23. März 2001, 09:12 Uhr

Kosovo-Konflikt

Schwerter zu Webservern

Von Steven Geyer

Eine globale Initiative von Studenten und Professoren aus Berlin, Paris, New York und San Jose erforscht, wie man künftige Kosovo-Krisen per Online-Verbindung verhindern kann. An der ersten Weltkonferenz konnte jeder über das Internet teilnehmen.

Übers Internet Kontakte in aller Welt: Screenshot der letzten Online-Konferenz

Übers Internet Kontakte in aller Welt: Screenshot der letzten Online-Konferenz

Colette Mazzucelli hat einen Traum: Sie will, dass ihre amerikanischen Mitbürger die Fernsehbilder aus dem Kosovo nicht mehr schulterzuckend ansehen. Sie will, dass die Amerikaner mitentscheiden, welche Politik die US-Regierung in Mazedonien einschlägt. "Dazu müssen sie wissen, was dort wirklich vorgeht", erklärt sie. "Und dazu brauchen sie echte Kontakte zu Menschen im Kosovo."

Mazzucelli ist Politikwissenschaftlerin am New Yorker East-West Institute und beschäftigt sich seit 1994 mit Konfliktvermeidung auf dem Balkan. Ihr Ansatz dafür ist ungewöhnlich. Über das Internet will sie Menschen in aller Welt - Akademiker, Politiker, aber auch Bürger und Schulkinder - miteinander in Kontakt bringen. "Dies könnte auch dazu beitragen", sagt sie, "zukünftigen Krisen im Kosovo vorzubeugen. Es kann ein Frühwarnsystem für potenzielle Konflikte sein."

Das Internet nutzen, um die Krise zu veranschaulichen

Sie weiß, dass das noch Zukunftsmusik ist, aber mit ihrem aktuellen Projekt will sie daran mitkomponieren. Nach den Nato-Luftangriffen auf Jugoslawien im Frühjahr 1999 startete sie gemeinsam mit Münchner und Pariser Universitäten ihr Seminar "Ein Dialog transatlantischer Bürger für das Kosovo". Im letzten halben Jahr arbeitete sie an der Berliner American Academy an einem Buch und an einem Teil einer Uno-Studie über Internet-Pädagogik. Die Frage: Wie kann durch Online-Ausbildungskurse Schülern und Bürgern in aller Welt die Situation im Kosovo nahe gebracht werden? Wie kann man das Internet nutzen, um die Bedeutung der Krise für die Weltgesellschaft vor Augen zu führen?

Sie sieht ein Dreieck "Diplomatie - Bildung - Technologie", das die Weltpolitik von morgen bestimmen werde. Das Ende der ethnischen Konflikte durch grenzüberschreitenden Online-Chat. Schwerter zu Webservern. Das alles klingt sehr visionär. Aber Colette Mazzucelli ist optimistisch: "Wir dürfen das Potenzial des Internet nicht nur theoretisch nutzen", sagt sie, "sondern müssen ganz praktische Projekte organisieren." Internet-Videokonferenzen zwischen Staatsmännern gehören ebenso dazu wie die demokratische, weltoffene Ausbildung, die per Webserver in ein (virtuelles) Klassenzimmer im Kosovo gebracht werden kann.

"Menschen, die morgen entscheiden, brauchen heute den Kontakt vor Ort"

Durch das "TISK2000" (Transatlantic Internet Seminar Kosovo) sollen Amerikaner und Westeuropäer, die sich für den Balkan interessieren, virtuell Leute vom Balkan treffen. Diese stoßen über Initiativen vor Ort oder über eine Newsgroup (TISK2000@egroups.com) zum Projekt. Da viele junge Akademiker teilnehmen, meint Mazzucelli, dass Menschen mitmachen, die "morgen entscheiden müssen, wie der Westen im Kosovo handelt. Deshalb ist es gut, wenn sie Kontakt zu Leuten vor Ort haben."

Albanische Flüchtlinge in Mazedonien: Die wirkliche Tragik des Konfliktes erkennen
REUTERS

Albanische Flüchtlinge in Mazedonien: Die wirkliche Tragik des Konfliktes erkennen

Die Ergebnisse ihrer Studie, die sie am Donnerstagabend in Berlin vor Medienwissenschaftlern, Konfliktforschern, aber auch Kosovo-Experten des Auswärtigen Amtes vorstellte, wurden per Live-Webcast in auch in New York, Houston, San José (Costa Rica) und im Kosovo diskutiert. Von Mazzucelli in Berlin wurde zu Roger Boston nach Houston geschalten, der die technischen Möglichkeiten und Grenzen des Internet beschrieb. Er gab weiter an eine Studentengruppe in New York, die über ihre Arbeit am Projekt berichtete und flugs zurück nach Berlin schalten ließ, wo schon Armand Burguet wartete, der Gründer einer belgischen Wohltätigkeits-Organisation, die die Schulen im Kosovo ans Internet bringen will.

Interessierte aus aller Welt konnten per Audio- und Videostream dabei sein. Und per Text-Chat, in dem über die Webcast-Referate diskutiert werden sollte. Gerade die Privatuser zeigten dem Projekt aber seine derzeitigen Grenzen auf. Aus Pristina hieß es immer wieder: Wir haben ein Problem, Houston! Lulzim Peci, der aus dem Kosovo mitchattete, konnte den Stream wegen seines langsamen Modems nicht empfangen, und wenn ihm der Chat nicht abstürzte, dann ging es den deutschen und amerikanischen Chattern meist um technische Fragen: "Wie ist der Ton in New York?"

Ein Redner zeitgleich für München, Paris, New York und San José

Doch gerade das sei wichtig, erklärte Projektleiterin Colette Mazzucelli: "Wir wollen von Teilnehmern aus dem Kosovo und Costa Rica wissen, wie die Verbindung funktioniert", sagte sie. "Nur so können wir die technischen Werkzeuge so kombinieren, dass der Austausch effektiv ist." Immerhin: Schon beim ersten öffentlichen Online-Seminar, das die Berliner American Academy organisierte, gab es auch echten Austausch zwischen den Westeuropäern und Amerikanern und den Kosovaren: Informationen, e-Mail-Adresse, sogar Telefonnummern.

Seine erste Testphase erlebte das Projekt bereits im letzten Herbst mit dem Universitäts-Seminar über "ungewöhnliche Zugänge zu internationalem Frieden und Konfliktlösung" am Beispiel des Kosovo-Konflikts. Einmal pro Woche sprach ein Professor oder Gast gleichzeitig vor Teilnehmern in München, Paris, San José, Houston und New York. Online natürlich.

Aus Deutschland waren 26 Studenten vom Centrum für angewandte Politikforschung der Münchner Uni dabei. Für das neue Projektseminar, das sich ab nächstem Jahr auch um die Vernetzung von Schulen im Kosovo kümmern soll, haben sich schon jetzt 256 Interessenten aus allen Erdteilen eingeschrieben.

Colette Mazzucelli nennt den Ansatz des Projektes "ganzheitlich": "Die Teilnehmer beschäftigen sich intensiv mit der politischen und institutionellen Seite wie dem Ablauf des Wiederaufbaus und dem Stabilitätspakt", erklärt sie. "Aber der Kontakt und der Austausch mit den Menschen vor Ort führt ihnen deren Trauma und Angst vor Augen. Erst dadurch können sie die wirkliche Tragik des Konfliktes erkennen."


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