerweise starten Filmsites gerade mal drei Monate vor der Kinopremiere.
Für "Herr der Ringe" hat "Tinseltown" offensichtlich bei der Independent-Konkurrenz abgeschaut, die längst die Filmszene im Web dominiert: "The Blair Witch Project", der verwackelte Überraschungshit zweier Regieneulinge aus Orlando, hatte dem Filmbusiness 1999 eindrucksvoll demonstriert, wie das Internet zu nutzen ist - Internetgerüchte, kurze Filmsequenzen und gefakte TV-Nachrichtenclips inklusive. Seitens der großen Studios ist bislang nur die originelle Site zur "Austin Powers"-Klamotte - ebenfalls eine New-Line-Produktion - positiv aufgefallen: Neben verschiedenen Spielchen waren etwa auch Screensaver oder Soundfiles aus der Bond-Persiflage zum Download angeboten worden.
"Websites zu Kinofilmen sind ein wichtiges Instrument, um schon vor der ersten Ausstrahlung den Streifen ins Gespräch zu bringen", erklärte jüngst Idil Cakim vom Internet-Marktforscher Cyber Dialogue. "Ist die Moviesite ein Hit, überträgt sich das Interesse in die Offline-Welt." Ob sich ein derartiger Online-Hype aber über drei Jahre hinweg halten lässt, muss der "Herr der Ringe" erst noch beweisen.
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